LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry und der verletzte Tom

Bei all den Vorbereitungen fühlten wir uns sauwohl. Nach dem Frühstück holten wir mein Kanu und fingen auf dem Fluss einige Fische. Wir kamen erst zum Abendbrot wieder nach Hause. Die anderen schwitzten vor Aufregung und wussten kaum wo ihnen der Kopf stand. Aber keiner sagte uns, was los war.

Nach dem Abendbrot sollten wir zu Bett gehen. Als wir oben unbeobachtet waren, schlichen wir uns in den Speisekammerschrank, packten uns ein ordentliches Frühstück zusammen und nahmen es mit auf unser Zimmer. Um halb zwölf Uhr standen wir wieder auf. Tom zog das Kleid an, das er Tante Sally gestohlen hatte. Er wollte sich gerade mit dem Frühstück auf den Weg machen, als ihm einfiel, dass gar keine Butter dabei war.

Deshalb schickte er mich in den Keller, um Butter zu holen. Ich sauste über den Blitzableiter hinunter, während Tom bereits loszog, um das Stroh in Jims Kleider zu stopfen, die seine verkleidete Mutter darstellen sollte.

Das Stück Butter lag immer noch an der Stelle, wo ich es vorher hingelegt hatte. Ich griff danach und pustete das Licht aus. Ich kam bis zum Flur, da erschien plötzlich Tante Sally. Ich stopfte die Butter unter meinen Hut und setzte ihn auf. Sie wollte natürlich wissen, was ich gemacht hätte. Und weil ich nichts sagte, zitierte sie mich ins Wohnzimmer. "Du hast sicher etwas tun wollen, was dich gar nichts angeht. Ich kriege das aber bald heraus.", schimpfte sie.

Sie ging erst, als ich ins Wohnzimmer gegangen war. Dort traf mich fast der Schlag. Mindestens fünfzehn Farmer standen hier, mit einer Flinte in der Hand. Mir wurde furchtbar übel. Sie waren allesamt unruhig. Ich nicht minder. Die Männer wollten die erwarteten Halunken einfangen. Die Luft im Zimmer wurde immer heißer. Da sagte einer: "Ich bin dafür, dass wir sofort losgehen und die Kerle in der Hütte abfangen." Jetzt lief mir ein Stück Butter langsam über meine Stirn. Tante Sally sah es und wurde kalkweiß. Sie rief: "Der Junge hat Gehirnfieber, es läuft ja schon alles raus!"

Alle stürzten sich auf mich und sie riss mir den Hut vom Kopf. Und runter fiel das, was von der Butter noch übrig war. Sie umarmte mich und war froh, dass nichts Schlimmeres passiert war. Dann schickte sie mich wieder ins Bett. Ich sollte ihr vor morgen Früh nicht mehr unter die Augen kommen.

In der nächsten Sekunde war ich oben, den Blitzableiter wieder unten und durch das Dunkel zum Schuppen gerannt. Ich konnte vor Angst kaum noch ein Wort rausbringen. Trotzdem erzählte ich Tom alles so rasch es ging. Wir durften jetzt keine Minute mehr verlieren. Tom fand das natürlich wieder großartig. Er wollte am liebsten zweihundert Männer zusammenkriegen…

"Mach schnell!", sagte ich. "Wo ist Jim?"

Jim war bereits verkleidet, alles war vorbereitet. Da hörten wir das Getrampel von Männern und ein Gefummel am Schloss. Sie wollten sich in der Hütte verstecken bevor die Halunken kommen würden und sie dann erschießen, wenn sie die Hütte betreten würden.

Im Nu waren wir unterm Bett und wir konnten heimlich durch das Loch entkommen. Es war so dunkel, dass wir nichts erkennen konnten. Wir flüsterten uns zu, dass wir besser warten sollten, bis nichts mehr zu hören war. Wir horchten und horchten. Schließlich stieß Tom uns an und wir schlüpften mit angehaltenem Atem geduckt raus. Ohne das kleinste Geräusch zu machen. Jim und ich kamen gut über den Zaun, aber Tom blieb mit dem Hosenboden an einem Splitter hängen und es gab einen ziemlichen Knacks. Er lief hinter uns her.

Aber da rief schon jemand: "Wer da? Antwort oder ich schieße!"

Wir antworteten natürlich nicht, sondern rannten davon. Da hörten wir ein komisches Geräusch in der Luft und die Kugeln sausten uns um die Ohren. Gleichzeitig ließen sie die Hunde los. Sie setzten hinter uns her, wir konnten sie deutlich hören, denn sie hatten schwere Stiefel an. Als sie uns fast erreicht hatten, bogen wir seitwärts in die Büsche ab und ließen sie vorbeirennen. Zum Glück kannten uns die Hunde und rannten weiter, nachdem sie uns beschnuppert hatten. Keiner merkte was.

An der Stelle, wo mein Kanu festgemacht war, sprangen wir ins Boot und ruderten mit aller Kraft zur Mitte vom Fluss. Wir hörten noch eine Weile Schreien und Bellen am Ufer. Aber schließlich waren sie so weit weg, dass die Geräusche schwächer wurden. Als wir auf das Floß kletterten, sagte ich: "Nun bist du wieder ein freier Mann, Jim. Ich gebe dir meine Hand darauf, dass du nie wieder Sklave wirst."

Jim lobte uns und wir alle waren furchtbar froh. Tom war am frohesten von uns, denn er hatte eine Kugel ins Bein gekriegt. Als Jim und ich das hörten, war uns gar nicht mehr großartig zumute. Die Wunde blutete und tat ihm sehr weh. Wir rissen ein Hemd in Stücke und verbanden Tom damit. Doch der wollte das selbst erledigen. Er drängte uns zur Eile. "An die Ruder!", sagte er.

Jim und ich überlegten, was nun zu tun wäre. Tom brauchte einen Arzt. Er machte natürlich Spektakel als Jim es ihm erklärte. Aber wir ließen uns nicht beirren. Als er sah, dass wir das Kanu fertig machten, um den Arzt zu holen, wollte er wenigstens noch sagen, wie wir es machen müssen, wenn wir zu dem Doktor kämen.

"Schließ die Türe hinter dir zu und verbind dem Doktor rasch die Augen. Lass ihn schwören, dass er schweigen wird. Gib ihm eine Börse mit Goldstücken und dann nimm ihn bei der Hand und führ ihn auf Umwegen zum Kanu und dann hierher.", befahl Tom.

Ich versprach, alles genau so zu machen und fuhr ab. Jim sollte sich im Wald verstecken und dort bleiben, bis der Doktor wieder weg wäre.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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