LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry trifft Tom Sawyer

Ich fuhr mit dem Wagen in Richtung Stadt. Auf halbem Wege kam mir Tom Sawyer in einem anderen Wagen entgegen. Als er mich erkannte, blickte er mich sprachlos an; als wäre ich von den Toten auferstanden. Na ja, für ihn war ich das wohl auch. Sie glaubten ja alle, ich wäre gestorben.

Als wir geklärt hatten, dass ich wirklich kein Gespenst war, erzählte ich ihm, dass ich in der Klemme saß. Er überlegte ein paar Minuten, dann sagte er: "Nimm du meinen Koffer und tu so, als wäre es deiner. Und dann gehst du zu der Zeit zurück, in der du erwartet wirst. Ich komme dann in ungefähr einer halben Stunde an. Du musst so tun, als ob du mich gar nicht kennst."

"Ist gut", sagte ich. Und dann erzählte ich ihm von Jim. Nach reiflicher Überlegung sagte Tom, er wolle mir helfen, den Neger zu stehlen. Ich war erstaunt. Tom sank gewaltig in meiner Achtung. Unglaublich, Tom Sawyer - ein Sklavendieb! Wir verabredeten, dass keiner je einen Neger gesehen hatte.

Für den weiten Weg kam ich viel zu rasch zu den Phelps. Der alte Herr stand gerade unter der Tür und war überrascht. Er war der beste Kerl, der mir je begegnet ist. Er war ja auch nicht nur Farmer sondern auch Prediger und betreute eine kleine Kirche, die er selbst aufgebaut hatte.

Eine halbe Stunde später fuhr Tom in seinem Wagen vor. Tante Sally sah aus dem Fenster und war erstaunt über den Fremden. Tom hatte seinen besten Anzug an, nahm gewandt seinen Hut ab und fragte, ob er bei Herrn Archibald Nichols wäre. Die Phelps verneinten, luden ihn aber zum Mittagessen ein und wollten ihn anschließend zu Nichols bringen.

Tom dankte herzlich und vornehm. Drinnen erzählte er, dass er aus Hicksville wäre und was dort gerade los wäre, was ihm so einfiel. Ich wurde nervös. Plötzlich beugte er sich zu Tante Sally rüber, küsste sie auf den Mund und lehnte sich dann bequem in seinem Stuhl zurück. Tante Sally sprang entsetzt auf. Tom tat erstaunt. Alle hätten ihm gesagt, er solle sie küssen, sie würde das so gerne mögen. Doch die Tante musste sich mächtig zusammennehmen. Ihre Augen blitzten und ihre Finger zuckten. Sie hinterfragte genau. Tom entschuldigte sich und sagte, dass er es nie wieder tun wollte. Kleinlaut hängte er noch an: "Und ich habe geglaubt, dass Sie die Arme ausbreiten und Sid Sawyer herzlich grüßen würden."

Tante Sally fiel aus allen Wolken. Tom erklärte ihr, dass es ganz überraschend dazu kam. Wir aßen draußen zu Mittag und erzählten viel. Es war ein unterhaltsamer Mittag. Beim Abendessen fragte einer der kleinen Jungen, ob sie heute Abend zum Theater dürften. "Nein", sagte der alte Mann, "der weggelaufene Neger hat mir und Burton alles von dieser skandalösen Theatervorstellung erzählt. Burton wollte es in der Stadt weitersagen und die Leute werden die Halunken vertreiben!"

So, da hatten wir den Salat. Aber was sollte ich tun? Tom und ich sollten in demselben Bett schlafen. Gleich nach dem Abendessen gingen wir rauf. Aber wir kletterten später aus dem Fenster und liefen zur Stadt. Ich musste unbedingt dem König und dem Herzog einen Wink geben.

Unterwegs erzählte mir Tom, dass alle geglaubt hätten, dass ich ermordet worden wäre und dass mein Alter bald darauf auch verschwunden war. Und wegen Jim hätte es eine riesige Aufregung gegeben. Ich erzählte Tom die ganze Geschichte und was wir mit den Gaunern so erlebt hatten.

Als wir den Ort erreicht hatten, kam uns eine wilde Meute mit Fackeln entgegen. Sie schrieen und tobten fürchterlich. Da sah ich auch schon den Herzog und den König rittlings auf einem Balken sitzen. Das heißt, erkennen konnte ich sie nicht wirklich. Denn sie waren über und über mit Teer und Federn bedeckt. Sie sahen nicht mehr wie Menschen aus sondern wie ein paar riesige Büsche. Mir wurde ganz elend und die beiden Schufte taten mir furchtbar leid. Ich konnte kein böses Gefühl gegen sie aufbringen. Menschen können doch sehr grausam gegeneinander sein.

Wir sahen, dass es zu spät war um zu helfen. Die Leute hatten die beiden während der Vorstellung angegriffen - so erzählten sie uns. Niedergeschlagen gingen wir wieder nach Hause. Ich fühlte mich ziemlich gemein und schuldig, obwohl ich gar nichts getan hatte.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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