LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry kehrt zu den Phelps zurück

Der Doktor war ein sehr netter alter Herr. Ich musste ihn aus dem Bett holen. Dann erzählte ich ihm, dass mein Bruder sich im Schlaf aus Versehen mit der Flinte ins Bein geschossen hätte. Er möchte bitte so freundlich sein und rüberkommen, die Wunde zu säubern und zu verbinden. Aber er dürfte es keinem Menschen erzählen. Denn mein Bruder und ich, wir wären auf einem Ausflug und wir wollten unsere Verwandten nicht beunruhigen.

Er fragte, wer denn unsere Verwandten wären. Ich antwortete: "Die Phelps." Er schien sie zu kennen und fragte mich weiter aus. Über den genauen Hergang des Unglücks wollte er alles wissen. Ich schlängelte mich mit harmlosen Antworten durch. Ich erklärte ihm, wo er das Floß finden würde. Dann setzte er sich ins Kanu, obwohl ihm das sehr unsicher und wackelig schien.

Ich blieb zurück und begann nachzudenken. Was, wenn ich dem Doktor nun doch nicht vertrauen kann. Am besten wäre, wenn wir ihm seinen Lohn erst auszahlten, nachdem er Tom verarztet hätte. So lange müssten wir ihn allerdings festhalten, nicht dass er die Geschichte irgendwo herumerzählte. Ich konnte unmöglich hier so lange herumsitzen. Während ich überlegte, kroch ich in einen Holzhaufen, um ein wenig zu schlafen.

Als ich wieder aufwachte, ging ich sofort zum Haus von dem Doktor. Die Sonne stand hoch am Himmel. Dort sagten sie mir, dass der Doktor heute Nacht fortgegangen wäre, aber noch nicht zurück wäre. Jetzt machte ich mir riesige Sorgen um Tom. Ich machte mich auf, aber als ich um die nächste Ecke bog, stieß ich auf Onkel Silas.

Wir waren beide überrascht. Auf seine Fragen, wo ich und Sid denn gewesen wären, antwortete ich stotternd. Ich erzählte ihm, dass wir auch hinter den Halunken hergerannt wären, sie aber nicht einholen konnten. Als wir auf dem Wasser was gehört hätten, wären wir bis zum anderen Ufer gerudert. Dort wären wir dann vor Erschöpfung eingeschlafen. Die Halunken hatten wir natürlich nicht gefunden.

Ich schwindelte ihm vor, dass Sid auf der Post wäre. Dort sahen wir nach - Sid war natürlich nicht da. Und weil Onkel Silas nicht länger warten wollte, gingen wir beide alleine nach Hause. "Sid soll dann zu Fuß nachkommen"; meinte er. "Wir können Tante Sally nicht mehr länger warten lassen. Sie macht sich so große Sorgen um euch."

Tante Sally war glücklich, mich wieder zu haben. Sie gab mir die übliche Tracht Prügel und Sid würde seine auch noch abkriegen, sagte sie.

Zu Hause war ein Geschnatter auf dem Hof wie ich es meiner Lebtag noch nicht gehört hatte. Die Leute versuchten für die Gegenstände in der Hütte eine Erklärung zu finden. Sie überlegten, dass ein Mensch der noch bei Trost wäre, doch keinen solchen Blödsinn auf einen Mühlstein schreiben würde. Sie vermuteten, dass der Neger absolut verrückt sein musste. Und wer das Loch gegraben hatte, das war ihnen auch noch ein Rätsel. So gingen die Überlegungen hin und her.

Tante Sally erzählte, dass sie alle doch so vorsichtig gewesen wären. Sie wären ständig auf der Hut gewesen und hätten alles beobachtet, was sich bewegt hätte. "Auch wenn es jetzt bei Tag lächerlich erscheint", sagte sie, "gestern Abend habe ich sogar meine beiden schlafenden Jungs oben eingeschlossen." Daraufhin überlegt sie kurz, unsere Blicke trafen sich. Dann verließ ich das Zimmer.

Ich wollte draußen einen klaren Kopf bekommen. Sie verlangte jetzt bestimmt eine Erklärung, weshalb wir am Morgen nicht mehr in unserem Zimmer waren.

Gegen Abend gingen die Leute fort und ich erzählte der Tante, dass mich und Sid der Lärm geweckt hätte. Weil wir neugierig waren, wären wir den Blitzableiter runtergeklettert, weil doch die Tür abgeschlossen gewesen wäre. Dabei hätten wir uns beide ein wenig verletzt und wollten es bestimmt nie wieder tun. Dann erzählte ich ihr noch die Geschichte, die ich bereits Onkel Silas erzählt hatte. Sie sagte, dass sie froh wäre, dass wir beide heil wären. Schließlich strich sie mir übern Kopf und wurde dabei ganz nachdenklich.

"Um Gottes willen, es ist ja fast Nacht und Sid ist immer noch nicht da.", rief sie entsetzt.

Das war meine Chance. Ich sprang auf und rief, dass ich in die Stadt laufen wollte, um Sid zu holen. Doch Tante Sally verbot es mir. Onkel Silas kam gegen zehn zurück. Er war beunruhigt, weil er nirgends eine Spur von Sid gefunden hatte. Trotzdem beschloss er, dass ein Junge in dem Alter sicher am nächsten Morgen heil und gesund wieder auf der Bildfläche erscheinen würde.

Bald ging ich zu Bett. Tante Sally kam zu mir aufs Zimmer und deckte mich zu und bemutterte mich, dass ich mir ganz gemein vorkam. Sie setzte sich an mein Bett und sprach noch lange mit mir. Dann fragte sie mich noch einmal aus, weil sie Angst hatte, dass Sid etwas Ernsthaftes geschehen sein könnte; er könnte ja ertrunken sein oder so etwas. Dabei rollten ihr Tränen die Backen runter. Ich beruhigte sie.

Als sie endlich ging, sah sie mir mit festem Blick in die Augen und sagte: "Tom, du wirst doch nicht abhauen, oder? Ich schließe die Zimmertüre nicht ab." Ich gab mein Versprechen ab und dann ging sie endgültig nach unten. Mein Gott, wie gerne wäre ich abgehauen. Ich machte mir doch so große Sorgen um Tom. Aber jetzt hätte ich es nicht mehr gekonnt.

Als ich aufwachte, war es schon fast Morgen. Als ich nach unten schlich, saß die Tante noch am Fenster. Die Kerze war fast runtergebrannt und ihr müder Kopf lag auf dem Tisch. Sie war eingeschlafen.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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