LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry und Tom schreiben Briefe

Am nächsten Morgen kauften wir im Städtchen Rattenfallen aus Draht. Zuhause stellten wir sie auf, machten ein Rattenloch wieder auf und hatten innerhalb einer Stunde fünfzehn prachtvolle Ratten gefangen. Wir stellten die Falle dann unter Tante Sallys Bett. Dann gingen wir auf Spinnenfang.

Währenddessen fand der kleine Thomas Franklin Phelps die Falle und machte die Türe auf, um zu sehen, ob die Ratten auch rauskommen würden. Das taten sie natürlich sofort. Just in diesem Moment kam Tante Sally herein. Als wir nach Hause kamen, stand sie immer noch auf dem Bett und machte Krach. Tante Sally knöpfte uns beide vor und wir kriegten Prügel.

Ganze zwei Stunden brauchten wir, um uns fünfzehn neue Ratten zu fangen. Und sie waren nicht annähernd so fett und schön wie die ersten. Wir verschafften uns noch einen Vorrat von Spinnen, Käfern, Raupen, Fröschen und anderem Getier. Am liebsten wäre uns ein Hornissennest gewesen. Aber daraus ist nichts geworden.

Dann fingen wir noch ein paar Dutzend Blindschleichen und Ringelnattern. Die taten wir in einen Beutel und brachten sie in unser Zimmer. Dann gab es Abendbrot. Als wir wieder zurückkamen, war keine einzige Schlange mehr da. Wahrscheinlich hatten wir den Sack nicht richtig zugebunden; sie mussten sich irgendwie rausgearbeitet haben. Na ja, sie mussten ja noch irgendwo im Haus sein. Wir würden sie schon noch erwischen.

In nächster Zeit hatten wir auf jeden Fall keinen Mangel an Schlangen im Haus. Leider hatte Tante Sally eine derartige Abscheu vor diesen Tieren, dass sie jedes Mal in schreckliches Gezeter und Geschrei ausbrach, wenn sie eine sah. Und jedes Mal bekamen wir Dresche.

Die Keile machte mir nichts. Mir tat es nur um die verlorene Mühe leid, die das Fangen gemacht hatte. Schließlich hatten wir sie alle wieder beisammen. Nun begann für Jim die Zeit der Angst und des Unbehagens. Er meinte, er könne vor lauter Gekrabbel nicht mehr schlafen. Wenn er hier je glücklich herauskommen würde, wollte er sein Leben lang nie wieder Gefangener sein. Auch nicht, wenn er dafür bezahlt würde.

Nach drei Wochen hatten wir alle Vorbereitungen getroffen. Wir waren alle ziemlich erschöpft. Onkel Silas hatte inzwischen den Besitzer der Plantage bei New Orleans angeschrieben, er solle den fortgelaufenen Neger abholen lassen. Aber es konnte ja keine Antwort kommen, weil es diese Plantage überhaupt nicht gab. Dann wollte er in den Zeitungen von New Orleans und St. Louis eine Anzeige aufgeben. Da wurde mir mulmig und ich begriff, dass wir keine Zeit mehr zu verlieren hätten. Tom sagte, dass jetzt die Zeit für die annunühmen Briefe gekommen wäre.

Ich fragte ihn, was denn das wäre. Er erklärte mir, dass dies Warnungen an Leute seien, die denen erklärten, dass was Unglaubliches im Gange ist. Ich verstand zwar nicht, weshalb das so wichtig sein sollte, aber wenn Tom es wichtig fand…

Tom schrieb also den annunühmen Brief und ich klaute in der Nacht der Negermagd einen Rock, zog ihn über und schob den Brief unter die Haustür. Der Brief lautete:

Hütet euch! Man braut Unheil. Seid auf der Hut! - Ein unbekannter Freund.

In der nächsten Nacht klebten wir ein Blatt Papier an, auf das Tom mit Blut einen Totenschädel gemalt hatte. In der übernächsten Nacht malten wir einen Sarg auf und klebten das bemalte Papier auf die Hintertür.

Ich habe noch nie eine Familie gesehen, die so aufgeregt war wie die Phelps. Sie hätten nicht entsetzter sein können. Tante Sally war übernervös, sie erschrak bei der geringsten Kleinigkeit. Sie hatte Angst, zu Bett zu gehen, aber auch keinen Mut aufzubleiben.

Tom war sehr zufrieden. "Jetzt kommt der große Schlag.", sagte er.

Wir schrieben am nächsten Morgen noch einen Brief. In der nächsten Nacht sollten zwei Neger die ganze Nacht Wache stehen. Tom kletterte den Blitzableiter runter. Der Neger, der an der Hintertür Wache stehen sollte, schlief wie ein Stein. Tom steckte ihm den Brief hinten in den Kragen und kam zurück. Der Brief hatte folgenden Inhalt:

Verratet mich nicht, ich bin euer Freund. Die verwegenen Halsabschneider aus dem Indianergebiet beabsichtigen heute Nacht, euren fortgelaufenen Neger zu stehlen. Sie haben euch inzwischen so eingeschüchtert, dass ihr das Haus nicht mehr verlasst. Weil ich in Zukunft ein ehrliches Leben führen möchte, verrate ich den teuflischen Plan. Man wird um Punkt Mitternacht von Norden am Zaun heranschleichen. Mit einem falschen Schlüssel wird man die Hütte des Negers öffnen und ihn rausholen. Ich soll ein Stück entfernt warten und Alarm blasen, sobald Gefahr droht. Wenn sie seine Ketten lösen, müsst ihr ranschleichen und sie einschließen. Dann könnt ihr sie nach Belieben töten. Macht nichts anderes, als was ich euch sage. Ansonsten würden sie ein Indianergeheul erheben. Ich verlange keine Belohnung, ich will nur Rechtes tun. - Ein unbekannter Freund.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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