LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ein Unglück

Zigeuner hatten auf der Gemeindewiese ihr Lager aufgeschlagen. Ein Feuer aus Reisig brannte und über der Glut brodelte eine fein duftende Mahlzeit in einem Kessel. Kröterich spürte Appetit in sich aufkeimen. Er blickte über das Lager und überlegte, ob er den Zigeuner überwältigen sollte oder ob er ihm schmeichelnde Worte zuflüstern sollte. Er entschied sich für die freundliche Variante.

Kröterich setzte sich dem Zigeuner gegenüber und wartete ab, bis der Pfeife rauchende Mann ihn ausreichend beäugt hatte. Dann fragte der Mann mit dem schwarzen Schnauzbart, ob er das Pferd verkaufen wolle.

Das setzte Kröterich in Erstaunen. Auf diese Idee wäre er gar nicht gekommen. Schließlich wusste er nichts von den Vorlieben der Zigeuner für Pferdehandel. Auch dachte er nicht darüber nach, dass Zigeunerwagen ja irgendwie auf der Straße gezogen werden mussten. Ursprünglich wollte er kein Geld machen mit dem Pferd. Doch der Vorschlag des Zigeuners war zu verlockend.

Er bewies aber Verhandlungsgeschick und zeigte sich erst einmal sträubend. "Nein, ich häng mit ganzem Herzen an diesem treuen Pferd!", sagte er. Zudem lobte er es als Vollblutpferd und erwähnte, dass es Preise gewonnen habe. Der Zigeuner wurde dadurch immer interessierter, musterte den Gaul interessiert und sagte: "Einen Schilling für jedes Bein ist es mir schon Wert."

Die Kröte rechnete umständlich und kam auf 4 Schillinge. Dies war ihm zu wenig. "Na gut, fünf Schilling, aber mehr ist der Gaul wirklich nicht Wert", sagte der Zigeuner geschäftstüchtig. Der Kröterich musste jetzt wirklich gut nachdenken. Denn er war weit von zuhause weg und hatte kein Geld.

Trotzdem schien ihm das Angebot zu nieder und er sagte: "Nein. Ich mache dir jetzt ein Angebot - mein letztes. Sechs Schillinge und sechs Pfennig wirst du mir bezahlen, bar auf die Hand. Dazu noch so viel zu essen, wie ich in mich reinstopfen kann. Dafür sollst du meinen Gaul bekommen mitsamt Zaumzeug." Wenn er das nicht annehmen wolle, dann hätte er noch einen Kaufinteressenten ganz in der Nähe, setzte Kröterich noch hinzu.

Der Zigeuner willigte ein, obwohl er sich nicht mehr sicher war, dass er hier ein gutes Geschäft machte. Und Kröterich hatte das Gefühl, die beste Mahlzeit seines Lebens einzunehmen. Immer wieder ließ er sich den Teller mit dem leckeren Essen aus dem Eisenkessel nachfüllen. Nachdem er vollgestopft war, verabschiedete er sich vom Zigeuner und natürlich vom Pferd. Danach machte sich Kröterich wieder auf den Weg.

Bei hellem Sonnenschein, vollgestopftem Bauch und Geld in der Tasche, fühlte er sich wieder selbstbewusst; fast wie in alten Zeiten. Tief in ihm drin wuchsen bereits wieder hochmütige Gedanken heran. "Was bin ich doch schlau!", lobte er sich selbst. Kein Tier der Welt sei so klug wie er, glaubte er.

"Immerhin bin ich den Kerkermauern entwischt - einfach hindurchgeschritten, tapfer und fleißig, wie ich bin. Dann haben mich Lokomotiven und bewaffnete Polizisten verfolgt, einer unglückseligen Schiffersfrau bin ich entkommen, an Land geschwommen, verkaufe ihr Pferd und habe jetzt die Taschen voll mit Geld und einen satten Bauch. Ich bin ein erfolgreicher Kröterich!", sagte er mit stolz geschwellter Brust. Dann dichtete er sich selbst ein Lied. Wahrscheinlich das eitelste, aufgeblasenste Lied, das jemals von einem Tier gesungen wurde:

Die Welt kennt große Helden, das tut sie stets vermelden, doch nicht einmal der Goethe, ist so berühmt wie Kröte!

Die Herren Professoren, die sind schon schlau geboren, der Weisheit Morgenröte, das ist jedoch die Kröte!

Und noch drei Strophen dieses lächerlichen Liedes sang er vor sich hin. Kröterich blähte sich immer weiter auf. Doch sein Stolz sollte bald eingedämmt werden. Nach einigen Meilen auf der Landstraße, hörte er einen ihm recht bekannten Klang. Eine Hupe.

"Ein Auto! Ja, vielleicht kann ich mit einem Wagen auf Krötenhall vorfahren. Das würde dem Dachs gut bekommen!", dachte die Kröte. Und tatsächlich kam von weit her ein Auto. Kröte stand an den Fahrbahnrand, um dem Gefährt zu winken. Doch als es näher bei ihm war, rutschte sein Herz tiefer. Es war das Automobil, das er an jenem verhängnisvollen Tag ausgeliehen hatte - das Unglücksfahrzeug sozusagen.

Auch die Leute hinter der Frontscheibe waren dieselben. Oh welch Unglück! Kröterich war voll des Selbstmitleides und schmiss sich längs auf den Grünstreifen. Das Auto hielt neben ihm an und die Leute sagten: "Oh, ein altes Mütterchen! Eventuell ein Hitzschlag! Komm, wir nehmen sie mit." Und so kam es, dass Kröte sich im Auto auf dem Rücksitz wieder fand.

Nach wenigen Metern der Fahrt öffnete er ein Auge. Sogleich fragten die Leute freundlich nach, ob es ihm besser gehen würde. "Ja, lieben Dank. Aber dürfte ich vielleicht nach vorne sitzen, neben den Fahrer? Da würde ich noch besser Luft bekommen!", sagte Kröte.

"Welch eine vernünftige Person", sagte der Herr. Damit bekam Kröterich den Platz auf dem Beifahrersitz. Und wie der Fahrtwind ihm um die Nase strich, war er schon fast wieder der Alte. Er konnte sich kaum beherrschen. So fragte er treuherzig, ob er nicht einmal den Wagen fahren dürfte.

Der Herr lachte ob der mutigen Nachfrage. "Bravo! Gute Frau, das nenne ich Mut. Lassen Sie uns einen Versuch wagen. Ich bin Ihnen gerne behilflich, dann kann nichts passieren."

Schnell rutschte Kröterich auf den Fahrersitz, hielt das Steuer mit festem Griff und hörte den Erklärungen der Herren gespielt interessiert zu. Dann setzte er das Fahrzeug in Gang. Die Herren zeigten sich begeistert, weil das alte Mütterchen so gut fahren konnte. "Sieh mal, wie gut sie das macht. Und das beim ersten Mal!"

Kröterich erhöhte mutig die Geschwindigkeit, dann noch mehr. Er hörte zwar die warnenden Zwischenrufe der Herren, doch das interessierte ihn nicht mehr. In völliger Hingabe bewegte er das Fahrzeug in überhöhter Geschwindigkeit auf der Straße. Der Fahrtwind schoss ihm entgegen, der Motor heulte auf und der ganze Wagen erzitterte.

"Altes Mütterchen! Ha!", rief er aus. "Ich bin Kröterich, der Autodieb, der Ausbrecher, dem keine Kerkermauer zu dick ist." Dann drehte er den Motor noch mehr auf. Die Herren schrieen entsetzt auf. "Nehmt ihn fest, diesen Dieb! Fesselt ihn, legt ihn in Ketten und bringt ihn zur nächsten Polizeiwache. Macht diesem niederträchtigen Kröterich den Garaus!"

Doch dazu hätte man das Gefährt anhalten müssen. Und es war ja Kröterich, der das Steuer in der Hand hielt. Im Rausch der Geschwindigkeit, gerade als die Kröte glaubte, das würde immer so weitergehen, landete er mit einem dumpfen Knall auf dem Rücken - mitten in einer dichten Wiese. Dann musste er zusehen, wie das Auto jämmerlich in einem kleinen Teich versank. Die Herren strampelten hilflos im Wasser.

Geistesgegenwärtig raffte Kröterich die Röcke und rannte so schnell er konnte über die Wiese. Über Hecken, Tümpel und Äcker rannte er, bis er atemlos seinen Weg verlangsamen musste. Als er wieder Luft bekam, musste er lachen. "Das war wieder einmal typisch für mich! Wieder einmal Krötenglück! Ich bin die schlaueste, großartigste Kröte in der Gegend!" Und wieder schmetterte er mit Heldengesang los:

Das Auto hupt sich durch das Land und kommt in große Nöte, wer hat es in den Teich gefahren, das war die kluge Kröte.

Und während er in Eigenlob dahinschwelgte, hörte er hinter sich Geräusche. Er entdeckte einen Herrn und zwei stramme Polizisten, nur zwei Felder von ihm entfernt. Oh je. Sofort versank Kröterich wieder in Selbstmitleid und rannte weg.

"Was bin ich doch für ein aufgeblasener Trottel", fluchte er im Weglaufen. Er verzweifelte noch einmal an sich selbst. "Oh je, Ojemine!", jammerte er vor sich hin. Ein Blick zurück zeigte ihm, dass die Verfolger schneller waren als er. Sie kamen beständig näher. In blinder Verzweiflung stürzte er vorwärts, bis der Boden unter seinen Füßen nachgab und er ohne Halt ins Wasser fiel.

Er begriff gleich, dass er in den Fluss gefallen war. Als er wieder an die Oberfläche kam, spürte er die Strömung. Er musste versuchen, sich im Uferbereich zu halten. In seinem Jammertal rief er: "Oh, nie mehr will ich ein Auto stehlen. Auch kein angeberisches Lied werde ich mehr anstimmen..." Dazwischen tauchte er immer wieder unter. Doch endlich gelang es ihm, sich am Ufer festzuhalten und herauszuziehen. Vor einer Höhle stützte er sich auf und verharrte schwer schnaufend.

Als der Kröterich schwer schnaufend in diese dunkle Höhle blickte, lugte ein ihm bekanntes Gesicht heraus. Ein braunes, kleines Gesicht mit einem Schnurrbart, hübschen Ohren und einem seidenen Fell. Es war die Wasserratte.





Der Klassiker DER WIND IN DEN WEIDEN von Kenneth Grahame (1859-1932) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Paul Bransom (1885-1979).

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