LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dickon kommt zu Besuch

Am Nachmittag erschien Doktor Craven, wie immer, wenn Colin einen Anfall hinter sich hatte. Er erwartete, dass es ein anstrengender Besuch werden würde. Er war es gewohnt, Colin in schlechter Verfassung und übellaunig anzutreffen, deshalb hatte er sich auch Zeit gelassen und war erst am Nachmittag zu seinem Hausbesuch aufgebrochen.

Als er in das Haus kam, sprach er auf dem Weg zu Colins Zimmer mit Mrs. Medlock. Sie erzählte ihm, was in der letzten Nacht passiert war. "Ich kann mir nicht erklären, wie diese mürrische Mary es geschafft hat, Colin zu beruhigen. Sie hat ihn angeschrien und mit den Füßen gestampft. Dann gab er tatsächlich Ruhe. Sehen Sie selbst, in welcher Verfassung er heute ist."

Doktor Craven betrat das Zimmer und sah, dass Mary und Colin vergnügt auf dem Sofa saßen und sich unterhielten. Sie sahen sich ein Bilderbuch über Gärten an und sprachen über Blumen.

Als sie den Doktor sahen, verstummten sie beide. Mary setzte wieder ihren mürrischen Gesichtsausdruck auf und Colin war abweisend.

"Ich hörte, du warst wieder krank und nervös in der letzten Nacht?", fragte Doktor Craven nach.

"Mir geht es aber besser, viel besser", antwortete Colin und wurde wieder zum Rayah. "Ich habe beschlossen, in den nächsten Tagen im Rollstuhl hinauszufahren. Ich brauche frische Luft."

Der Doktor zog erstaunt eine Augenbraue hoch, setzte sich zu ihm und fühlte seinen Puls. "Aber du magst doch keine frische Luft, dachte ich."

"Wenn ich alleine bin, mag ich sie nicht. Aber meine Cousine wird mich begleiten. Ein kräftiger Junge wird meinen Rollstuhl schieben. Sonst möchte ich niemanden dabeihaben", sagte Colin hoheitsvoll.

Doktor Craven dachte einen kurzen Augenblick daran, dass er, wenn Colin tatsächlich gesund werden würde, Misselthwaite nicht erben würde. Aber er schob den Gedanken beiseite, denn es war ihm wirklich wichtig, dass Colin sich keiner Gefahr aussetzte.

"Ist es ein auch ein starker, verständiger Junge? Ich muss mehr über ihn wissen. Wie heißt er?", fragte Doktor Craven.

Als der Name Dickon fiel, lächelte er erleichtert. Jeder, der das Moor kannte, kannte auch Dickon. "Gut, wenn es Dickon ist, habe ich keine Bedenken. Hasst du gestern etwas zur Beruhigung eingenommen, Colin?"

"Nein. Mary hat mich beruhigt", gab Colin zurück.

"Auch wenn es dir offensichtlich besser geht, musst du daran denken, dass-", wollte der Doktor einwenden, aber Colin fiel ihm ins Wort.

"Nein, ich muss nicht daran denken. Immer, wenn ich daran denke, geht es mir wieder schlechter. Dann denke ich zuviel, weine und habe Schmerzen. Meine Cousine lässt mich das alles endlich vergessen. Das heilt mich. Das ist es, was ich brauche."

So verließ Doktor Craven ziemlich schnell seinen Patienten wieder. Es gab hier nichts für ihn zu tun. Er konnte sich die schnelle Genesung nicht erklären, sah aber ein, dass der Zustand, in dem Colin sich jetzt befand, besser war, als der vorherige.

In dieser Nacht wachte Colin nicht ein einziges Mal auf. Als er am Morgen die Augen aufschlug, fühlte er sich wie verwandelt. Er freute sich wach zu sein. Dieses Gefühl kannte er nicht. Sonst hatte er sich immer gewünscht, noch weiterzuschlafen. Aber heute freute er sich darauf, die Pläne, die er mit Mary gestern geschmiedet hatte, in die Tat umzusetzen.

Außerdem konnte er es kaum erwarten, endlich Dickon kennenzulernen, der heute kommen würde.

Gerade zehn Minuten hatte er wach dagelegen, da kam Mary mit roten Wangen in sein Zimmer gestürmt. Sie duftete wieder nach frischer Luft.

Aufgeregt erzählte sie, dass der Frühling nun dawäre. Überall wären Knospen und neue Blätter und die Luft rieche herrlich. "Mach das Fenster auf", rief Colin, angesteckt von Marys guter Laune und Aufregung. Colin atmete die frische Luft, sog sie tief ein und merkte, dass er sich ganz anders fühlte als sonst und wie gut dieses Gefühl ihm tat.

Die Schwester kam ins Zimmer und zuckte zusammen, als sie das weit geöffnete Fenster sah. "Ist dir nicht zu kalt, Master Colin?", fragte sie.

"Nein, frische Luft macht kräftig", antwortete Colin und bestellte für sich und Mary Frühstück. Die Beiden aßen mit gesundem Appetit, Colin aß gierig und schnell.

"Du wirst dicker werden, so wie ich", bemerkte Mary. "Ich esse jetzt gern, früher habe ich mein Frühstück nie gemocht."

"Heute Morgen schmeckt es mir auch richtig gut. Wann wird denn Dickon kommen, was meinst du?"

"Hör mal", sagte Mary. "Man kann schon die Krähe "Ruß" hören. Und Dickon bringt auch noch ein Lämmchen mit, ich höre es rufen."

"Tatsächlich!", rief Colin aus.

Kurz darauf hörten die Beiden Dickons schwere Schuhe auf dem Korridor. Dann stand er im Zimmer und lächelte sein allerbreitestes Lächeln. Aus seiner Jackentasche sah das Eichhörnchen "Schale" hervor, auf seinen Armen trug er das Lamm, auf seinen Schultern saßen "Ruß" und das Eichhörnchen "Nuss" und der Fuchs "Kapitän" ging an seiner Seite.

"Das, Master Colin, ist Dickon mit seinen Tieren", stellte Martha, die sie herein gebracht hatte, vor.

Colin staunte und richtete sich auf. Dickon kam auf ihn zu und legte das Lamm auf seinen Schoß. Es kuschelte sich sofort in den weichen Samt von Colins Morgenrock und stupste stieß Colin mit dem Köpfchen an.

"Es hat Hunger", erklärte Dickon. "Ich dachte mir, dass du es vielleicht füttern möchtest und habe es deshalb ein bisschen hungern lassen." Dickon gab Colin eine Babyflasche, an der das Lamm gierig zu saugen begann. Danach schlief es ein und die Kinder begannen, alle durcheinander zu reden. Colin und Mary wollten alles über das Lämmchen wissen und stellten tausend Fragen.

"Ich habe im Moor gestanden und einer Lerche zugehört, als ich plötzlich einen Laut in den Ginsterbüschen hörte. Es war ein ganz leises Blöken, das musste ein neugeborenes, hungriges Lamm sein. Und wenn es hungrig war, musste es seine Mutter verloren haben. Ich suchte nach ihm und fand es halb tot vor Kälte und Angst neben einem Stein liegen", erzählte Dickon.

Um die drei Kinder herum tollten die Tiere, während sie sich Gartenbilder in Colins Büchern anschauten. Dickon wusste alle Namen der Blumen, die abgebildet waren. "Columbinen haben wir viele in unserem geheimen Garten", sagte Dickon. "Sie werden aussehen wie ein großes Kissen voll blauer und weißer Schmetterlinge wenn sie blühen."

"Wir müssen zusammen hingehen", meinte Colin. "Ich will sie unbedingt sehen."

"Das machen wir. So schnell wie möglich", versprach Mary.





Der Klassiker DER GEHEIME GARTEN von Frances Hodgson Burnett (1849-1924) wurde von Miriam Bröckling für den Lesekorb nacherzählt.

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