LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ginger

Eines Tages stand ich mit Ginger alleine unter dem Nussbaum und erzählte ihr meine Geschichte.

Wehmütig meinte sie: "Tja, wenn ich auch so groß geworden wäre wie du, dann wäre ich vielleicht ebenfalls freundlich geworden." Sie erzählte mir ihre Geschichte, die so ganz anders war, als meine …

"Ich war noch nicht recht entwöhnt, trennte man mich von meiner Mutter und stellte mich zu einer Gruppe anderer Fohlen. Niemals war jemand freundlich zu mir und an irgendwelche Leckereien war gar nicht zu denken. Der Mann, der uns versorgte, war nicht wirklich böse, aber er tat gerade das Nötigste.

Auf dem Fußpfad, der durch unsere Weide lief, kamen oft Jungs entlang. Sie hatten riesigen Spaß daran, uns mit Steinen zu bewerfen. Ein sehr hübsches Fohlen verletzte sich so schlimm, dass es sicher heute noch Narben auf der Stirn trägt. So prägten wir uns ein, dass Jungen unsere Feinde waren.

Als wir älter wurden, kamen Männer, die uns zureiten sollten. Eine schreckliche Zeit, voll von roher Gewalt. Es waren grobe Menschen, die ständig ihre Peitschen benutzten. Ihr gewalttätiges Reißen an meinen Nüstern und am Stirnhaar machte mich ganz wild. Ich bin von guter Abstammung und war sehr feurig. Ich glaube, ich machte ihnen richtig viel Mühe. Wie du weißt, ist das Zureiten schon bei einem netten Besitzer schlimm, aber bei meinem Herrn war es ganz schrecklich.

Einen netten Menschen gab es - den alten Mr. Ryder. Er war ein feiner Herr und wäre wohl auch mit mir zurechtgekommen. Leider überließ er seinem Sohn Samson und anderen Leuten die Hauptarbeit und kam nur noch gelegentlich vorbei. Samson galt als mutig und man behauptete, dass ihn noch nie ein Pferd abgeworfen hätte. Aber er war auch barsch, herrisch und ungehobelt. Vom ersten Moment an spürte ich, dass er mich zu einem willenlosen Stück Pferdefleisch machen wollte. Pferdefleisch - genau das waren wir für ihn!", Ginger stampfte bei diesem Gedanken zornig mit dem Huf auf.

Sie erzählte weiter: "Wenn ich nicht das tat, was er von mir verlangte, verfolgte er mich bis zur Erschöpfung. Oft trank er sich Mut an und quälte mich manchmal stundenlang. Er gönnte mir keine Ruhe, kam ständig mit neuen Gebissarten, Sattel und Zaumzeug und zerrte an mir rum.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was auf dem Reitplatz damals passierte. Er saß auf meinem Rücken und ich musste ihn wohl mit irgendeiner Kleinigkeit gereizt haben. Daraufhin zog er so heftig am Zügel, dass ich mich vor Schmerzen am Gebiss aufbäumte. Das brachte ihn noch mehr in Rage und er gab mir die Peitsche. Das war zu viel für mich und es begann ein regelrechter Kampf zwischen uns - an dessen Ende ich ihn endlich abwarf. Obwohl ich ihn dumpf aufprallen hörte, galoppierte ich ans andere Platzende.

Als ich mich umwandte, sah ich, wie mein Peiniger langsam in den Stall hinkte. Dann war ich alleingelassen. Den Rest des Tages verbrachte ich unter der Eiche. Niemand kam, mich zu füttern und gegen den Durst gab es keinen Tropfen Wasser. Nicht einmal hinlegen konnte ich mich, mit dem Zaumzeug auf dem Rücken.

Erst am Abend, als die Sonne unterging, kam der alte Herr zu mir. Er trug ein Sieb in der Hand und flüsterte mir mit seiner freundlichen aber bestimmten Stimme liebevolle Worte ins Ohr. Ganz still stand ich, bis er mir so nahe war, dass ich den Hafer auffressen konnte, den er mir anbot. Währenddessen streichelte er mich. Mein schlechter Zustand empörte ihn und als er mich an den Zügeln in den Stall führte, sagte er zu seinem Sohn: "Aus dem Weg! Du hast dem Pferd Schlimmes angetan."

Samson brummelte, ich sei ein bösartiges Vieh. Doch sein Vater widersprach ihm: "Ein schlecht gelaunter Mann kann kein Pferd der Welt zur Gutmütigkeit bringen. Du taugst nicht zur Pferdezucht, Samson." Im Stall wusch er meine Flanken und die blutverkrusteten Stellen vorsichtig ab, als wüsste er um meine Schmerzen. Und weil ich ein blutverkrustetes Maul hatte, ließ der Herr Kleiebrei zubereiten. Es war ein richtiges Festmahl.

Danach sah er öfters nach mir und übergab einem Reiter namens Joe die Ausbildung. Er war ein friedlich und sanft - ihm gehorchte ich bald."





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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