LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry sucht Jim

Mehrere Tage ließen wir uns in Richtung Süden treiben. Wir hatten warmes Wetter und waren unendlich weit von zu Hause weg. Nun glaubten die beiden Halunken sich wieder in Sicherheit und begannen von neuem, auf die Dörfer zu gehen.

Sie versuchten es mit Vorlesungen über Mäßigkeit; ein anderes Mal mit Tanzkursen. Später versuchten sie es mit Hellsehen. Doch überall warf das Publikum sie raus. Es schien, als hätten sie mit nichts Glück. So gingen Tage ins Land, bis sich die beiden wieder was Neues überlegten. Allerdings gewährten sie uns keinen Einblick in ihre unseriösen Pläne.

Eines Morgens brachten wir unser Floß wie gewöhnlich in ein sicheres Versteck. Der König ging an Land und befahl uns, im Versteck zu bleiben. Wenn er bis Mittag nicht zurück wäre, würde es heißen, dass man in dieser Gegend noch nie von ihnen gehört hätte und die Luft somit rein wäre. Dann sollten der Herzog und ich nachkommen.

So kam es auch. Wir fanden den König in einem Hinterzimmer einer miserablen Destille. Er war schrecklich besoffen. Der Herzog schimpfte ihn einen alten Idioten. Mitten im Schimpfen erkannte ich die günstige Gelegenheit und haute ab. Atemlos kam ich zum Floß und rief nach Jim.

Aber es kam keine Antwort. Jim war fort. Da setzte ich mich erst einmal hin und weinte. Aber dann ging ich zurück auf die Straße und sprach einen Jungen an. Der sagte mir, dass die Straße weiter unten ein weggelaufener Neger erwischt wurde. In der Nähe wo Silas Phelps wohnt. Wir sprachen noch darüber, was für ein gutes Geschäft man macht, wenn man einen weggelaufenen Neger einfängt. Der Junge erzählte, dass der Neger sogar einen Zettel dabei gehabt hätte, auf dem gestanden hätte, dass er von einer Farm in der Nähe von New Orleans herkäme.

Da war ich mir sicher, dass es Jim war. Meine Gefühle schwankten. Mal war ich froh, dass Jim gefangen war, dann wieder hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich einem Neger zur Flucht verholfen hatte. Wenn sie das in St. Petersburg jemals erfahren sollten….

Ich versuchte zu beten. Aber es ging nicht. Ich war voller Zweifel. Schließlich kam mir der Gedanke, einen Brief an Miss Watson zu schreiben. Vielleicht fühlte ich mich dann besser. Ich schrieb: "Liebe Miss Watson, Ihr weggelaufener Neger ist zwei Meilen unterhalb von Pikesville. Mr. Phelps hat ihn eingefangen und wird ihn Ihnen geben, wenn Sie ihm die Belohnung schicken. Huck Finn."

Nun fühlte ich mich wie neugeboren. Ich hätte jetzt beten können, aber mir gingen Gedanken an unsere Reise durch den Kopf. Ich sah Jim vor mir, wie er auf dem Floß stand, einzelne Momente unserer Reise hatte ich direkt vor Augen. Ich hörte seine Stimme und fühlte seine Umarmung, wenn ich immer wieder zurückkam. Mein Blick fiel auf den Brief! Ich nahm ihn, meine Hand zitterte, denn jetzt musste ich mich entscheiden. Dann sagte ich laut: "Lieber will ich in die Hölle kommen!" und zerriss das Papier in kleine Stücke.

Ich verscheuchte alle Gedanken an Reue aus dem Kopf und beschloss, Jim noch einmal aus der Sklaverei zu retten. Dazu kundschaftete ich eine bewaldete Insel aus, die weiter flussabwärts lag. Dort versteckte ich das Floß und legte mich schlafen.

Am nächsten Tag zog ich einen Anzug an und schnürte mir ein Bündel. Dann fuhr ich mit dem Kanu ans Ufer und versteckte alles. Als ich losging, sah ich bald ein Schild worauf stand: Phelps Sägemühle. Dreihundert Meter weiter waren die dazugehörigen Häuser. Aber es war alles wie ausgestorben. Als ich in den Ort weiterging, begegnete ich als erstes dem Herzog. Der besaß die Frechheit, wieder Zettel anzuschlagen, auf denen sie ihr Theaterstück anboten. Im Handumdrehen war ich neben ihm.

Er wunderte sich und fragte, ob ich das Floß auch gut versteckt hätte und wo ich gewesen wäre. Ich erzählte ihm eine meiner erfundenen Geschichten und dass ich das Floß nicht mehr vorgefunden hätte. Ich hätte geglaubt, dass sie Beide mit Jim dringend fort gemusst hätten. Ich erzählte, dass ich die Nacht im Wald verbracht hätte und bettelte, dass er mir sagen solle, wo denn nur mein Neger Jim wäre.

Da kam auf, dass der König vierzig Dollar ergaunert hatte und unbedingt das Weite suchen musste. Wie er ihn nachts ans Ufer gebracht hatte, sahen sie, dass das Floß nicht da war und glaubten, ich wäre ausgebüchst.

"Aber ich würde doch nie ohne meinen Neger Jim gehen. Er ist das einzige Eigentum auf der Welt das ich habe!", rief ich.

Der Herzog meinte, es wäre ja unser aller Neger gewesen. Dann rückte er mit der Wahrheit raus. Der König hätte den Neger verkauft und nun hatte der Herzog Angst, dass Jim ihn verpfeifen könnte. Ich wimmerte und sagte, dass ich los wollte, meinen Jim zu suchen.

Dann sagte der Herzog mir eine falsche Anschrift. "Er ist bei einem Farmer mit Namen, ähm, Abraham Foster. Er wohnt vierzig Meilen landeinwärts." Er ließ mich losziehen, den Neger zu suchen. Ich müsse eben rechtzeitig in drei Tagen wieder zurück sein. Das versprach ich.

Ich sah mich nicht um, aber ich fühlte, dass er mich beobachtete. Eine Meile weit ging ich ins Land rein, dann machte ich Halt und ging zurück, bis ich an die Besitzung von Phelps kam. Es war schon besser, meinen Plan gleich durchzuführen, damit Jim den Mund hielt, bis die beiden Halunken den Ort verlassen hatten. Ich wollte sie endlich für immer loswerden.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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