LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Gerettet

Auf dem Pferdemarkt fand sich so manches Tier, für das der Tod erlösend gewesen wäre. Viele waren lahm, lungenkrank oder einfach nur alt und überarbeitet. Die Händler und Käufer befanden sich in einem ähnlichen Zustand wie ihre Tiere.

Wieder einmal konnte ich die Menschen beobachten. Manche verhielten sich hartherzig und unerbittlich, aber ich sah auch Leute, denen ich zu gerne zu Diensten gewesen wäre, weil ihr liebenswürdiger Blick und ihre barmherzigen Stimmen vertrauenerweckend waren.

Man hatte schon Interesse an mir, aber letztendlich war ich allen zu kränklich. Gegen später kam ein älterer Herr mit seinem Enkel auf mich zu. Er begutachtete mich mit mitleidigen Blicken. Ich sah ihn mit spitzen Ohren an, als er zu dem Jungen sagte: "Siehst du das Pferd hier, Will? Der hatte auch schon bessere Zeiten." Dann spekulierten sie darüber, was ich wohl mal gewesen war und der ältere Mann meinte, ich hätte Rasse. Der Junge gab mir einen leichten Klaps und streichelte meinen Hals.

Er fragte: "Großvater, kannst du ihn nicht kaufen und wieder jung machen. So wie Ladybird?" Der alte Mann lachte und erklärte ihm, dass man alte Pferde wie mich nicht mehr verjüngen könne. Doch der Junge hatte mich schon in sein Herz geschlossen und ließ nicht locker. Er zählte meine einzigen Vorzüge auf, nämlich den langen Schweif und meine hübsche Mähne. "Großvater!", rief er, "auf unserer Wiese würde er bestimmt wieder jung werden!"

Nun mischte sich mein Händler ein. Er erklärte, weshalb ich verkauft werden sollte und dass der Tierarzt ganz sicher war, dass ich nach einer halbjährigen Pause wieder fit sein würde. "Nur fünf Pfund soll er kosten!", sagte er überschwänglich, "Im nächsten Frühjahr ist er zwanzig wert."

Der Junge diskutierte mit seinem Großvater: "Für das Fohlen hast du doch fünf Pfund mehr bekommen, oder? Dann würdest du mit dem Kauf dieses Pferdes überhaupt nichts verlieren."

Der alte Mann ließ mich vorführen und ich zeigte mich von meiner besten Seite. Und obwohl der Großvater den Kopf schüttelte, ob des großen Risikos das dieser Kauf für ihn bedeuten würde, stimmte er letztendlich zu. Der Junge war außer sich vor Freude. Im nahegelegenen Gasthaus bekam ich Futter und anschließend ritt ein Bediensteter meines neuen Herrn mit mir nach Hause.

Mein neuer Besitzer, Mr. Thoroughgood, ließ mich auf eine wundervolle Wiese bringen, auf der es sogar einen Unterstand gab. Dort wurde ich täglich zweimal mit Heu und Hafer versorgt. Ansonsten wurde ich dem Jungen anvertraut. Will sollte mich beaufsichtigen, worauf er sehr stolz war.

Er kam täglich und gelegentlich brachte er mir eine Karotte mit. Stets redete er liebevoll mit mir und streichelte mich. Er nannte mich Old Crony, was so viel wie - alter Freund - bedeutete. Der Großvater kümmerte sich trotzdem noch um mich, indem er ab und zu nach meinen maroden Gelenken sah. Einmal sagte er: "Will, sieh her. Das ist sein Problem. Aber im Frühjahr wird er sich bestimmt davon erholt haben."

Und tatsächlich - die gute Veranlagung meiner Mutter, die Ruhe und die gute Ernährung verhalfen mir wieder zu Kraft und Lebensfreude. Der freie Auslauf im Gras tat meinen Gelenken so gut, dass meine Beine während des Winters vollends verheilten. Im März spannte mich Mr. Thoroughgood einmal vor den leichten Wagen und ich durfte Will und ihn einige Meilen fahren. Diesen Auftrag erfüllte ich mit Freude.

Daraufhin beschlossen sie, mir im Sommer leichte Arbeit zu geben. Sie freuten sich, dass ich immer jünger wurde. Will rief begeistert: "Oh Großvater, zum Glück hast du ihn gekauft!"

"Tja, diese Tatsache hat er wohl dir zu verdanken", antwortete er schmunzelnd. "Irgendwann sollten wir ihm dann einen netten Platz suchen, bei Menschen, die ihn zu schätzen wissen."





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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