LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der Heimweg

Auf dem Weg nach Hause begegneten Ratte und Maulwurf den Schafen. Dicht zusammengerückt standen sie an den Zäunen, schnaubten und scharrten mit den Vorderfüßen. Zuvor hatten sie mit dem Otter einen Tag lang das Hochland durchwandert. Jetzt eilten sie laut schwatzend und bestens gestimmt an der Schafherde vorbei.

Die Dämmerung des Winternachmittags brach bereits herein und die beiden Freunde hatten noch einen weiten Weg zu gehen. Sie nutzten den Trampelpfad, den sie bei der Schafsherde entdeckt hatten.

Zögerlich bemerkte der Maulwurf das Ortsschild. Tiere mochten Ortschaften eigentlich nicht so gerne. Doch die Ratte sagte: "Das macht nichts. Im Winter sitzen die Leute alle drinnen am warmen Kaminfeuer. Da können wir uns unbemerkt vorbei schleichen. Mit viel Glück können wir sogar einen Blick durch die Fenster erhaschen und zugucken, was die Menschen am Winterabend so machen."

Weil es mitten im Dezember war, brach die Nacht schon zeitig über das Dorf herein. Die Freunde stapften in winterlicher Stille durch den Schnee. Rechts und links des Weges schimmerte das Licht durch die Fenster nach draußen. Fast keines der Häuser hatte Vorhänge vor den Fenstern und man konnte ungehindert sehen, wie die Menschen um den Tisch saßen und Tee tranken, Handarbeiten machten oder lachten.

Voller Sehnsucht blickten die beiden Reisenden durch die Scheiben und ein gewisser Glanz füllte ihre Augen, als sie beobachteten, wie eine Katze gekrault, ein schlafendes Baby ins Bett gelegt wurde oder ein Mann seine Pfeife an einem Holzscheit ausklopfte.

Eine eiskalte Windböe ließ sie erschauern. Ein beißend kalter Hagelschauer fegte ihnen in die Schultern und sie erwachten aus ihrem Traum. Ihre Zehen waren inzwischen kalt wie Eisklötze, die Beine völlig ermüdet und ihr Bett lag noch weit weg von ihnen.

Zügig verließen sie den Ort und wanderten die Landstraße entlang. Trotz der Finsternis lockten die heimatlichen Felder. Sie rafften die letzten Kräfte auf, und begaben sich auf den Heimweg; schweigend und in Gedanken versunken.

Plötzlich wurde der Maulwurf von einem liebevollen Lockruf erreicht. "Heimat", schoss es ihm durch den Kopf. In diesem Augenblick war ihm sein altes Haus ganz nah. Das Heim, das er an dem Tag, als er zum ersten Mal ans Ufer gekommen war, überstürzt verlassen hatte. Seitdem war er nicht mehr dort gewesen. Und jetzt ereilten ihn sehnsüchtige Rufe, um ihn wieder heimzuführen.

Die vielen neuen Eindrücke hatten ihn so eingenommen, dass er nicht mehr an sein eigentliches Zuhause gedacht hatte. Jetzt aber, inmitten der finsteren Nacht, holten ihn die Erinnerungen ein. Auch wenn es noch so klein und erbärmlich wirkte, es war das Haus, das er sich selbst erschaffen hatte. Dort war er nach der Arbeit zufrieden heimgekommen und auch sein Haus hatte sich mit ihm glücklich gefühlt. Dies alles konnte der Maulwurf mit seiner Nase aufnehmen.

Es war ganz einfach. Er musste diesem Befehl jetzt nur folgen. "Rattenschätzchen", rief er. "Komm her zu mir. Ich muss dir was sagen!", rief er.

Die Ratte ging einfach weiter, ignorierte den Ruf. Da jammerte der Maulwurf. Doch die Ratte war schon zu weit entfernt; hörte den Freund nicht mehr. Weder die Qual in der Stimme noch die Dringlichkeit.

Da stand er nun, der Maulwurf, einsam und verlassen auf der Landstraße, das Herz schien ihm zu zerspringen und er begann zu weinen. Doch so sehr der Ruf der Heimat ihn auch bedrängte, er blieb seinem Rattenfreund treu. Mit letzter Kraft holte er die ahnungslose Ratte ein. Diese begann sogleich zu plaudern, überlegte, was sie daheim alles anstellen würden. Träumte vom Feuer am Kamin und einem gemeinsamen Abendessen.

Dass der Maulwurf keine Antwort gab, bemerkte die Ratte nicht. Erst nach einer langen Weile fragte er nach, weshalb sein Freund so still sei. Zu diesem Anlass machten sie eine kurze Rast an einem Baumstumpf. Da dauerte es nicht lange, bis der Maulwurf vollends die Beherrschung verlor und losheulte. Herzzerreißend.

Die Ratte folgte diesem Gefühlsausbruch überrascht. Sie getraute sich anfangs gar nicht, was zu sagen. Nach einer Weile fragte sie feinfühlig: "Lieber Maulwurf, was ist denn los? Sag mir, was du auf dem Herzen hast. Kann ich dir helfen?"

Da erzählte der Maulwurf zwischen bemitleidenswerten Schluchzern von seinem Heimweh. Und dass er gerufen hatte, aber dass die Ratte schon zu weit entfernt war, den verzweifelten Ruf zu hören. "Es war nicht weit weg, mein Heim. Wir hätten nur kurz hinlaufen können, es uns mal anschauen", sagte der Maulwurf. "Aber du hast dich nicht umgedreht, Rattenschätzchen, einfach nicht umgedreht...

In dieser schrecklichen Erinnerung brach er erneut in Schluchzen aus. Von Kummer geschüttelt konnte er nicht mehr weiterreden. Da starrte die Ratte vor sich hin und sagte kein Wort mehr. Sie tätschelte dem Maulwurf tröstend auf die Schulter und sagte voller Selbstvorwürfe: "Ich war ja so ein Idiot. Nichts habe ich bemerkt, ich gemeiner Idiot."

Als der Maulwurf sich nach einer Weile wieder beruhigt hatte, stand die Ratte auf und sagte: "Los, alter Freund. Worauf warten wir noch." Dann ging er los - aber nicht wie erwartet weiter sondern zurück, zurück auf dem Weg, den sie gekommen waren.

Der Maulwurf war zuerst entsetzt. "Das macht doch keinen Sinn", rief er. "Wir sind schon viel zu weit entfernt und es ist tiefe Nacht."

"Los jetzt", mahnte die Ratte, "ohne deine Nase schaffen wir es nicht. Komm mit."

"Aber denk doch an das Ufer, an den Fluss und das Abendessen", rief der Maulwurf verzweifelt.

"Da pfeife ich drauf. Ich will dein Heim jetzt finden - und wenn es die ganze Nacht andauert", rief die Ratte aus. Der Maulwurf ging der Ratte sträubend hinterher. Nach einer Weile sagte die Ratte: "Jetzt benutze deine Nase wieder, wir sind in der Nähe der Stelle, die du beschrieben hast." Schweigend marschierten sie nebeneinander her, als plötzlich ein elektrischer Schlag durch die Körper der Tiere fuhr. Der Maulwurf, der sich bei der Ratte untergehakt hatte, ließ seinen Freund sofort los. Sie blieben stehen und warteten, bis noch einmal die Signale durchkamen!

Dann kam Leben in den Maulwurf, der sich bisher seinem Schicksal ergeben gezeigt hatte. Er stand kurz still und dann ging er zielstrebig voran. Langsam aber zuversichtlich folgte er den Zeichen, die seine Nase erspürte. Die Ratte hatte Not, dem Freund zu folgen. Sie gingen durch Hecken hindurch, durch trockene Gräben und über ein riesiges freies Feld. Plötzlich verschwand der Maulwurf unter der Erde.

Die Ratte hatte Not, ihm zu folgen. Der Einstieg in den dunklen Gang war eng und es roch intensiv nach Erde. Überhaupt war die Luft schlecht. Der Ratte kam der niedere Gang endlos lang vor und er war erleichtert, als der Maulwurf an einem Zündholz riss. Vom Licht beschienen, konnte die Ratte erkennen, dass sie an einem freien Platz angekommen waren, penibel gefegt und mit feinem Sand bestreut. Von hier aus blickten sie direkt auf die Haustüre des Maulswurfs. Am seitlich angebrachten Klingelzug stand in feinen Lettern geschrieben: "Maulwurfs-End".





Der Klassiker DER WIND IN DEN WEIDEN von Kenneth Grahame (1859-1932) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Paul Bransom (1885-1979).

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