LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der Maulwurf lernt schwimmen

Als die Ratte heimwärts ruderte, stand die Nachmittagssonne bereits ziemlich tief. In Träume versunken murmelte sie selbstverfasste Gedichte vor sich hin, wobei sie den Maulwurf kaum beachtete.

Doch der Maulwurf fühlte sich satt vom üppigen Essen, stolz und selbstzufrieden und fühlte sich auf dem Boot bereits wie zu Hause. Nach einer Weile wurde er zappelig und fragte: "Bitte, liebe Ratte, lass mich auch einmal rudern!"

Die Wasserratte schüttelte mild lächelnd den Kopf. "Nein, nicht jetzt, Kumpel", antwortete er, "vorher musst du einige Unterrichtsstunden nehmen. Rudern ist nicht so einfach wie man glaubt."

Die nächsten Minuten war der Maulwurf zwar still, doch sein Neid auf die Ratte und ihre Ruderkünste wurde immer größer. Plötzlich holte ihn Selbstgefälligkeit ein und er sprang ruckartig auf, um die Ruder an sich zu nehmen. Die Ratte, die immer noch Gedichte summend vor sich hingeträumt hatte, kippte überrascht vom Sitz und blieb auf dem Rücken liegen, alle Viere in die Luft streckend.

Der siegessichere Maulwurf nahm zuversichtlich ihren Platz ein und griff noch zuversichtlicher an die Ruder.

"Du Blödmann!", schimpfte die Ratte vom Bootsboden herauf. "Du kannst doch noch gar nicht richtig rudern. Wir werden kentern!"

Triumphierend schwang der Maulwurf die Ruder ruckartig nach hinten, um sie tief ins Wasser zu graben. Doch er verfehlte die Wasseroberfläche um Längen, der Schwung ließ ihn das Gleichgewicht verlieren, und er kippte rücklings auf die wehrlose Ratte. Der Maulwurf erschrak zu Tode, versuchte noch, sich am Bootsrand festzuklammern, doch im nächsten Moment - Schwupps!

Das Boot kenterte und er fand sich im Fluss wieder. Das Wasser war eiskalt und fühlte sich widerlich nass an. Es blubberte in seinen Ohren, als er immer weiter abwärts sank … immer weiter abwärts! Als er wieder an die Oberfläche schnellte, fiel greller Sonnenschein auf sein Haupt und er hustete und prustete und keuchte.

Verzweifelt spürte er, dass er wieder unterging. Just in diesem Moment packte ihn eine energische Pfote am Nacken. Es war die Wasserratte - und sie lachte. Nicht dass der Maulwurf es hören konnte, nein, aber das Gelächter vibrierte über ihre Pfote entlang zu den Krallen, bis es den Maulwurf im Genick kribbelte.

Die Ratte nahm ein Ruder, schob es dem Maulwurf unter den Arm, dasselbe machte er auf der anderen Seite. Hinter ihm herschwimmend schob sie den hilflosen Maulwurf in Richtung Ufer, und zog ihn an Land. Wie ein modriges Häuflein Elend ließ sich der Maulwurf ins Gras plumpsen.

Nachdem die Wasserratte ihn ein wenig trockengerubbelt hatte, sagte sie: "Los, alter Kumpel! Lauf den Pfad auf und ab, so schnell du kannst. Dann fühlst du dich bald wieder trocken und warm. Ich selbst will währenddessen nach dem Picknickkorb tauchen."

Der Maulwurf watete patschnass, traurig und zutiefst beschämt hin und her, bis sein Fell beinahe trocken war. Die Ratte stürzte sich inzwischen ins Wasser, zog das Boot an Land, vertäute es, fischte die herumtreibenden Besitztümer heraus und tauchte schlussendlich nach dem Picknickkorb, um ihn mit größter Anstrengung ans Ufer zu hieven.

Als wieder alles zum Aufbruch bereit war, begab sich der Maulwurf betreten und kleinlaut auf seine hintere Sitzbank und flüsterte mit fast gebrochenem Stimmchen: "Rattenschätzchen, mein lieber Freund! Mein törichtes und undankbares Benehmen tut mir wirklich leid. Vor Beschämung möchte ich am liebsten im Boden versinken; und hätten wir den wundervollen Picknickkorb verloren, dann wäre mir das Herz gebrochen. Ich war wirklich ein Dummkopf, ja, das weiß ich jetzt. Kannst du mir noch einmal verzeihen, damit wir noch einmal neu anfangen können?"

"Ach je, das geht schon in Ordnung. Gott segne dich", antwortete die Ratte fidel. "Was ist schon so ein bisschen Nässe für eine Wasserratte. Ich verbringe sowieso die meiste Zeit im Wasser und nicht draußen. Denk nicht mehr dran! Und jetzt, kommst du am besten mit zu mir. Bei mir ist es zwar einfach - nicht so pompös wie beim Kröterich - aber es ist gemütlich. Und ich kann dich das Paddeln und das Schwimmen lehren, und bald wird dir das Wasser bald ebenso alltäglich erscheinen wie uns anderen."

Von diesem freundlichen Angebot war der Maulwurf so gerührt, dass er keinen Ton mehr herausbrachte und er sich mit der Pfote sogar einige Tränen abwischen musste, die ihm übers Gesicht kullerten. Feinfühlig blickte die Ratte zur Seite, bis nach einem Weilchen die Lebensgeister des Maulwurfs wieder erwachten und er beherzt genug eine Schar Moorhühner zurechtwies, die ihm wegen seines verstrubbelten Aussehens einige Widerworte entgegenriefen.

Zuhause angekommen, schürte die Ratte ein ordentliches Feuer im Wohnraum. Dem Maulwurf legte sie Pyjama und Hausschuhe an und setzte ihn in einen Sessel vor dem Kamin. Bis die Zeit fürs Abendbrot gekommen war, erzählte die Ratte Geschichten vom Fluss, denen der Maulwurf gespannt lauschte.

In den Geschichten kamen Dämme vor und unerwartete Springfluten; sie handelten von Hechten, die springen konnten, von Fischreihern, die eingebildet waren und von Begebenheiten in Abflussrohren und von nächtlichen Streifzügen mit Fischottern oder Forschungsreisen mit dem Dachs in Feld, Wald und Wiesen.

Es war ein vergnügliches Abendessen, doch kurz danach musste der freundliche Hausherr den völlig übermüdeten Maulwurf die Stiege hinaufbringen. In der behaglichen Schlafstube ließ der Maulwurf seinen Kopf sogleich aufs Kissen sinken. Er wusste ja, dass der Fluss, sein neuer Freund, vor dem Fenster vorbeiplätscherte und über ihn wachte.

Auf diesen ersten Tag folgte noch eine Reihe ähnlicher Tage für den Maulwurf. Einer unterhaltsamer und spannender als der andere, denn der Sommer ging langsam seinem Höhepunkt entgegen. Tatsächlich lernte der Maulwurf rudern und schwimmen und all die anderen Dinge, die einen das Wasser genießen lassen. Und manchmal, wenn er sein Ohr an die Schilfrohre legte, konnte er verstehen, was der Wind ihnen zuflüsterte, wenn er sie rascheln ließ.





Der Klassiker DER WIND IN DEN WEIDEN von Kenneth Grahame (1859-1932) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Paul Bransom (1885-1979).

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