LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Stark sein

Am nächsten Tag wollte es gar nicht mehr aufhören zu regnen. Mary verbrachte den Nachmittag mit Martha auf ihrem Zimmer.

"Hast du mir etwas zu sagen? Du siehst irgendwie so aus", meinte Martha. Das hatte Mary wirklich. Sie erzählte Martha, dass sie wieder das Weinen gehört hatte, ihm nachgegangen war und Colin kennen gelernt hatte.

Martha, die die ganze Zeit von Colin gewusst hatte, aber nichts über ihn zu Mary hatte sagen dürfen, war bestürzt. "Jetzt werde ich meine Arbeitsstelle verlieren, weil alle denken werden,ich habe dir von ihm erzählt!" Martha weinte fast. "Das hättest du nicht tun dürfen, Mary."

"Aber Colin hat sich gefreut, dass ich zu ihm kam. Du wirst deine Stelle nicht verlieren, Martha", versuchte Mary Martha zu beruhigen.

"Wirklich?", fragte Martha. "Bist du sicher, dass er sich gefreut hat? Er kann einem nämlich richtig schwierig werden, wenn ihm etwas nicht passt. Er schreit dann vor Wut und weint wie ein Baby, damit wir alle aufgeschreckt werden."

"Aber er hat sich wirklich gefreut, dass ich bei ihm war. Als ich gehen wollte, bat er mich sogar, noch zu bleiben", sagte Mary.

Martha traute der Sache nicht. Sie wusste, dass Colin normalerweise nicht wollte, dass Fremde ihn ansahen. Sie fürchtete, dass sie ihre Arbeit verlieren würde, wenn Mrs. Medlock etwas von Marys Besuch bei Colin erfahren würde. Aber Mary war sich sicher, dass Colin nichts verraten werde, weil es ein Geheimnis wäre. Und außerdem müsse jeder der Angestellten tun, was er sage. Das konnte Martha nur bestätigen, denn sie hatte es oft genug schon selbst erfahren.

"Ich soll ab jetzt jeden Abend zu ihm kommen und ihm etwas erzählen. Du sollst mir immer ausrichten, wann er mich sehen will", meinte Mary.

Martha war nicht wohl bei dem Gedanken. Sie konnte sich außerdem nicht erklären, wie Mary es geschafft hatte, dass Colin sie mochte und wiedersehen wollte. Mary konnte ihn ihrer Meinung nach nur verhext haben.

Auf Marys Frage, was Colin eigentlich fehlte, wusste Martha keine genaue Antwort zu geben.

Sie erzählte, dass Mr. Craven immer meinte, sein Sohn würde einen Buckel bekommen und einen schwachen Rücken haben. Früher habe er deswegen eine Zeit lang nur liegen dürfen und man habe ihm einen Panzer angelegt, um seinen Rücken zu stützen. So lange, bis ein neuer Arzt gekommen wäre und angeordnet hätte, den Panzer wieder abzunehmen und den Jungen in Ruhe zu lassen.

Für die Angestellten im Haus, die mit Colin zu tun hatten, schien er der schlimmste Junge der Welt zu sein. So jedenfalls schilderte ihn Martha. Er neigte dazu, sich aus dem Nichts in Anfälle hineinzusteigern, was die Bediensteten in den Wahnsinn treiben konnte.

Mary erfuhr von Martha, dass Colin ein paar Mal sehr krank gewesen war. Aber Marthas Mutter hätte einmal zu Martha gemeint, dass ein Junge, der nur auf dem Rücken liegen dürfe, Bücher ansah und Medizin schlucken müsse auch nicht gesund sein könne.

Als sie so beieinander saßen und redeten, ertönte die Glocke und Martha musste gehen. "Bestimmt möchte Colins Krankenschwester, dass ich eine Weile bei ihm bleibe", sagte sie im Weggehen.

Nach zehn Minuten kam sie mit verwirrtem Gesichtsausdruck zurück zu Mary. "Was hast du bloß mit ihm gemacht? Er möchte, dass du jetzt zu ihm kommst und ihm etwas erzählst. Ich soll keinem etwas darüber sagen, meinte er noch. Geh zu ihm, Mary."

Als Mary in das schöne Zimmer kam, saß Colin in seine Kissen gelehnt und erwartete sie aufgeregt. Sie erzählte ihm sofort, dass Martha Angst hatte, von Mrs. Medlock entlassen zu werden, wenn diese erfahren würde, dass Mary zu Colin ging.

Sofort bat er Martha in sein Zimmer und räumte jede Zweifel aus, dass er hier das Sagen hätte und sie nicht fortgeschickt werden könnte, da sie nur das tat, was er von ihr verlangte.

Das beruhigte Martha und Colin schickte sie wieder hinaus.

Sie waren nun beide wieder allein und Mary sah Colin nachdenklich an.

"Du erinnerst mich an einen indischen Jungen, den ich einmal gesehen habe. Er war ein Fürst, ein Rayah. Er war mit vielen Edelsteinen geschmückt und er sprach mit seinem Volk wie du gerade mit Martha gesprochen hast. Alle mussten tun, was er sagte", erzählte Martha. "Außerdem fiel mir gerade auf, wie anders als du Dickon sich benimmt. Er ist das genaue Gegenteil von dir."

"Wer ist denn Dickon?", fragte Colin. "Er ist Marthas Bruder und zwölf Jahre alt", erklärte Mary. Dann erzählte sie Colin von den Tieren, die aus allen Richtungen zu Dickon kamen, wenn er nur auf seiner Pfeife spielte. Colin staunte, als Mary erwähnte, dass Colin sich mit dem Rotkehlchen mit Gezwitscher unterhalten konnte.

Er wollte mehr über Dickon erfahren und so berichtete Mary davon, dass Dickon die Nester der Vögel kenne und wisse, wo die Füchse und Ottern wohnten. Und dass er über ihre Verstecke nichts preisgab, damit sie nicht von anderen Jungen erschreckt würden.

Colin, der nie im Moor gewesen war, hörte zum ersten Mal, welche Tiere und Blumen es dort gab. Mary, die selbst nur einmal im Dunkeln dort gewesen war, sagte, dass sie nur durch Martha und Dickon von der Schönheit des Moores wusste.

Colin beklagte sich darüber, dass er immer krank sei und nie etwas davon gesehen hätte. Er könne ja sowieso nicht ins Moor. Aber Mary erwiderte, dass er es ja vielleicht eines Tages können würde.Er würde doch gar nicht wissen, ob er wirklich bald sterben müsse.

Er wurde nachdenklich und erzählte Mary von dem Doktor aus London. Er war es auch, der veranlasste, dass man ihm den eisernen Panzer abnahm. Dieser Doktor hatte gesagt, dass Colin leben könnte, wenn er sich selbst dazu entschließen würde, die Menschen um ihn herum sollten ihn darin unterstützen.

Mary fiel spontan ein, dass Dickon der richtige für diese Aufgabe wäre. Er könnte Colin beibringen, Lust auf das Leben zu haben. Deswegen erzählte Mary nun nur noch von Dickon, seiner Familie, dem Moor, Blumen und wilden Ponys. Es war das Beste, was sie hätte zu Colin sagen können. Denn all das handelte vom Leben.

Die Zeit flog nur so dahin. Beide lachten viel und unterhielten sich. Colin hatte seinen schwachen Rücken scheinbar vergessen und saß aufrecht im Bett. Verwundert stellten sie fest, dass sie noch nicht einmal daran gedacht hatten, dass sie Cousin und Cousine waren. Darüber mussten sie schon wieder lachen.

Plötzlich öffnete sich die Tür und Mrs. Medlock kam mit Doktor Craven in das Zimmer. Die beiden taumelten einen Moment vor Schreck. "Was ist das?", fragte der Doktor.

Hoheitsvoll, wie Colin immer mit dem Personal sprach, stellte dieser Mary als seine Cousine vor. Mrs. Medlock war kreidebleich und hastig sagte sie, dass keiner der Dienstboten je gewagt hätte, Mary von Colin zu erzählen.

Colin klärte die Beiden darüber auf, dass Mary von allein zu ihm gefunden hatte und er froh darüber sei.

Der Doktor schien nicht einverstanden zu sein, aber er wagte es nicht Colin zu widersprechen. Stattdessen fühlte er den Puls seines Patienten. "Ich fürchte, das war alles zu aufregend für dich", sagte er. "Das kannst du nicht vertragen."

"Ich würde mich aufregen, wenn Mary nicht mehr käme", entgegnete Colin mit gefährlich funkelnden Augen.

Mrs. Medlock und Doktor Craven verließen bald ratlos das Zimmer. Sie konnten nichts gegen Colins Willen tun. Beide mussten auch zugeben, dass er gesünder aussah als jemals zuvor.





Der Klassiker DER GEHEIME GARTEN von Frances Hodgson Burnett (1849-1924) wurde von Miriam Bröckling für den Lesekorb nacherzählt.

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