LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Eingebung

Ich war so müde, dass ich ewig schlief. Mein erster Gedanke war: Was für ein erstaunlicher Traum. Gut, dass ich rechtzeitig aufgewacht bin, sonst wäre ich noch gehenkt oder ertränkt worden.

Aber in diesem Moment hörte ich die barsche Musik rostiger Ketten und Clarence erschien vor mir. Mir verschlug es die Sprache; war dieser Jüngling immer noch da!

"Verschwinde mit dem übrigen Traum", rief ich. Aber der Junge lachte nur fröhlich.

"Nun gut, soll der Traum eben weitergehen, ich habe keine Eile."

"Welcher Traum? Ich bin doch Wirklichkeit."

"In meinem Traum gibt es Camelot und König Artus. Ein Ort und eine Person, die nie existiert haben. Und du bist auch nur eine Ausgeburt meiner Fantasie."

"Nun, dann denkst du es ist auch nur ein Traum, dass du morgen verbrannt wirst?"

Mich durchfuhr ein furchtbarer Schreck. Egal, ob Traum oder Wirklichkeit, eine Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen war in keinem Fall das, was mir vorschwebte. Also flehte ich Clarence an, mir bei einer Flucht zu helfen. Doch der Junge erklärte mir, dass überall Wachen stünden und Merlin einen Bann auf diesen Kerker gelegt hatte, durch den es kein Entkommen gab.

Ich lachte so herzhaft wie schon lange nicht mehr und rief:

"Merlin hat einen Bann gesprochen! Ausgerechnet der alte schwatzhafte Schwindler."

Clarence fiel auf die Knie und erwiderte angstvoll:

"Hüte dich! Dies sind furchtbare Worte! Jeden Augenblick könnten diese Wände zusammenstürzen, wenn du so etwas sagst."

Dieses merkwürdige Verhalten brachte mich dazu, nachzudenken. Wenn hier jeder eine solche Angst vor Merlins Zauberkraft hatte, musste dies einem geistig weitaus überlegenerem Mann wie mir, von Nutzen sein.

"Steh auf, Clarence. Ich will dir erklären, weshalb ich gelacht habe. Ich bin selbst ein Zauberer. Merlin kenne ich seit 700 Jahren. Wohin ich auch komme, überall taucht er auf und geht mir ziemlich auf die Nerven. Clarence, geh für mich zum König und überbringe ihm die Nachricht, dass ich ein mächtiger Magier bin. König Artus soll begreifen, dass ich in aller Stille ein Unheil vorbereite, sollte ich auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden."

Der arme Junge war so durcheinander, dass er nicht antworten konnte. Er tastete sich aus meiner Zelle und verschwand. Mir blieb zu bangen, ob Clarence nicht misstrauisch wurde. Sollte ich tatsächlich ein solch großer Magier sein, wäre es für mich ein Leichtes aus dem Gefängnis zu entkommen.

Doch dann fiel mir ein, dass diese Kreaturen ja nicht nachdachten. Das beruhigte mich. Aber ich hatte einen weiteren Fehler begangen. Welches Wunder sollte ich vollbringen, um ein Unheil anzurichten. Was mir fehlte, war Zeit um einen geeigneten Plan zu schmieden. Auf dem Gang waren bereits Schritte zu hören - was sollte ich nur tun?

Da! Wie ein Geistesblitz fiel es mir ein, die Sonnenfinsternis sollte meine Rettung sein. Diese abergläubischen Wilden würden mir glauben, dass es mein Werk sei.

Clarence kam niedergeschlagen vom König zurück und berichtete mir. Der König wollte mich schon begnadigen, als Merlin Einspruch erhob. Ihm fiel auf, dass ich das Unheil nicht beim Namen genannt hatte und er mir kein Wort glaubte. Der Junge beschwor mich, das Unheil zu benennen.

Ich schwieg eine Weile, um mich möglichst eindrucksvoll darzustellen, dann sagte ich:

"Wie lange bin ich schon in diesem Loch eingesperrt?"

"Seit gestern Abend. Jetzt haben wir die neunte Stunde des zwanzigsten Tages."

"Und morgen soll ich lebendig verbrannt werden. Um welche Zeit?"

"Zur Mittagsstunde." Der Junge schauderte.

"Nun gut, so geht zu deinem König und sage ihm Folgendes: Zu jener Stunde werde ich die ganze Welt in mitternächtliche Dunkelheit legen. Ich werde die Sonne auslöschen und sie wird nie wieder scheinen. Ohne ihr Licht wird keine Frucht mehr wachsen und die Völker der Erde werden Hungers sterben und verderben."

Clarence brach vor mir zusammen. Ich trug ihn eigenhändig hinaus und übergab ihn den Soldaten. In der Stille und Dunkelheit meiner Zelle wurde mir erst richtig bewusst, in welcher Gefahr ich schwebte. Doch mein genialer Einfall mit der Sonnenfinsternis würde mich retten und so stieg mein Stimmungsbarometer bis zum Anschlag.

Wenig später öffnete sich die Tür und ein Bewaffneter erschien:

"Der Scheiterhaufen ist bereit. Kommt!"

Der Scheiterhaufen? Meine neu gewonnen Kräfte, verließen mich augenblicklich. Ich rang nach Luft und konnte kaum sprechen:

"Das ist ein Irrtum - die Hinrichtung ist erst morgen!"

"Neuer Befehl: Sie ist um einen Tag vorgezogen, beeilt Euch."

Ich war verloren. Durch ein Labyrinth unterirdischer Gänge wurde ich zum riesigen Innenhof des Schlosses gebracht. In der Mitte türmte sich der Scheiterhaufen. An allen vier Seiten des Hofes stiegen die Sitzbänke Reihe um Reihe terrassenförmig an. Der König und die Königin saßen auf ihren Thronen.

Das zu überblicken dauerte nur wenige Sekunden und im nächsten Moment schlüpfte Clarence aus irgendeinem Versteck und flüsterte mir mit strahlenden Augen seine Neuigkeiten ins Ohr:

"Ich war es! Ich habe die Vorverlegung bewirkt! Es war fürwahr ein harter Kampf. Aber ich habe den hohen Herren vorgeflunkert, dass Eure völlige Zauberkraft erst morgen um die Mittagszeit wirken kann. Das trieb sie zur Eile und so wurde Eure Hinrichtung vorgezogen. Jetzt könnt Ihr mit einem klitzekleinen Zauber die Sonne nur ein bisschen verdunkeln und schon wird man Euch glauben und freilassen. Aber versprecht mir, der Sonne kein Leid anzutun."

Nicht zu fassen. Die gut gemeinte Torheit des Jungen würde mich in den Tod treiben. Auf dem Hof herrschte tiefe Stille. Man kettete mich auf dem Scheiterhaufen fest und ein Mann mit einer lodernden Fackel kniete bei meinen Füßen nieder.

Ein Mönch hielt seine Hände über meinen Kopf, wandte seinen Blick zum Himmel und sprach ein paar lateinische Worte. Plötzlich froren seine Worte ein und ich folgte seinen Augen. Was ich dort sah, konnte ich kaum glauben.

Da ging doch tatsächlich meine Sonnenfinsternis los! Ein schwarzer Rand schob sich langsam in die Sonnenscheibe. Leben strömte durch meine Adern. Ich war ein neuer Mensch. Augenblicklich nahm ich eine großartige Pose ein und deutete auf die Sonne.

Merlin befahl mit kräftiger Stimme: "Lege die Fackel an!"

König Artus rief: "Ich verbiete es!"

Die Menge sank demütig auf ihre Sitze und Merlin zögerte, bevor auch er sich setzte. Dann sprach der König:

"Seid gnädig, guter Herr, und führt dieses gefährliche Unterfangen nicht weiter aus. Nennt mir Eure Bedingungen, verlangt die Hälfte meines Königreichs, aber wendet dieses Unglück ab."

Mein Glück war gemacht. Ich wäre sofort einverstanden gewesen, leider konnte ich die Finsternis nicht aufhalten - so viel stand fest. Also bat ich um Bedenkzeit.

"Die Dunkelheit wächst mit jedem Augenblick, wie lange wollt Ihr nachdenken?", fragte der König.

"Nicht lange, eine halbe Stunde - vielleicht eine Stunde."

Eines stand fest Clarence musste sich im Datum geirrt haben. Heute musste der 21. sein. Außerdem wusste ich nicht, wie lange eine totale Sonnenfinsternis dauern sollte. Es blieb nichts übrig, als die Sonne im Auge zu behalten und eine bedeutungsvolle Pose einzunehmen. Als der Mond sich schon zu zwei Dritteln vor die Sonne geschoben hatte, sagte ich:

"Ich habe nachgedacht! Als Mahnung will ich die Dunkelheit fortschreiten lassen und Nacht über die Welt ausbreiten. Wenn ihr auf meine Forderung eingeht, soll die Sonne danach wieder erscheinen. Macht mich zu Eurem Minister und Bevollmächtigten. Für meine Dienste verlange ich ein Prozent des Zuwachses, den ihr dank meiner Arbeit erzielen werdet. Seid Ihr damit einverstanden?"

Tumultartiger Applaus setzte ein und der König befahl, mich freizulassen. Da mir bewusst war, dass die völlige Finsternis noch ein Weilchen auf sich warten ließ, kam mir die Idee nach meinen Kleidern zu fragen, um die Zeit sinnvoll zu überbrücken.

König Artus hieß seine Diener angemessene Gewänder kommen zu lassen, und mich wie einen Prinzen zu kleiden.

Es wurde immer finsterer, während ich mich mit den neuen unbequemen Kleidern des 6. Jahrhunderts abmühte. Schließlich wurde es stockdunkel und die Menge stöhnte entsetzt auf. Ich sagte:

"Der König hat meine Bedingungen angenommen. Der Zauber weiche und kein Schaden bleibe zurück!"

Als kurz darauf der silberne Rand der Sonne sich zeigte, brach die Versammlung in lauten Jubel aus.





Der Klassiker EIN YANKEE AM HOFE DES KÖNIG ARTUS von Mark Twain (1835-1910) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Dan Beard (1850-1941).

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