LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Lady Anne

Der Graf zog mit einem Teil seiner Familie im Frühjahr nach London. York kam mit ihm. Ginger, ich und einige andere Pferde blieben auf dem Gut unter Aufsicht des ersten Reitknechts.

Die alte Lady Harriet, die im Herrenhaus blieb, machte nie eine Kutschfahrt. Sie war seit Jahren gelähmt und häufig krank. Die junge Lady Anne dagegen liebte es, mit ihren Brüdern und Vettern auszureiten. Ich liebte die Ausritte mit ihr schon deshalb, weil sie eine ausgezeichnete Reiterin war. Sie war beschwingt und anmutig zugleich und sie wählte mich zum Reitpferd aus. Bei ihr hieß ich "Black Auster".

Die Ausritte in der klaren Luft - manchmal mit Ginger, gelegentlich mit Lizzie - genoss ich in vollen Zügen. Lizzie war eine hübsche Fuchsstute, die wegen ihres Temperamentes und ihrer Schönheit vor allem das Lieblingspferd der Herren war. Doch Ginger erwähnte mir gegenüber, dass die Stute arg nervös sei.

Eines Tages, als einer der Herren Lizzie besonders lobte, wollte Anne unbedingt im Damensattel mit Lizzie ausreiten. Blantyre, so hieß der junge Mann, sah dies nicht gerne und wollte sie umstimmen. Doch Anne ließ sich nicht davon abbringen, die niedliche Lizzie auszuprobieren. "Du siehst doch auch, dass sie sich fast noch besser als Damenpferd eignet als Black Auster."

"Bitte reite sie nicht. Sie ist zwar von ausnehmender Schönheit, dennoch ist sie ebenso unruhig. Es ist gefährlich - lass uns die Reitsitze wechseln", bat Blantyre.

"Blödsinn", lachte Lady Anne, "es ist zwar lieb, dass du so besorgt um mich bist, aber ich konnte schon reiten, bevor ich laufen konnte. Also, sei so nett und hilf mir aufsteigen."

Blantyre ergab sich und gab ihr die Zügel. Dann stieg er auf mich auf. Wir wollten gerade losreiten, als der Diener aus dem Haus rannte mit der Bitte, dem Doktor einen Zettel mit einer Nachricht von Lady Harriet zu überbringen. Auch bat er um sofortige Rückmeldung.

Zügig waren wir am Doktorhaus, das in einem Dorf ungefähr eine Meile von uns entfernt lag. Blantyre stieg am Tor ab. Lady Anne wollte vor dem Tor auf ihn warten und forderte ihn auf, meine Zügel einfach über das Gitter zu legen. Er zögerte kurz, und war bald darauf im Park verschwunden.

Wartend standen wir nun am Straßenrand. Lady Anne trällerte eine Melodie vor sich hin. Aufmerksam verfolgte ich die Schritte meines Reiters, bis ich hörte, dass er an die Tür klopfte. Gegenüber von uns lag eine eingezäunte Koppel. Gerade trieb ein Bursche mit Peitschenknallen einige Pferde und ihre Fohlen hinaus, die noch wild und ausgelassen wirkten. Eines von ihnen traf beim Überqueren der Straße Lizzies Hinterhand.

Ich weiß nicht, ob es der Peitschenknall war oder die Ungeschicktheit des Fohlens. Auf jeden Fall schlug Lizzie erschrocken aus und schoss wie ein Pfeil mitsamt unserer Lady Anne im gestreckten Galopp davon. Fast wäre meine Herrin aus dem Sattel gerissen worden, doch sie hielt sich. Ich wieherte laut, in der Hoffnung, dass Blantyre meinen Ruf verstand. Tatsächlich rannte er kurz darauf auf mich zu und saß zügig auf meinem Rücken. Er musste mich nicht anfeuern - auch ich wollte so schnell es ging die Beiden einholen. Mit lockerem Zügel ließ er mir freien Lauf. Er selbst beugte seinen Oberkörper so weit es ging nach vorn.

Immer wieder verloren wir die Sicht auf Lady Anne, doch die Menschen am Wegesrand, die das Unglück spürten, riefen uns immer die richtige Richtung zu. Auf der Gemeindewiese, ungefähr eineinhalb Meilen weit entfernt, erblickten wir sie wieder. Mit wehendem braunem Haar - weil ihr inzwischen der Hut davongeflogen war - schwebte sie nur so dahin. Sie versuchte mit letzter Kraft, Lizzie zu zügeln. Doch die Gemeindewiese war voll mit Maulwurflöchern und Ameisenhaufen und schon deshalb kein geeigneter Weg für ein Rennen.

Hier holten wir ein wenig auf. Doch ungefähr durch die Mitte der Wiese zog sich ein neulich aufgeworfener Graben, bei dem sie keine andere Wahl hatten, als anzuhalten. Doch mit Erschrecken sahen wir, dass Lizzy zum Sprung ansetzte, in der frisch aufgeworfenen Erde den Halt verlor und stürzte. Blantyre stöhnte auf und spornte mich an: "Black Auster, gib alles!"

Mit voller Konzentration sprang ich über den Graben und den Erdwall. Dort lag meine Herrin bewegungslos im Heidekraut, das Gesicht zur Erde gewandt. Vorsichtig drehte Blantyre sie um und rief leise ihren Namen. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Gesicht war ganz fahl. Er fühlte Hände und Puls, um dann aufzuspringen und sich nach Hilfe umzusehen.

Auf seine Rufe hin eilten zwei Männer herbei, die in der Nähe Torf gestochen hatten. Sie wollten eigentlich gerade Lizzy einfangen, doch Blantyre befahl ihnen, sofort den Doktor zu holen. So kam es, dass der Arbeiter ungelenk auf meinen Rücken kletterte. Er rief "Hüa!" und drückte mir mit seinen Schenkeln fast den Rücken zusammen. Ich versuchte so ebenmäßig wie möglich zu bewegen, als ich merkte, dass der Mann so gar keine Reiterfahrung zu haben schien. Doch wir gewöhnten uns aneinander und er konnte den Doktor informieren, der sich dann auch gleich auf den Weg machte. Wir ritten auch wieder zurück.

Als ich wieder in den Stall kam, hatte sich die traurige Nachricht schon rumgesprochen. Ich wurde mit Decken gut versorgt und konnte endlich den Sattel und das Zaumzeug loswerden. Ginger ritt mit Lord George weg und später wurde auch noch eine Kutsche benötigt. Als Ginger spät zurückkam, berichtete sie mir das Neueste.

Sie hatte gesehen, wie der Doktor Lady Anne eine Medizin verabreicht hat und dass er sagte: "Sie lebt!" Danach hob man unsere Herrin in die Kutsche und sie wurde zum Herrenhaus gebracht. Vermutlich hätte sie sich nichts gebrochen, meinte Ginger, aber gesprochen hätte Lady Anne noch kein Wort.

Nach Yorks Dafürhalten dürfte ein Draufgänger wie Lord George ein Pferd wie Ginger nicht selbst zum Jagdpferd trainieren. Doch Ginger mochte die Arbeit mit ihrem neuen Herrn. Nur gelegentlich sah ich, wenn sie von der Jagd heimkam, dass sie keuchte, manchmal auch hustete. Sie beklagte sich nicht, aber ich machte mir Sorgen.

Blantyre kam zwei Tage nach dem Unfall zu mir in den Stall, um mich zu loben und zu streicheln. Er erklärte Lord George, dass er genau bemerkt hätte, dass ich im richtigen Moment den Ernst der Lage erkannt hätte und dass ich in dem Moment, als Lady Anne in Gefahr war, nicht mehr aufzuhalten gewesen wäre, selbst wenn er gewollt hätte. "Sie sollte nie wieder ein anderes Pferd reiten", sagte er.

So hörte ich auch, dass Lady Anne außer Gefahr war und bald wieder reiten konnte. Nun schien einer glücklichen Zukunft nichts mehr im Wege zu stehen.





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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