LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Jerry Barker

Jerry Barker war der beste Herr, den ich je getroffen habe. In seiner Güte, Freundlichkeit und Gerechtigkeit kam er John Manly sehr nahe. Manchmal sang er selbst gedichtete kleine Lieder:

Immer hilfreich geht zur Hand - einer stets dem andern,
ihr werdet leicht und gut gelaunt - dann durch das Leben wandern.

Dies schien so eine Art Lebensphilosophie von ihm und seiner Familie zu sein. Harry machte geschickt seine Stallarbeit. Morgens halfen Dolly und Polly dabei, die Droschke für den Tag zu richten und Jerry versorgte uns im Stall. Für die Familie begann der Tag sehr früh und Jerry sang häufig:

Versäumst du schon am Morgen - den besten Augenblick,
bringst du ihn mit allen Sorgen - am Tage nicht zurück!

Nichts verurteilte er mehr, als Trödelei und unnütze Zeitverschwendung. Ebenso galt Pünktlichkeit für ihn als eine große Tugend und er hasste es, wenn seine Pferde eilen sollten, weil die Kundschaft zu spät gekommen war. Dies ging so weit, dass er normalerweise eine solche Kundschaft ablehnte. Wenn es aber einen Grund gab, eine eilige Fahrt zu machen, dann konnte Jerry schon mal ‚Dampf' machen, wie er das dann nannte.

So half er eines Morgens einem jungen Mann, der einen schweren Koffer bei sich hatte. Er rutschte auf einem Stück Orangenschale aus und verletzte sich. Jerry half ihm auf und wegen seiner Verletzungen brachte man den jungen Mann in einen naheliegenden Laden. Zehn Minuten später fragte man Jerry, ob er den jungen Mann, der sich wegen seines Unfalls nun in Eile befände, zum Bahnhof fahren könne.

Jerry übernahm diesen Auftrag gerne und fragte herzlich: "Sie sehen blass aus, Sir. Fühlen Sie sich überhaupt in der Lage, zu reisen?" Der Mann betonte mit ernstem Ton, dass er wirklich sehr in Eile sei. Daraufhin setzte sich Jerry zügig auf den Bock und rief: "Auf geht's, Jack, zeig, was du kannst!"

Es war mitten am Tag und im Londoner Geschäftsverkehr war es schwierig, zügig zu fahren. Aber Jerry und ich waren inzwischen ein eingespieltes Team und es genügte ein kurzer Zug am Zügel, um mich zwischen Omnibussen, Karren und Packwagen durchzuführen. Wir hatten jeden Räderabstand und jede Deichsel gemeinsam im Auge und mit viel Geschick und Erfahrung erledigten wir unseren Auftrag, obwohl es Momente gab, in denen unser Fahrgast trotz seines lädierten Zustandes glaubte, er wäre zu Fuß schneller.

Ich war zügig und forsch, Jerry war ein verlässlicher Fahrer mit begabter Hand - so schnell konnte uns keiner den Rang ablaufen. Zum Glück erreichten wir den Bahnhof gerade noch rechtzeitig und unser Fahrgast dankte überschwänglich. Sichtlich erleichtert, dass er den Zug noch erreichen würde, wollte er Jerry zweieinhalb Schilling Trinkgeld geben. Der lehnte dies jedoch ab.

Dann kam auch schon die nächste Kutsche und Jerry trieb mich an, weiterzufahren. Während der Rückfahrt grübelte er laut darüber nach, was den jungen Mann wohl so zur Eile angetrieben hatte. Als wir wieder an unserem Platz am Droschkenstand hielten, kamen uns die Kollegen bereits mit spöttischen Bemerkungen entgegen. Sie belächelten Jerry, der durch diese Fahrt absolut gegen seine bisherigen Prinzipien verstoßen war.

Lachend fragten sie: "Hast du dann wenigstens gut abkassiert?"

"Natürlich. Wesentlich mehr als üblich", antwortete er verschmitzt.

"Und sonst hältst du uns solche Reden!", rief einer gespielt empört, "und jetzt übernimmst du selbst eine eilige Fahrt."

"Jetzt regt euch nicht auf. Der Mann bot mir zwar zweieinhalb Schilling mehr an, aber ich habe es abgelehnt. Sein freudiger Gesichtsausdruck war mir Lohn genug. Außerdem ist das meine Sache, wenn Jack und ich mal Lust auf einen zügigen Trab haben."

Larry entgegnete: "Na ja, so wirst du auf jeden Fall nie reich."

"Und bin ich jetzt weniger glücklich? In keinem der Gebote steht, dass man reich sein soll. Und im neuen Testament ist von reichen Leuten die Rede … so wollte ich nun wirklich nicht werden."

Nun mischte sich Governor Grant ein: "Wenn Jerry mal reich wird, dann verdient er es auch. Aber du Larry, du stirbst einmal als armer Mann. Du erneuerst zu oft die Peitschenschnur."

"Ich habe halt kein Glück mit meinen Pferden. Sie brauchen die Peitsche", rechtfertigte sich Larry.

"Du wirst wohl nie Glück haben", entgegnete der Governor. "Das Glück fährt nicht mit jedem. Es hält sich nur an Menschen, die über Herz und Verstand verfügen. So habe ich das bisher immer erlebt." Dann drehte er sich um und die Anderen kümmerten sich wieder um ihre Droschken.





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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