LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ein Notfall

Als der Wahltag endlich da war, hatten Jerry und ich eine Menge Arbeit. Wir hatten etliche wichtige Fahrten zu erledigen - eine führte uns sogar zur Polizeistation. Als wir endlich wieder am Droschkenstand ankamen, waren alle Wagen unterwegs.

Jerry nutzte die freie Zeit, mich zu füttern. An diesem Tag schien alles anders zu laufen als sonst, schneller und hektischer. Um so glücklicher war ich darüber, dass Jerry mich so verwöhnte. Er setzte sich zu mir und aß die Pastete, die Polly ihm am Morgen eingepackt hatte.

Auf den Straßen herrschte das Chaos. Überall rasten Wagen in den jeweiligen Parteifarben herum, ohne Rücksicht auf Mensch und Tier. Einmal sahen wir sogar einem Unfall zu, bei dem ein Mann und eine Frau einfach überfahren wurden. Doch schlimmer verhielten sich die Wähler, die teilweise stark angetrunken waren und aus ihren Wagen "Hurra!" riefen, wenn sie Leute aus ihrer Partei begegneten. Ich hatte nie zuvor einen Wahltag miterlebt und ich hoffe, dass ich nicht noch einmal einen miterleben muss.

Kurz nachdem wir mit unserer Mahlzeit begonnen hatten, kam eine junge Frau mit einem ungefähr vierjährigen Kind auf dem Arm auf uns zu. Zielstrebig fragte sie Jerry, wie sie am schnellsten zum St.-Thomas-Krankenhaus käme. Der kleine Junge auf ihrem Arm weinte jämmerlich. Die Frau erzählte, sie wäre am Vormittag mit einem Marktwagen in die Stadt gekommen. Von der Wahl hätte sie nichts gewusst.

Sie erzählte, dass ihr vierjähriger Sohn unter heftigsten Schmerzen leide und bis zum heutigen Tage nicht in der Lage war, auf seinen eigenen Beinen zu gehen. Sie hoffe nun, dass man ihm im Krankenhaus weiterhelfen könne.

Jerry klärte sie auf, dass in diesem Gewimmel wahrlich kein Durchkommen möglich wäre, und bot ihr an, in seiner Kutsche zu fahren. Die Frau lehnte ab, weil sie die Kosten auf keinen Fall tragen könne. Doch Jerry beruhigte sie und bot ihr eine kostenfreie Krankenfahrt an. Er habe doch selbst Frau und Kinder und brächte es nicht über sich, eine arme Mutter und ihr Kind den Gefahren dieses unüberschaubaren Gedränges auszusetzen.

Gerade wollte die Frau einsteigen, da drängten sich zwei unverschämte Männer an ihr vorbei, dass sie fast gestolpert wäre, und sprangen in die Kutsche hinein. Jerry sagte: "Meine Herren, die Kutsche ist bereits für diese Dame hier besetzt."

Da lachten die beiden und meinten geringschätzig: "Dame! Pah! Unsere Geschäfte sind auf jeden Fall dringlicher. Außerdem saßen wir zuerst im Wagen. Wir bleiben sitzen!"

Da grinste Jerry spitzbübisch und schloss die Tür. "Schön, meine Herren. Bleiben Sie ruhig sitzen. Ich kann warten und Sie dürfen sich gerne ein Weilchen hier ausruhen." Dann marschierte er zu der jungen Frau, die bei meinem Kopf stand.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis die Herren Jerrys Absicht durchschauten. Tatsächlich stiegen sie schimpfend wieder aus und drohten ihm mit einer Anzeige. Endlich konnten wir den Weg zum Krankenhaus nehmen. Jerry nutzte möglichst viele Nebenwege. Vor dem Krankenhaus half er der Dame aus dem Wagen. Sie bedankte sich überschwänglich und war sichtlich erleichtert.

Jerry meinte nur: "Hoffentlich geht es dem Jungen bald wieder besser." Dann wartete er, bis sie im Haus waren, und flüsterte vor sich hin: "Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan." Jerry strich mir fröhlich über den Hals.

Inzwischen regnete es heftig. Gerade als wir wenden wollten, rief eine Stimme vom Krankenhaus her: "Kutsche!" So hielten wir wieder und eine Dame kam auf uns zu. Jerry schien die Frau zu kennen. Und als sie ihren Schleier zurückstrich, rief sie: "Barker! Jeremiah Barker! Dass wir uns hier sehen! Toll, dass Sie hier sind - in ganz London ist heute wohl keine Kutsche zu bekommen."

Während der Fahrt in Richtung Bahnhof Paddington erfuhr ich, dass die Dame Pollys frühere Herrin gewesen war. Sie erkundigte sich genau nach der gesamten Familie und bot Jerry freundlich an: "Wenn Ihnen die Arbeit als Droschkenfahrer irgendwann zu anstrengend wird, dann kommen Sie zu mir. Es gibt genügend Stellen für gute Reitknechte." Und dann gab Sie Jerry fünf Schilling für jedes Kind und bat ihn, Polly liebe Grüße auszurichten.

Jerry bedankte sich herzlich und lenkte mich müde nach Hause.





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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