LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Droschkenpferd in London

Jeremiah Barker, so war der Name meines neuen Herrn. Aber alle nannten ihn Jerry. Polly, seine heitere, füllige Ehefrau, passte wunderbar zu ihm. Sie hatte dunkelbraunes Haar, braune Augen und sie lächelte ständig. Jerrys höflicher Sohn Harry war bald zwölf Jahre alt und recht hochgewachsen für sein Alter. Die achtjährige Dolly, die eigentlich Dorothy hieß, war jetzt schon ein Ebenbild ihrer Mutter.

Eine Familie, die sehr liebevoll miteinander umging. In Jerrys Besitz befanden sich eine Droschke und ein großer Schimmel namens Captain, der aber schon ein fortgeschrittenes Alter hatte. Er schien ein wahrer Vollblüter zu sein und hatte angeblich in frühen Jahren den Krimkrieg mitgemacht. Dort war er das Pferd eines Offiziers der Kavallerie und führte mit ihm das Regiment an. Aber davon erzähle ich später.

Am nächsten Morgen kümmerten sich alle rührend um mich. Es war fast wie in alten Zeiten. Polly und Dolly schwärmten mich an und brachten mir als Zeichen ihrer Freundschaft einen Apfel und ein Stück Brot. Dieses wohlige Gefühl, als sie mich streichelten und sanft in mein Ohr säuselten, war unbeschreiblich. Polly fand es schade, dass ich wegen der Narben an meinen Knien als Droschkenpferd eingesetzt werden sollte. Sie rätselten, welches Ereignis mich wohl so zugerichtet hätte. Jerry meinte: "So ein zuverlässiges und tolles Pferd hatten wir noch nie. Nennen wir ihn wieder Jack? Dieser Name hat noch immer zu unseren besten Pferden gehört."

Polly stimmte ihm gerne zu. Am Vormittag zog Captain die Droschke. Nach Schulschluss brachte Harry mir mein Futter und frisches Wasser. Am Nachmittag wurde ich vor die Droschke gespannt. Jerry war ähnlich umsichtig und fürsorglich wie einst John Manly. Endlich durfte ich wieder ohne Aufsatzzügel und Kinnkette fahren. Ein wahrer Segen!

Am Droschkenstand reihten wir uns in die lange Schlange der Kutschen ein, die auf Fahrgäste warteten. Einige Kutscher kamen, mich zu begutachten und ihre Meinung kundzutun. "Für einen Leichentransport mag er gehen", sagte einer. Ein anderer befand mich für zu edel, war sich aber sicher, dass an mir irgendwas falsch sein müsse. Man würde schon noch draufkommen.

Jerry ließ sich nicht drausbringen und meinte: "Der Fehler wird sich dann schon bei mir melden. Und so lange freue ich mich an dem schönen Tier."

Ein Mann mit einem breiten Gesicht und freundlicher Miene kam auf uns zu. Sein grauer langer Mantel, der graue Hut und sein blaues, lose um den Hals geschlungenes Tuch, ließ ihn wichtig erscheinen. Grant, oder besser Governor Grant wie ihn hier alle nannten, schaute mich von allen Seiten an, als wolle er mich kaufen. Dann sah er Jerry an und sagte: "Was auch immer das Pferd gekostet hat, es passt zu dir und er ist es allemal wert."

Die positive Meinung des Ältesten hier am Droschkenstand war wichtig. Er fungierte öfter als Streitschlichter und war bekannt für seine allgemein gutherzige und besonnene Entscheidungskraft. War er jedoch angetrunken, dann war nicht gut Kirschen essen mit ihm.

Der Lärm und die vielen Menschen auf Londons Straßen machten mir während meiner ersten Zeit als Droschkenpferd schwer zu schaffen. Doch nach einigen Wochen bemerkte ich, dass ich einen sehr zuverlässigen, verlässlichen Fahrer hatte. Er machte mir meine Arbeit so leicht, wie es nur möglich war.

Jerry kümmerte sich um uns in wundervoller Weise. Er spürte, dass ich arbeitswillig war, und benutzte die Peitsche nie. Manchmal strich er mit ihr leicht über meinen Rücken, damit ich spürte, dass ich vorwärtsgehen sollte. Doch in der Regel bemerkte ich schon an seiner Zügelhaltung, was er wollte.

Auch der Stall war sehr bequem. Er war so eingerichtet, dass wir uns nachts frei darin bewegen konnten. So hatten wir den Vorzug, uns hinlegen, drehen oder umdrehen zu können, gerade wie es uns gefiel.

Sauberkeit stand für Jerry ganz weit vorne und es fehlte uns an nichts. Stets stand frisches Wasser parat, sodass wir jederzeit in kleinen Mengen trinken konnten. Viele Pferdehalter meinten, sie täten uns einen Gefallen, wenn wir einen ganzen Eimer auf einmal leertrinken durften - das Gegenteil ist der Fall. Pferde müssen jederzeit trinken können.

Am Wichtigsten für uns war aber die Ruhe am Sonntag. Die Arbeit an den Wochentagen war so beschwerlich, dass ich es manchmal schier nicht schaffte. Da diente der freie Sonntag dazu, die Gesellschaft der anderen zu genießen du sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. So erfuhr ich auch die Geschichte von Captain.





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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