LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Earlshall

Joe siedelte am nächsten Morgen mit Merrylegs zum Pfarrer über. Er wurde vor den Lieblingswagen seiner Herrin gespannt, dann verabschiedete sich Joe von uns und Merrylegs wieherte uns ein letztes Mal zu.

John sattelte Ginger; ich sollte die 15 Meilen nach Earlshall am Zügel nebenher galoppieren. Das Gut des Earl of W. hatte einen riesigen Park und er wohnte in einem feudalen Herrenhaus, zu dem stattliche Stallungen gehörten. John traf sich dort mit einem großen Mann mittleren Alters. Es war Mr. York, der Kutscher unserer neuen Herrschaft. Er machte einen resoluten Eindruck und befahl einem Stallknecht, uns in unsere Boxen zu bringen. Dann ging er mit John weg.

Der Stall von Earlshall war hell und luftig. Wir bekamen ordentlich Futter und wurden gestriegelt. Etwa eine halbe Stunde später kamen John und Mr. York wieder zu uns. Nun befragte unser neuer Kutscher John nach unseren Eigenheiten. John erzählte meine frohe Geschichte und Gingers leidvolle Vorgeschichte in wenigen Sätzen. Mr. York hatte sowieso schon erkannt, dass wir ein besonders gutes Gespann wären. Er versicherte John, dass man uns gut behandeln würde - obwohl er einfließen ließ, dass er bei diesem großen Stall nicht immer sehen könne, wie die Stallburschen handeln würden. "Aber ich werde mein Bestes geben und Ihre Ratschläge um die schönen Pferde beherzigen."

Beim Hinausgehen setzte John noch hinzu: "Was ich noch vergessen habe … die Pferde wurden niemals mit Aufsatzzügel geritten. Der Rappe kennt so etwas gar nicht und die Stute wurde genau dadurch so verdorben!"

York zuckte mit den Schultern und meinte: "Leider geht unsere Herrin mit der Mode und besteht auf die Aufsatzzügel. Sie will die stolze Kopfhaltung der Pferde hervorheben. Ich war immer dagegen, muss mich aber leider fügen."

"Das tut mir leid für euch", flüsterte John uns ins Ohr, als er noch einmal zu uns kam, sich von uns zu verabschieden. Er streichelte uns noch ein letztes Mal und blickte uns traurig an. Wir haben uns nie wieder gesehen.

Der Graf, der uns am nächsten Tag in Augenschein nahm, war sehr angetan von uns. Er meinte zwar, dass wir farblich nicht besonders gut harmonierten. Zum Glück sei das aber auf dem Lande kein wirkliches Problem. Und der Rappe wäre bestimmt auch ein hervorragendes Reitpferd.

York informierte den Grafen über unsere Eigenarten bezüglich der Aufsatzzügel und bekam die Anweisung, auf Ginger ein besonders wachsames Auge zu haben. Er forderte York auf, uns gemächlich an diese unbequemen Zügel zu gewöhnen. "Ich werde auch Ihre Herrin davon informieren."

Um drei Uhr fuhren wir mit unserer neuen Kutsche vor das Herrenhaus. Es war drei- oder viermal so groß wie Birtwick, dennoch wirkte es wenig anheimelnd, wie ich fand. Zwei Diener in festlicher Livree standen rechts und links des Treppenabgangs, als die Herrin im raschelnden Seidenkleid die Treppe herunterschritt. Als sie kritischen Blickes um uns herumschritt, wirkte sie ein wenig unzufrieden. Ich trug heute zum ersten Mal diese Aufsatzzügel, die unangenehm waren und dafür sorgten, dass ich meinen Kopf nicht senken konnte. Aber es war auszuhalten. Meine Sorge galt Ginger, die allerdings noch zufrieden wirkte.

Am nächsten Tag wiederholte sich die Ausfahrt um drei Uhr. Heute war der Gräfin erster Satz: "York, spannen Sie die Pferdeköpfe höher! Das sieht ja schrecklich aus!"

York versuchte trotz seiner Ehrerbietung uns zu verteidigen und erinnerte die Herrin daran, dass auch der Graf meinte, dass man mit den Aufsatzzügeln langsam beginnen müsse. Trotzdem musste er die Zügel höher spannen.

An diesem Tag sollten wir einen steilen Hang hinauf, den ich bisher ohne Probleme bewältigt hätte. Allerdings war ich mit dem Aufsatzzügel so eingeschränkt, dass ich nicht in der Lage war, genügend Schwung zu holen. Wieder im Stall angekommen, sagte Ginger nur: "Nun, hast du gespürt wie das ist? Aber es könnte noch Schlimmer sein. Wenn es so bleibt, will ich noch still sein. Immerhin werden wir gut versorgt. Aber wenn die Zügel weiter verkürzt werden, dann können sie was erleben hier!"

Und es kam so. Täglich schnallte York die Zügel ein Loch kürzer und es kam schnell der Tag, an dem ich mich vor den Ausfahrten, auf die ich mich sonst immer gefreut hatte, fürchtete. Ginger sagte wenig, wirkte aber sehr unruhig. Eines Tages wurden die Aufsatzzügel nicht mehr enger geschnallt und ich begann, mich mit der Situation abzufinden und meiner Pflicht, die eher einer Qual glich, nachzukommen. Aber das Ärgste lag noch vor uns.





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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