LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Meister Dachs

Maulwurf und Ratte warteten geduldig, obwohl der Schnee ihnen die Füße recht schnell kalt werden ließ. Da wurde die Zeit schnell lang. Sie waren froh, als sie endlich von drinnen die gemütlich schlürfenden Schritte hörten. Es hörte sich an, als würde jemand in zu großen Hausschuhen latschen. Und tatsächlich, genau so war es.

Der Riegel öffnete sich mit dem dafür typischen Geräusch und aus dem schmalen Spalt, der sich öffnete, lugte eine spitze Schnauze und zwei müde Augen zwinkerten heraus. "Ich werde gleich sauer", brummte eine schroffe Stimme. "Wer wagt es, mich in meiner Nachtruhe zu stören? Antworte!"

"Oh, lieber Dachs", rief die Ratte, "bitte gewähr uns Zutritt zu deinem Haus! Die Ratte ist es, und mein Freund der Maulwurf. Wir haben uns im verschneiten Wald verlaufen."

Der Dachs wurde sogleich freundlicher. "Du, lieber Rattenfreund!", rief er mit veränderter Stimme. "Ihr müsst total unterkühlt sein. Kommt herein, schnell!" Erleichtert folgten die beiden schlotternden Tiere der Einladung und wären im Eifer fast übereinander gestolpert.

Und obwohl der Dachs bereits im Schlafrock war, lud er die Beiden ein, ihm in seine Küche zu folgen. In seiner Pfote einen flachen Kerzenständer, schlurfte er den beiden durchgefrorenen Freunden voran. Während Maulwurf und Ratte ihm folgten, schubsten sie sich gegenseitig vor Aufregung. Sie bewegten sich durch einen finsteren, ehrlich gesagt auch recht schäbigen Flur, bis zur Haupthalle. Von hier aus führten mehrere Gänge weg. Aber es gab auch große stabile Türen aus Eichenholz. Eine davon führte in die Küche, aus der eine wohlige Wärme entgegenströmte, als sie alle eintraten.

Der Fußboden aus Ziegelsteinen mutete rustikal an, ein Feuer loderte im Kamin und knisterte behaglich. Zwei Ohrensessel mit hohen Lehnen standen gegenüber des Kamins und luden ein, sich gemütlich zu setzen. Außerdem befanden sich inmitten des Raumes ein langer Tisch und zwei einfache Bänke. An der Stirnseite des Tisches standen noch Reste des einfachen Abendessens von Meister Dachs. Insgesamt sah die Küche blitzsauber aus.

Meister Dachs zeigte sich freundlich und brachte seinen Gästen Wechselkleidung, verpflasterte die Schnittwunde des Maulwurfs und nötigte Ratte wie Maulwurf, in den Ohrensesseln Platz zu nehmen. Umgeben von Wärme und flackerndem Kerzenschein wurde es den Beiden bald warm und die gefahrvollen Erlebnisse im kalten wilden Wald lagen weit hinter ihnen und erschienen ihnen fast wie ein Traum.

Währenddessen bereitete Meister Dachs eine Mahlzeit für sie vor und klapperte beim Auftragen des Gedecks mit den Tellern. Hatten sie vorher einfach nur tierischen Hunger, so lief ihnen beim Anblick der zubereiteten Leckerbissen das Wasser im Munde zusammen. Es war ihnen fast nicht möglich, brav zu warten und die Mahlzeit verlief anfangs dementsprechend schweigsam. Denn mit vollem Munde soll man ja bekanntlich nicht sprechen.

Nach den ersten Bissen erzählten die Tiere dann trotzdem gemütlich ihre Geschichte. Der Dachs hörte zu und weil er kaum was dazu sagte, vor allem nichts Belehrendes oder Besserwisserisches, kam es, dass der Maulwurf ihn immer mehr ins Herz schloss. Als die Teller leer waren, hatten sie über so Manches geschwatzt und der Dachs fragte nach, was es denn Neues in der Gegend gäbe. Vor allem über Neuigkeiten vom Kröterich fragte er interessiert nach.

"Ach je, der ist letzte Woche irgendwo dagegengeknallt. Das war ziemlich schlimm. Dennoch, er will kein erfahrenes Tier als Chauffeur, er besteht darauf, selbst zu fahren", antwortete die Ratte. Der Maulwurf räkelte sich mit hochgelegten Beinen vorm Kaminfeuer und blickte möglichst sorgenvoll in die Runde. "Der Kröterich ist nach wie vor davon überzeugt, der beste Autofahrer der Welt zu sein", erzählte die Ratte weiter, "da war es vorauszusehen, dass ihm irgendwann ein Unfall passieren würde."

Der Dachs zeigte sich besorgt. "Wie viele hat er denn schon gehabt?"

"Was, Autos oder Unfälle?", fragte die Ratte. "Sieben Autos hatte er, und unglaublich viele Teile von Autos, die er überall bei sich gestapelt hat."

"Und schon drei Mal war er im Krankenhaus", mischte sich der Maulwurf ein, "und es ist gar nicht zu glauben, wie viele Strafen er schon bezahlen musste."

"Tja, wenn er so weiterfährt, ohne Rücksicht auf Gesetz und Vorschriften, dann wird der reiche Kröterich bald ruiniert sein", sagte die Ratte. "Oder er fährt sich tot. Eine dieser zwei Möglichkeiten wird ganz sicher eintreten." Er blickte den Dachs an. "Wir als seine Freunde, müssten wir ihm nicht zu Hilfe kommen?"

Nachdenklich verharrte der Dachs eine Weile in seinem Sessel. Er musste gar nicht viel sagen, denn Ratte und Maulwurf wussten auch so, dass in der Winterzeit nicht viel zu machen war. Da ist für die Tiere eine schlafende Zeit, in der man sich weder anstrengt noch sonst irgendwie den Helden mimt. Der Winter ist die Jahreszeit, in der sich die Tiere von der arbeitsreichen Zeit zwischen Frühjahr und Herbst erholen dürfen.

"Gut, wenn die Tage wieder länger werden, ich während den Nächten wieder Unruhe verspüre und möglichst vor dem Aufgang der Sonne schon wieder Lust auf Arbeit verspüre, dann kümmern wir uns um den Kröterich", sagte der Dachs. Diesen Unsinn könne man ja nicht länger mit ansehen, sagte er weiter, und man müsse es endlich schaffen, eine vernünftige Kröte aus ihm zu machen.

Während der Dachs sich so ausgiebig über die Lösung des "Krötenproblems" ausließ, wäre die Ratte beinahe eingeschlafen. Der Maulwurf lachte und sagte: "Ratte ist während des Abends schon zwei Mal eingenickt!"

Dass das Leben im Dachsbau einem Maulwurf eher gegeben war, war klar. Er war das Leben in einem Bau gewohnt. Die Ratte hingegen war es gewohnt, auch während der Nacht die frische Brise des Windes am Fluss zu spüren. Er schlief normalerweise bei geöffneten Schlafzimmerfenstern - das war etwas ganz anders.

Der Dachs zeigte Verständnis und begleitete seine Gäste in ihre Unterkunft. Mit dem Leuchter in der Hand ging er in Richtung Speicher. "Morgen Früh schlaft ihr aus, so lange ihr wollt, Frühstück könnt ihr einnehmen wann es euch beliebt." In einem langen Raum, der halb Speicher und halb Schlafkammer war, konnten Maulwurf und Ratte zuerst nur Vorräte ausmachen. Sie sahen aufgeschüttete Äpfel, Wurzeln und Kartoffeln, Honigtöpfe und Körbe gefüllt mit Nüssen. Dahinter standen zwei kleine Betten, weiß, weich und absolut einladend wirkten sie; bezogen mit Bettwäsche aus Leinen, die grob, dennoch rein anmutete und angenehmen Lavendelduft verbreitete.

In Windeseile hatten sich Maulwurf und Ratte ihrer Kleidung entledigt und räkelten sich glücklich zwischen den Laken. Wie besprochen schliefen sie weit in den nächsten Morgen hinein und fanden sich erst spät am Frühstückstisch ein. Da saßen schon zwei junge Igel am Tisch und aßen aus Holzschüsselchen leckeren Haferbrei. Bei ihrem Eintreten erhoben sich die beiden Igel, ließen dabei den Löffel fallen und verbeugten sich ehrfurchtvoll.

"Esst ruhig weiter", sagte die Ratte gnädig, "wo kommt Ihr denn her. Habt ihr euch im Schnee verlaufen?"

"Gnädiger Herr", sagte der ältere der beiden Igel, "wir wollten zur Schule gehen, weil unsere Mutter uns geschickt hat, und auf der Suche nach dem richtigen Weg haben wir uns verirrt. Mein kleiner Bruder Billy hat vor Angst geweint und weil er noch so klein und ängstlich ist, habe ich es gewagt, an der Tür von Herrn Dachs zu klopfen. Herr Dachs ist bekannt für sein herzliches Wesen…"

Ratte hatte die Not der beiden Igelkinder verstanden und schnitt von dem Speck eine Scheibe ab, Maulwurf schlug einige Eier in der Pfanne auf. Ratte fragte nach dem Wetter.

"Es ist grässlich, gnädiger Herr", antwortete der Igel. "Kein Ausgehwetter für feine Leute."

"Du musst mich nicht immer gnädiger Herr nennen", antwortete Ratte. Der Maulwurf fragte: "Wo ist eigentlich Herr Dachs?"

Da erfuhren sie, dass Meister Dachs in seinem Arbeitszimmer verweile und keinesfalls gestört werden wolle. Er habe gerade an diesem Morgen ausgiebig viel zu tun, lasse der Dachs ausrichten. Natürlich wusste jeder der Anwesenden, wie diese Erklärung zu verstehen war. Der Dachs saß genussvoll in seinem Lehnstuhl im Arbeitszimmer, die Beine hochgelegt und so "beschäftigt", wie es ein Dachs in dieser Jahreszeit war. Nämlich vor sich hin dösend.





Der Klassiker DER WIND IN DEN WEIDEN von Kenneth Grahame (1859-1932) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Paul Bransom (1885-1979).

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