LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Colins Anfall

Sie fiel nach diesem anstrengenden Tag wie ein Stein ins Bett und schlief sofort ein. Sie hatte sich vorgenommen, Morgen vor dem Frühstück mit Dickon im Garten zu arbeiten und danach dann Colin zu besuchen.

Ein fürchterliches Schreien riss sie gegen Mitternacht aus ihren Träumen. Mary hörte, wie Türen aufgingen und wieder zugeworfen wurden. Entsetzliche Schreie, die gleichzeitig auch ein Weinen waren, drangen an Marys Ohr.

Colin. Er musste wieder einen seiner Ausbrüche haben. Sie hörte das Stöhnen und begriff, warum die Menschen, die mit ihm zu tun hatten, ihm seinen Willen ließen. Sie taten es nur, damit sie wieder ihr Ruhe hatten.

Ihr wurde ganz schlecht von dem Geschrei, sie presste die Hände auf die Ohren. "Würde er wohl aufhören, wenn ich hingehen und es ihm sagen würde?", fragte sie sich. Langsam aber sicher gingen ihr Colins schreckliche Laute richtig an die Nerven. Fast glaubte sie, dass sie gleich selbst einen Anfall bekommen würde.

Sie schrie und stampfte mit den Füßen. "Macht, dass er damit aufhört. Verhaut ihn einfach! Zwingt ihn!"

Die Tür zu Marys Zimmer öffnete sich und eine leichenblasse Pflegerin sah sie an. "Kannst du bitte zu ihm gehen und ihn zur Vernunft bringen?", bat die Pflegerin. "er steigert sich derart in seinen Anfall hinein, dass wir denken, dass er sich etwas antut."

Mary war wütend auf Colin. Die Pflegerin hatte gesagt, das wäre genau die richtige Stimmung, um ihm gegenüber zu treten. Sie rannte durch den Flur und wurde immer wütender als sie dem Schreien näher kam.

Sie stieß die Tür zu seinem Zimmer auf und rannte auf sein Bett zu. "Schluss damit!", sie rief es laut. "Du hörst jetzt sofort auf! Ich hasse dich! Jeder hasst dich! Alle sollten aus dem Haus gehen und dich schreien lassen, bis du tot bist! Dann wäre endlich Ruhe und ich würde mich freuen."

Colin hatte auf dem Gesicht gelegen und mit den Fäusten in sein Kissen geschlagen. Er fuhr hoch, als er Marys wütende Stimme hörte. Er röchelte und rang nach Luft. Sein Gesicht war blass, übersät von roten Flecken und verquollen. Aber Mary war davon wenig beeindruckt.

"Ich kann lauter schreien als du und wenn du es noch einmal tust, werde ich dir einen riesigen Schrecken einjagen!", fuhr sie fort.

Vollkommen überrumpelt hatte Colin tatsächlich aufgehört zu brüllen. Er zitterte und Tränen liefen über sein Gesicht. "Ich kann nicht aufhören", schluchzte er. "Ich kann nicht."

"Natürlich kannst du!", schrie Mary. "Du bist nicht krank. Du hast nur immer schlechte Laune und bist hysterisch, das ist alles!". Wütend stampfte sie mit den Füßen.

"Aber ich habe den Buckel gefühlt. Es wächst mir ein großer Höcker auf dem Rücken! Und dann werde ich sterben.", presste Colin heraus. Er wimmerte und schluchzte, aber er schrie nicht mehr.

"Es ist nichts mit deinem Rücken. Du bist nur hysterisch. Deswegen erfindest du den Buckel. Los, ich untersuche deinen abscheulichen Rücken!", bestimmte Mary.

Sie ließ sich von der Schwester Colins Rücken zeigen. Colin fügte sich in sein Schicksal und hatte nichts dagegen. Unter den staunenden Blicken von Mrs. Medlock, Martha und der Schwester, die zusammengedrängt im Türrahmen standen, untersuchte Mary feierlich Colins mageren Rücken.

"Nicht die kleinste Beule ist zu sehen. Da ist nichts,", beendete sie ihre Untersuchung. Die Schwester sagte, sie habe nicht gewusst, dass Colin sich einbildete, einen Buckel zu bekommen. Sonst hätte sie ihm auch sagen können, dass es dafür kein Anzeichen gab.

Mit seinen großen verweinten Augen sah Colin die Schwester an. "Können Sie das wirklich?"

"Jawohl, Sir."

"Kann ich leben und groß werden?"", wollte er von der Schwester wissen.

"Wenn du an die frische Luft gehst und dich bewegst, ist das ziemlich wahrscheinlich", antwortete sie.

Colin überfiel die Müdigkeit, sein Ausbruch war vorüber. Mary war nun auch nicht mehr wütend. Colin streckte ihr seine Hand entgegen und sie nahm sie in ihre. "Ich will mit dir hinaus gehen, Mary", sagte er. "Ich möchte gern Dickon und seine Tiere kennen lernen." Fast hätte er vom geheimen Garten angefangen, erinnerte sich aber noch rechtzeitig daran, dass er ein Geheimnis bleiben sollte und schwieg.

Mary und Colin bekamen noch eine Fleischbrühe. Sie aßen gemeinsam und als sie fertig waren, meinte die Schwester, Mary solle nun auf ihr Zimmer gehen und weiterschlafen. Aber Mary sagte, sie werde Colin noch in den Schlaf singen, die Schwester könne gehen.

Als sie allein waren murmelte Colin schläfrig, dass er beinahe den Garten verraten habe.

"Meinst du, du kannst herausfinden, wie man in ihn hinein kommt?", fragte er.

Mary sah sein müdes, kleines Gesicht mit den geschwollenen Augen. Ihr Herz wurde weich. "Ja. Ich glaube, ich habe ihn gefunden."





Der Klassiker DER GEHEIME GARTEN von Frances Hodgson Burnett (1849-1924) wurde von Miriam Bröckling für den Lesekorb nacherzählt.

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