LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Martha

Sie schlug am nächsten Morgen die Augen auf und sah zuallererst ein Hausmädchen auf dem Boden knien. Sie war dabei, so leise wie möglich, Asche vor dem Kamin aufzufegen. Ohne etwas zu sagen, beobachtete Mary das Mädchen und sah sich das Zimmer im Tageslicht an. Sie fand es seltsam, so einen Raum hatte sie noch nie gesehen: Seidentapete mit Jagdbildern an den Wänden. Jäger, Pferde, Damen, Bäume und Burgen tummelten sich auf der Tapete.

Als sie aus dem Fenster sah, entdeckte sie eine karge, eintönige Landschaft ohne auch nur einen Baum.

"Was ist das?", fragte sie und zeigte aus dem Fenster.

Freundlich lächelnd antwortete das Mädchen: " Das ist das Moor, magst du es?"

"Ich hasse es", antwortete Mary. "Magst du es denn?", wollte sie von dem Zimmermädchen wissen.

Da erzählte das Mädchen, das Martha hieß, begeistert von dem Moor. Dass es so schön sei, wenn die Heide und der Ginster blühten und dass es überhaupt nicht kahl sei, sondern voll von süß duftenden Blumen. Sie strahlte und bekräftigte, dass sie das Moor liebe und niemals von ihm fortgehen wollen würde.

Mary war erstaunt, solche Dienerinnen hatte es in Indien nicht gegeben. Diese hatten kaum einmal zu einem "Ja" oder "Nein" den Mund auftun dürfen. Mary hatte ihrer Ayah, wenn sie wütend gewesen war, sogar ins Gesicht geschlagen. Dieses Zimmermädchen sah aus, überlegte Mary, als ob sie vielleicht zurückschlagen würde, wenn Mary ihr eine Ohrfeige gäbe.

"Du bist ein komisches Zimmermädchen", sagte Mary von oben herab. Aber Martha lachte nur und stimmte zu.

"Sollst du meine Dienerin sein?", fragte Mary hochmütig.

"Ich arbeite für Mrs. Medlock", gab Martha zurück, "und sie ist bei Mr. Craven angestellt. Ich soll ein Auge auf dich haben, aber das wird bestimmt kaum nötig sein."

"Aber wer zieht mich dann an?", wollte Mary wissen.

Erstaunt sah Martha sie an. "Kannst du das denn nicht selbst?"

Mary verneinte. In Indien habe ihre Ayah sie angezogen.

"Also dann ist es aber höchste Zeit, dass du es lernst. In Indien scheinen viele Dinge ganz anders zu sein, wahrscheinlich, weil es dort viele schwarze und wenig weiße Menschen gibt", sagte Martha gelassen.

Martha hatte zuerst geglaubt, Mary müsse schwarz sein, da sie aus Indien kam. Nun erzählte sie der empörten Mary dies und sagte, dass sie, als Mary noch geschlafen habe, unter ihre Bettdecke geguckt und dann enttäuscht festgestellt habe, dass Mary kein bisschen schwarz sonder eher gelb aussähe.

Mary raste vor Wut und beschimpfte Martha. Die Eingeborenen Indiens waren für sie nur Diener, Menschen, auf die andere mit Verachtung hinunter sahen. Martha starrte sie nur an und das machte Mary noch wütender und zugleich hilflos. Sie fing an zu weinen, weil alles hier so weit entfernt von dem war, was sie kannte und sie sich plötzlich so verlassen und einsam fühlte.

Martha kam zu ihr ans Bett, beugte sich über sie und beruhigte sie. Sie fühlte Mitleid mit Mary und wollte sie trösten. "Ich wusste nicht, dass dich ärgern würde, was ich gesagt habe. Du musst doch nicht so sehr weinen." Mary beruhigte sich tatsächlich schnell durch die freundliche Stimme, die in dem fremden Yorkshire Akzent zu ihr sprach.

Nachdem Martha Mary aufgefordert hatte, zum Frühstück aufzustehen, bot sie ihr an, ihr beim Anziehen zu helfen. Mary stellte sich hin und wartete, dass Martha ihr die neuen Kleider überzog. Das hatte Martha nicht einmal bei ihren vielen kleinen Geschwistern erlebt. Ihre neuen Schuhe sollte Mary versuchen, allein anzuziehen, bestimmte Martha, als Mary ihr ihre Füße hinhielt.

Martha erzählte sehr viel von ihrem Leben in der Moorhütte und ihren Geschwistern. Zuerst hörte Mary nicht zu, sie war es nicht gewohnt so unterhalten zu werden. Aber da Martha immer weiter plauderte, konnte sie den Redeschwall irgendwann nicht mehr ignorieren.

So erfuhr Mary, dass Martha elf Geschwister hatte und ihr Vater wenig Geld verdiente, was aber der Fröhlichkeit und Lebenslustigkeit der Familie keinen Abbruch zu tun schien. Einer von Marthas Brüdern, Dickon, weckte Marys Interesse ganz besonders.

Martha erzählte, dass Dickon ein Pony habe, das ihm überall hin folgte, weil er es, als es noch ein Fohlen war mit Brotstücken und Grasbüscheln gefüttert habe. Er dürfe das Fohlen sogar reiten. Dickon liefe stundenlang durch das Moor, das Pony im Schlepptau.

Mary war schwer beeindruckt. Sie hatte auch schon immer ein Tier haben wollen. Obwohl sie es nicht wahr haben wollte, ging dieser Dickon ihr nicht aus dem Kopf. Der Gedanke an ihn war es auch, der sie nach dem Frühstück hinaus in die Gärten trieb, unwillig zwar, nicht zuletzt, weil das Wetter nicht gerade zu einem Spaziergang einlud. Aber irgendwie war sie doch neugierig geworden auf das Moor.

Bevor sie das Zimmer verlassen hatte, hatte Martha ihr noch eine Anweisung gegeben: "Alle Gärten, bis auf einen, sind geöffnet. In den einen, der verschlossen ist, darfst du nicht hinein. Seit zehn Jahren ist dort niemand mehr gewesen."

"Warum?", fragte Mary.

"Es war der Garten von Mr. Cravens Frau. Nachdem sie gestorben war, hat er den Garten abgeschlossen und den Schlüssel vergraben."

An diesem regnerischen Tag lernte Mary die Gärten des Anwesens kennen. Die einzelnen Gärten waren durch Mauern getrennt wie es in dieser Gegend üblich war. Sie schienen gar kein Ende zu nehmen. Wie viele Gärten Mary auch durchstreifte, -Obstgärten, Blumengärten und Gemüse-und Kräutergärten, es schloss sich immer noch einer an.

Beim Durchqueren der Gärten dachte Mary ununterbrochen an den geheimnisvollen verschlossenen Garten. Hinter jeder mit Efeu bewachsenen Gartenmauer vermutete sie ihn und war fast enttäuscht, wenn sie ein offenes Tor darin erblickte. Sie suchte diesen Garten und ging von Tor zu Tor, als sie plötzlich in einem Baum hinter einer Mauer ein kleines Vögelchen mit einer roten Brust entdeckte.

Er fing an, sein schönstes Winterlied zu singen, als er Mary sah. Mary merkte, wie dieses Lied etwas in ihr berührte und das war ein ganz neues Gefühl für sie. Sie wurde traurig, weil ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie einsam war. Hier war alles neu für sie. Dieses riesige Haus mit den vielen verschlossenen Türen, umringt vom nackten Moor und großen, kahlen Gärten, zeigte ihr, wie allein sie war.

Aber der Vogel mit seinem schönen Gesang machte, dass ihr mürrischer Ausdruck im Gesicht einem Lächeln wich. Sie hörte zu, bis der Vogel fort flog und dachte, dass er vielleicht den geheimen Garten kennen könnte. Würde sie ihn wohl noch einmal wiedersehen? Schon wieder waren ihre Gedanken ganz auf den geheimen Garten gerichtet. Sie verstand einfach nicht, warum ihr Onkel, den sie vielleicht niemals zu Gesicht bekommen würde, den Schlüssel vergraben hatte, wo er doch seine Frau so sehr geliebt hatte. "Wahrscheinlich würde ich ihn nicht leiden können und er mich genauso wenig.", dachte Mary über ihren Onkel.

Auf einmal fiel ihr etwas ein:Es konnte doch sein, dass der Baum, auf dem der Vogel gerade noch gesessen hatte, sich in dem geheimen Garten befand! Als sie um den Garten herumgelaufen war, hatte sie kein Tor gesehen.v

Im Gemüsegarten fand sie einen alten Mann bei der Arbeit. Da er sie nicht beachtete, sprach sie ihn an: "Ich war in den Gärten."

"Warum auch nicht?", antwortete der Alte mürrisch.

"Zu dem einen Garten gibt es kein Tor", sagte Mary.

"Welchen meinst du?", fragte der Mann mit brüchiger Stimme und stockte einen Moment in seiner Arbeit.

"Auf der anderen Seite der Mauer. Dort sind Bäume und ein kleiner Vogel saß dort und sang."

Überraschenderweise lächelte der Gärtner nun und sah überhaupt nicht mehr böse und mürrisch aus. Mary war verwundert, wie ein Lächeln das Gesicht eines Menschen verändern konnte. Das war ihr vorher noch nie aufgefallen.

Jetzt pfiff der alte Gärtner ein paar sanfte, leise Töne. Wieder war Mary überrascht, dass so ein schlecht gelaunt aussehender Mann eine solch liebevolle Melodie pfeifen konnte. Plötzlich konnte Mary ein zartes Rauschen in der Luft hören und im nächsten Moment flog der kleine Vogel auf sie zu und setzte sich auf die Erde vor den Füßen des Gärtners.

Der alte Mann sprach wie mit einem kleinen Kind mit dem Vogel und dieser schien keinerlei Angst zu haben. Er legte seinen Kopf schief und schaute den Gärtner aus seinen kleinen Augen an.

Mary war überwältigt: "Kommt er immer, wenn du nach ihm pfeifst?"

"Ja, genau. Ich kenne ihn schon so lange er fliegen kann. Er blieb einmal bei mir, als er zu schwach war, um zum Nest zurück zu fliegen. Daher sind wir befreundet. Wenn er sich einsam fühlt, kommt er oft herüber zu mir.

Der Gärtner erzählte ihr, dass es ein Rotkehlchen sei, welches die freundlichste und neugierigste Art der Vögel sei. Er wäre ein sehr schlauer Vogel und wüsste auch, dass er und Mary in diesem Moment von ihm sprächen.

Mary fühlte sich von dem Rotkehlchen beobachtet. Sie hatte das Gefühl, es wollte herausfinden, wer sie sei. Sie fühlte sich außerdem mit ihm verbunden, weil sie sich genauso einsam fühlte wie der Vogel.

Das sagte sie vor dem Gärtner laut heraus und fragte ihn danach, wie er heiße. "Ben Weatherstaff", antwortete er und fügte hinzu: "Ich bin auch einsam, außer wenn der Vogel bei mir ist."

"Ich hatte noch nie irgendwelche Freunde", gab Mary zu.

"Wir haben einiges gemeinsam. Wir sehen beide mürrisch aus und sind es auch. Wir sind wahrscheinlich auch beide gleich unfreundlich."

Die Erkenntnis über ihr mürrisches Aussehen war neu für Mary. Sie hatte noch nie darüber nachgedacht. Und für unfreundlich hatte sie sich selbst auch nicht gehalten.

Sie fragte den Vogel, ob er nicht ihr Freund werden wollte und pfiff für den Vogel ebenso vorsichtig und schön, dass nun Ben Weatherstaff erstaunt war. Wie Dickon mit den Tieren spricht, genauso hätte Mary gerade geklungen, sagte dieser. Er kannte Dickon und meinte, jeder würde ihn kennen.

Mary hätte so gern noch mehr gewusst, über den Vogel, Dickon und den geheimen Garten, aber in diesem Moment flog der Vogel über die Mauer des Gartens, der kein Tor hatte. "Dort lebt es", ließ Ben sie wissen.

"Ich möchte das Tor finden, es muss doch irgendwo ein Tor geben!", drängte Mary den Gärtner.

Ben Weatherstaff wies sie zurecht und sagte, dass es zehn Jahre her sei, dass jemand in diesem Garten gewesen sei. Sie ginge das nichts an. Sie solle spielen gehen. Damit wendete er sich wieder seiner Arbeit zu.





Der Klassiker DER GEHEIME GARTEN von Frances Hodgson Burnett (1849-1924) wurde von Miriam Bröckling für den Lesekorb nacherzählt.

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