LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Kröterich im Kerker

Währenddessen marschierte der Kröterich über die Landstraße; ja, er tanzte fast. Im Geiste kicherte er und freute sich über diesen fulminanten Sieg. Er hatte mehrmals die Richtung gewechselt. Die Sonne strahlte den ganzen Tag. "Oh je, die Ratte wird vom Dachs eine gehörige Abreibung zu erwarten haben", murmelte die Kröte.

Er dachte darüber nach, dass dies wohl das Los von zu geringer Bildung sein musste. Er hielt die Ratte wohl für einen prächtigen Kerl, doch viel Hirnschmalz hatte er nicht. Na ja, vielleicht ließe sich wohl eines Tages noch was aus ihm machen. Darüber dachte der Kröterich so nach, als er über die Landstraße lief.

Beschwingt erreichte er die kleine Stadt, wo er auf das Wirtshaus "Roter Löwe" stieß. Als er das las, fiel ihm ein, dass er noch gar nichts gefrühstückt hatte. Er trat ein und bestellte sie das leckerste Mittagessen auf der Karte. Als er die Hälfte gegessen hatte, hörte er von draußen ein nur zu bekanntes Geräusch. "Hup, Hup!" Er hörte, dass ein Auto im Hof des Gasthauses parkte.

Um nicht gleich aufzuspringen, umklammerte die Kröte den Tischfuß mit seinen Beinen. Kurze Zeit später kam eine Reisegesellschaft zu ihm in den Raum, redselig und hungrig. Als Kröte eine Weile zugehört hatte, hielt er es nicht mehr aus. Er bezahlte an der Theke und schlich zum Gasthaus hinaus. "Ich will es nur ansehen", sagte er vor sich hin.

Das Auto stand mitten auf dem Hof. Niemand achtete darauf, wie der Kröterich interessiert herumschlich und versunken nachdachte. "Bin eigentlich nur neugierig, ob diese Automarke leicht anspringt", überlegte er. Und kaum hatte er es gedacht, saß er bereits drin, die Anlasserkurbel in der Hand und das geliebte Tuckern im Ohr. Da brach die alte Leidenschaft in Kröterich hervor und wie in Trance löste er die Bremse und rollte zum Hof hinaus. Da brauste er über die Landstraße, in dem Wissen, dass er wieder der Alte war. Kröterich, der Automobil-Liebhaber. Dies war seine Stunde und er gedachte, sie zu genießen.

Was dann kommen sollte, war ihm in diesem Moment egal.

Der Richter stellte fest, dass es schwierig sei, dem Kröterich eine sinnige Strafe aufzuerlegen. "Aufgrund der Beweise befinden wir ihn für folgende Taten für Schuldig: Diebstahl eines wertvollen Automobils, allgemeingefährlicher Fahrstil und schwere Beleidigung eines Polizisten!" Dann wollte er noch vom Staatsanwalt die angemessene Höchststrafe für solche Vergehen wissen. Über die Möglichkeiten der Einsprüche müsse man sich in diesem Fall nicht unterhalten, setzte der Richter noch hinzu.

Der Staatsanwalt benötigte einige Minuten, die Strafzeiten zusammenzuzählen. Zwölf Monate für den Diebstahl, drei Jahre für die unglaubliche Raserei und am Schlimmsten zu werten sei die Beleidigung der Amtsperson. Für die gäbe es fünfzehn Jahre. "Bei genauem Nachrechnen sind es 19 Jahre", sagte der Staatsanwalt. "Doch zur Sicherheit sollten wir auf 20 Jahre aufrunden."

Der Richter nickte anerkennend und lobte diesen Vorschlag. "Angeklagter, diesmal kommen Sie mit zwanzig Jahren davon! Und denken Sie daran. Wenn ich Sie hier noch einmal sehe, dann werde ich mich ernsthaft mit Ihnen befassen müssen!", donnerte er mit respekteinflößender Stimme durch den Gerichtssaal.

Danach ging alles ganz schnell. Die derben Diener des Gerichtes stürzten sich auf den Kröterich. Sie legten ihn in Ketten und zerrten ihn über den Marktplatz. Dort wurde Kröterich von den Menschen verspottet und mit Schimpfwörtern belegt.

Die Gerichtsdiener führten ihn über die Zugbrücke, unter dem Fallgitter hindurch ins düstere alte Schloss, deren mittelalterliche Türme einschüchternd über ihnen aufragten. Sie gingen an den Wachstuben vorbei, aus denen Soldaten herausgrinsten. Vorbei an den angeketteten Bluthunden, die lüstern hechelten und an Folterkammern, dem Raum mit den Daumenschrauben und schließlich am Fallbeil vorbei in Richtung Kerkereingang. Der steinalte Gefängniswärter rasselte bereits erwartungsvoll mit seinem riesigen Schlüsselbund.

"He, Alter", sagte der Gerichtsdiener, "nimm diese ekelhafte Kröte in Empfang. Ein Schwerverbrecher von unvorstellbarer List! Bewache ihn ausgesprochen gut. Und bedenke, wenn ihm etwas zustößt hier, dann kostet es deinen Kopf!"

Grimmig stand der Kerkermeister auf, packte die Kröte an der Schulter. Der Schlüssel knarrte im verrosteten Schloss. Kröterich wurde hineingestoßen. Hinter ihm fiel die Tür schwer ins Schloss. Damit befand sich Kröterich in hilfloser Gefangenschaft. Er saß im sichersten Schloss von England im bestbewachten Gefängnis, im tiefsten Kerker.





Der Klassiker DER WIND IN DEN WEIDEN von Kenneth Grahame (1859-1932) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Paul Bransom (1885-1979).

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