LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ein Picknick

Die Ratte legte am Ufer an, vertäute das Boot und half dem ungelenken Maulwurf an Land. Auch den Picknickkorb vergaßen sie nicht mitzunehmen. Der Maulwurf bat, ihn alleine auspacken zu dürfen. Die Wasserratte erlaubte ihm das gnädiger weise und ruhte sich sogleich auf dem Gras aus.

Sein aufgeregter Begleiter breitete die Decke aus, holte ein rätselhaftes Paket nach dem anderen aus dem Korb, stellte es in fachmännischer Anordnung auf und rief begeistert: "Du meine Güte! Meine Güte!", wenn er wieder etwas Neues entdeckt hatte.

Als alles aufgetischt war, sagte die Wasserratte: "So, alter Freund, greif zu!"

Das tat der Maulwurf nur zu gerne, denn er hatte an diesem Tage schon zeitig mit seinem Hausputz begonnen und noch keine Zeit gehabt, ein ordentliches Frühstück zu sich zu nehmen. Außerdem war der Tag bis zum jetzigen Zeitpunkt recht aufregend gewesen.

Als sie den ersten Hunger gestillt hatten, fragte die Ratte: "Was starrst du denn so aufs Wasser?"

"Siehst du dort die Luftblasen, eine ganze Kette davon bewegt sich übers Wasser. Das kommt mir so seltsam vor", erwiderte der Maulwurf.

"Luftblasen? Oho!", antwortete die Wasserratte erheitert und schnalzte mit der Zunge. Und schon spitzte eine breite, glänzende Schnauze über die Böschung und der Fischotter hievte sich auf die Wiese und schüttelte seinen Pelz vom Wasser frei.

"Fressgierige Geizhälse!", maulte er, und fiel übers Picknick her. "Weshalb hast du mich nicht eingeladen, mein Rattenschätzchen?"

"Oh, das hier war kein geplanter Ausflug", rechtfertigte sich die Wasserratte, "und übrigens, darf ich vorstellen - mein Freund, Herr Maulwurf."

"Hm, sehr schön, sehr schön", meinte der Otter und von dieser Stunde an waren sie die innigsten Freunde.

"Überall ist so ein Gedränge!", erklärte der Otter, "heute scheint aber auch jeder unterwegs zu sein. So bin ich hierher zum See gekommen, um mir ein wenig Ruhe zu gönnen … und wen treffe ich - euch! Entschuldigt, das meine ich nicht so, ihr wisst schon!"

Hinter ihnen zischelte etwas und dann stieß aus der Hecke, in der noch das welke Blattwerk vom Vorjahr hing, ein gestreifter Kopf, der auf massigen Schultern saß, zu ihnen. "Komm heraus, du alter Dachs!", rief die Wasserratte.

Der Dachs trat ihnen ein oder zwei Schritte entgegen und grunzte: Hm, hm! Eine Gesellschaft!" Damit drehte er sich um und verschwand wieder in der Hecke.

"Typisch", maulte die Ratte enttäuscht, "er mag Gesellschaften nicht leiden. Für heute kommt er nicht mehr raus. Aber erzähl doch mal, wer alles auf dem Fluss weilt?"

Der Otter erzählte schmunzelnd den neuesten Tratsch. "Also, da ist zuerst mal der Kröterich mit seinem nagelneuen Rennboot, seinen neuen Ruderklamotten - total geschniegelt!"

Die beiden Tiere sahen sich an und lachten herzhaft. "Früher dachte er nur ans Segeln", erzählte die Ratte, "dann, kaufte er ein Kanu und er tat nichts anderes mehr, als Tag und Nacht zu rudern. Und angegeben hat er, dass es kaum auszuhalten war. Im letzten Jahr kaufte er ein Hausboot und wir mussten ihm alle einen Besuch abstatten und so tun, als ob wir total begeistert wären. Damals - da wollte er sein restliches Leben auf jeden Fall in einem Hausboot verbringen. Es ist immer das gleiche mit ihm … Er beginnt etwas, und wenn es ihn langweilt, dann hechtet er in neue Ideen und Abenteuer."

"Dabei ist er ein netter Kerl", sagte der Fischotter gedankenvoll, "doch nie in Harmonie mit sich - schon gar nicht in einem Boot." Sie blickten über die Landzunge auf den Fluss hinaus. Just in diesem Moment kam ein Rennboot in Sicht. Der Ruderer war von gedrungener, kleiner Statur und spritzte wild um sich, schwankte bedenklich, paddelte aber mit aller Kraft.

Die Ratte erhob sich und rief auf den Fluss hinaus, doch der Kröterich, denn es war niemand anderer als er, schüttelte verbissen den Kopf, um sich weiter abzumühen. "Wenn er so weiterrudert, wird er kentern", murmelte die Ratte, während sie sich wieder setzte.

"Und ob", kicherte der Otter, "kennt Ihr schon die unterhaltsame Geschichte vom Kröterich und dem Schleusenwärter? Also, die Kröte …"

Über der Strömung schwirrte eine Eintagsfliege … ein Wasserwirbel, ein Schnappen und die Eintagsfliege war weg. Der Otter auch.

Verdattert blickte der Maulwurf nach unten. Der Platz, von dem er bis vor wenigen Sekunden noch die Stimme gehört hatte, war leer. Und weit und breit war kein Fischotter mehr zu sehen. Lediglich die Luftblasenkette bewegte sich wieder auf der Oberfläche des Wassers.

Die Ratte summte ein Lied und der Maulwurf, der nicht unhöflich sein wollte, schwieg sich über das unerwartete Entschwinden seines neuen Freundes aus.

"Nun ja", sagte die Wasserratte, "ich denke, wir sollten ebenfalls aufbrechen. Gerade habe ich überlegt, wer von uns nun alles einpacken soll?" Er stellte diese Frage genau so, dass der Maulwurf merken musste, dass er eigentlich keine Lust hatte, aufzuräumen.

"Bitte, lass mich das machen", bat der Maulwurf inständig, was die Ratte natürlich nur zu gerne erlaubte. Nun ja, einen Picknickkorb einzupacken ist nicht so kurzweilig, wie ihn auszupacken - das ist wohl normal. Doch der Maulwurf war fest entschlossen, alles toll zu finden.

Als er den Korb fest verschnürt hatte, blinkte ihm aus dem Gras noch ein Teller entgegen. Als er diesen endlich eingepackt hatte, zeigte die Ratte auf eine Gabel, die eigentlich ein Blinder hätte erkennen müssen, und - oh je! - der Senftopf, der ihm als Sitzgelegenheit gedient hatte, stand auch noch da. Aber er verlor kaum die Geduld und schaffte es irgendwie, doch noch alles in den Korb zu stopfen.





Der Klassiker DER WIND IN DEN WEIDEN von Kenneth Grahame (1859-1932) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Paul Bransom (1885-1979).

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