LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Alleinsein macht wütend

Die Tatsache, dass Mary ihre schöne Mutter immer so gern angeschaut hatte, als sie noch lebte, bedeutete aber nicht, dass sie Mary nun fehlte. Sie hatte sie ja kaum gekannt und deswegen war ihre Mutter ihr auch nicht ans Herz gewachsen. Mary vermisste sie nicht.Sie machte, was sie immer getan hatte: Sie dachte nur an sich selbst.

Nach dem Tod ihrer Eltern war sie in das Haus eines englischen Pfarrers gebracht worden, aber Mary wusste, dass sie dort nicht würde bleiben können. Hier wollte sie auch gar nicht bleiben.

Die fünf Kinder des Pfarrers stritten sich ständig um dieses oder jenes Spielzeug und das nervte Mary gewaltig. An solche Dinge war sie nicht gewohnt. Sie hasste es, dass es immer unordentlich war in dem Haus dieser Familie und schaffte es, dass nach ein oder zwei Tagen kein einziges der fünf Kinder mehr mit ihr spielen wollte, weil sie schrecklich fies und unfreundlich zu ihnen war.

Den Rest gab es ihr, dass Basil, eines der Kinder, ihr am zweiten Tag den Spitznamen "trotzige Mary" gab und alle Kinder sie damit aufzogen. Sie tanzten um sie herum, lachten und sangen. Mary raste vor Wut.

Basil war es auch der Mary gehässig sagte, dass sie schon am Ende der ersten Woche "in die Heimat" fahren würde, um dort bei ihrem Onkel, Archibald Craven, zu wohnen und dass er und alle anderen sich darüber freuten.

Mary wusste nicht, wo diese Heimat sein sollte und fauchte zurück, dass sie diesen Onkel ja gar nicht kenne.

"In England ist deine Heimat natürlich, du dummes Mädchen!", schimpfte Basil daraufhin wütend. "Aber es ist kein Wunder, dass du nichts weißt, Mädchen wissen ja nie etwas! Vater und Mutter sagen, dass dein Onkel in einem großen unheimlichen Haus lebt, das auf dem Land steht. Niemand mag ihn, weil er nämlich böse ist und keinen sehen will.Er hat einen Buckel und ist überhaupt der fürchterlichste Mensch!"

"Das glaube ich dir nicht.", erwiderte Mary.

Aber als Mary allein war dachte sie doch lange über das nach, was Basil gesagt hatte.

Basils Mutter, Mrs Crawford erzählte ihr am Abend, dass sie in ein paar Tagen mit einem Schiff nach England zu ihrem Onkel fahren würde, sagte sie nichts. Sie fühlte sich wie versteinert.

Das Ehepaar Crawford hatte Mitleid mit Mary, aber sie wussten nicht, wie sie mit diesem trotzigen Kind umgehen sollte, um sie dazu zu bringen, etwas freundlicher und offener zu werden.

Nach einer langen Reise unter der Obhut der Frau eines Leutnants, die ihre Kinder nach England bringen wollte, kam Mary einige Tage später in England an. Dort wurde sie von Mrs. Medlock, der Haushälterin ihres Onkels abgeholt um weiter nach Misselthwaite zu fahren. Sie hatte strenge, blaue Augen und rote Wangen, außerdem war sie sehr kräftig.

Mary mochte sie nicht, aber da sie eigentlich nie jemanden mochte, war das nichts Außergewöhnliches. Und andersherum war es genauso: Anscheinend hielt Mrs. Medlock auch nicht gerade viel von Mary.

In dem Hotel, in dem Mary und Mrs.Medlock sich getroffen hatten, unterhielt sich Mrs. Medlock mit der Frau des Leutnants. Die Beiden dachten wohl, dass Mary nicht zuhörte, denn sie stand etwas abseits und schaute hinab auf den regen Londoner Verkehr. Dennoch hörte sie jedes einzelne Wort.

"Es ist furchtbar, sehen Sie sich einmal dieses kleine, jämmerliche Wesen an!", sagte Mrs. Medlock gerade.

"Man erzählt sich, dass ihre Mutter sehr schön gewesen sein soll, aber ihre Tochter scheint ja nicht gerade viel von ihrer Schönheit abbekommen zu haben, hab ich nicht recht, Madame?"

"Vielleicht gibt es sich, wenn sie älter wird", entgegnete die Frau. "Es ist ein Pech, dass sie so unfreundlich dreinschaut und noch dazu so gelb ist."

Während Mary noch am Fenster stand und zuhörte, überlegte sie, wie es wohl bei ihrem Onkel werden würde. Das Herrenhaus interessierte sie sehr, aber vor allem fragte sie sich, wie wohl ein Buckel aussehen mochte. Sie hatte noch nie einen gesehen und stellte die Vermutung an, dass so etwas in Indien womöglich nicht vorkomme.

Seit sie so ganz allein und umgeben von Fremden war, kamen ihr Gedanken in den Sinn, die sie früher nie gehabt hatte. Sie hatte plötzlich den Wunsch zu jemandem zu gehören, weil ihr auffiel, dass jedes andere Kind Vater und Mutter hatte und sie nie jemandem etwas bedeutet hatte.

Mary wusste nicht, dass sie ein verzogenes Mädchen war, das unfreundlich auf jeden wirkte. Sie dachte, dass alle anderen Leute unangenehm waren.

Nach einer Übernachtung im Hotel, fuhren Mary und Mrs. Medlock am nächsten Tag weiter nach Yorkshire. Mary hielt sich so weit wie möglich von ihrer Begleiterin entfernt, weil sie nicht wollte, dass die Leute dächten, sie gehöre zu dieser Frau.Im Zug war Mary verärgert und in sich zurückgezogen. Sie trug ein schwarzes Kleid und ihre dünnen Haare hingen unter ihrem schwarzen Hut. Sie sah noch gelber als sonst aus.

"Noch nie habe ich ein solch hässliches Kind gesehen", dachte Mrs. Medlock und beobachtete Mary eine Weile, die ganz reglos und stumpfsinnig dreinschauend dasaß.

Schließlich unterbrach Mrs. Medlock die Stille: "Ich glaube, du musst etwas über deinen Onkel erfahren. Weißt du irgendetwas über ihn?"

"Nein", sagte Mary.

"Das ist ein seltsames Haus, in das du einziehen wirst. Es ist ein großes Gutshaus und Mr.Craven ist sehr stolz darauf. Es steht am Rande des Moores und ist sechshundert Jahre alt. Hundert Zimmer gibt es dort, aber die meisten sind immer verschlossen. Um das Haus herum ist ein großer Park."

Mary wollte ihr Interesse nicht zeigen, aber sie hatte sehr genau zugehört. Als Mrs. Medlock sie nun fragte, was sie davon halten würde, antwortete sie mürrisch: "Nichts."

Mrs. Medlock wunderte sich über dieses seltsame kleine Mädchen, erzählte aber trotzdem noch, dass ihr Onkel einen krummen Rücken habe und er deswegen so eigenwillig geworden sei. Bis zu dem Tag an dem er geheiratet habe, sei er ein schlecht gelaunter junger Mann gewesen, der von seinem großen Besitz nichts gehabt habe, weil er ihn nicht genießen konnte. Als seine Frau dann gestorben sei, wäre Mr. Craven seltsamer als je zuvor geworden.

Mary horchte auf. Ihr buckliger Onkel hatte also geheiratet und die Frau war gestorben. Ohne darüber nachzudenken rief sie: "Oh, sie ist gestorben?"

"Ja, das ist sie und seitdem möchte dein Onkel niemanden mehr sehen außer seinen alten Diener Pitcher. Mr. Craven ist die meiste Zeit fort, aber wenn er in Misselthwaite ist, schließt er sich im Westflügel ein. Du wirst ihn niemals zu Gesicht bekommen. Und überhaupt darfst du nicht erwarten, dass jemand mit dir sprechen wird. Du musst dich schon selbst beschäftigen und auf dich allein aufpassen. In die meisten Zimmer darfst du nicht gehen und du darfst auch nicht herumschnüffeln. Das hat dein Onkel verboten. Gärten, in denen du spielen kannst, gibt es draußen genug.", schloss Mrs. Medlock ihren Vortrag.

Trotzig warf Mary ihr ein:" Hab sowieso nicht vor, da herumzuschnüffeln!" an den Kopf. Aber innerlich war ihr ganz elend zumute. "Ziemlich trübe Aussichten.", dachte sie als sie aus dem Zugfenster in den Regen sah.





Der Klassiker DER GEHEIME GARTEN von Frances Hodgson Burnett (1849-1924) wurde von Miriam Bröckling für den Lesekorb nacherzählt.

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