LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Merlins Turm

Da ich nun der zweite Mann im Königreich war, wurde viel Aufhebens um mich gemacht. Meine Kleidung bestand aus Samt, Seide und Goldstoffen und war dementsprechend protzig. In der Burg bekam ich die zweitbeste Zimmerflucht nach der des Königs. Was den Komfort anging, so gab es im Grund keinen. Damit meine ich die kleinen Annehmlichkeiten, die ich aus dem 19. Jahrhundert gewohnt war.

Es gab keine Seife, keine Streichhölzer, keinen Spiegel. Weder Bücher und Papier noch Stifte und Tinte. Ich hatte einen Haufen Diener, die im Vorzimmer herumlungerten. Allerdings gab es keine Klingel und wenn ich sie brauchte, musste ich zu ihnen gehen.

Am Schlimmsten war vielleicht, dass es keinen Zucker, Kaffee, Tee oder Tabak gab. Ich kam mir vor, wie ein zweiter Robinson Crusoe. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Kopf und die Hände einzusetzen, um neue Dinge zu erfinden, zu entwerfen und zu erschaffen.

Das ungeheure Interesse der Leute an meiner Person ließ nicht nach. Offenbar wollte die gesamte Nation einen Blick auf mich werfen. Bald erhielt ich die Nachricht, dass die Sonnenfinsternis die gesamte britische Welt fast zu Tode erschreckt hatte. Ganz Delegationen reisten an, um mich zu treffen.

Was mir Sorgen bereitete, die Leute begannen bald, auf ein weiteres Wunder zu drängen. Das war nur natürlich. Clarence fand außerdem heraus, dass der alte Merlin sich unter die Leute mischte und das Gerücht verbreitete, ich sei ein Schwindler.

Kraft meiner Amtsgewalt als oberster Bevollmächtigter ließ ich Merlin ins Gefängnis werfen. In genau jene Zelle, die ich einst bewohnt hatte. Dann ließ ich durch Herolde und Trompeter verkünden, dass meine Staatsgeschäfte mich noch für vierzehn Tage in Anspruch nahmen. Danach wollte ich Merlins steinernen Turm mit himmlischem Feuer in die Luft sprengen. Daraufhin kehrte Ruhe ein.

Ich zog Clarence bis zu einem gewissen Grad ins Vertrauen, und wir gingen heimlich ans Werk. In aller Stille stellten wir ein paar Scheffel erstklassiges Sprengpulver her. Der alte Steinturm war überaus massiv gebaut - allerdings schon recht verfallen. Er stand auf einer Anhöhe, von der Burg aus gut sichtbar und etwa eine halbe Meile entfernt.

Nachts lagerten wir Pulver im Turm, gruben innen Steine aus und versenkten das Pulver in den Mauern. Mit unserer Ladung hätten wir den Tower von London in die Luft sprengen können, wenn es den bereits gegeben hätte. In der dreizehnten Nacht stellten wir einen Blitzableiter auf, setzten ihn in einen Pulverhaufen und legten Draht von ihm zu den anderen Sprengstellen.

Aufgrund meiner Ankündigung waren die Menschen dem Turm seither fern geblieben. Die Aktion sollte losgehen, wenn das nächste Gewitter aufzog. Natürlich war der vierzehnte Tag der erste sonnige seit drei Wochen. Ich hielt mich verborgen und beobachtete das Wetter.

Clarence schaute immer wieder herein und berichtet, dass die Aufregung unter den Menschen wuchs. Weit entfernt zog eine Wolke auf, die sich schnell ausbreitete und schwärzer wurde. Der Zeitpunkt für meinen Auftritt war gekommen. Ich gab Befehl, Merlin freizulassen und zu mir zu bringen.

Inzwischen war es ziemlich dunkel geworden. Merlin schien übel gelaunt und so sagte ich:

"Du wolltest mich lebendig verbrennen lassen und hast meinem beruflichen Ansehen geschadet. Deshalb werde ich Feuer vom Himmel herabrufen und deinen Turm in die Luft sprengen."

Blitze leuchteten auf und mein Blitzableiter lud sich auf. Das große Ereignis stand unmittelbar bevor. Ich vollführte ein paar Armbewegungen in der Luft, dann hörte man einen furchtbaren Knall und der alte Turm flog in seinen Einzelteilen in die Luft.

Das Wunder war recht wirksam. Die Leute zogen von dannen und Merlins Aktien standen schlecht. Nicht ein Stein seines Turmes stand noch, aber ich ließ ihn durch die Regierung wieder aufbauen.

Die Turm-Episode festigte meinen Einfluss und machte mich unangreifbar. Neben dem König und mir gab es nur noch eine Macht, die ein wenig stärker war, als wir beide zusammen. Das war die Kirche. Das bekümmerte mich anfangs nicht, doch darauf, komme ich später zu sprechen.

Das Volk selber war so drollig und einfältig - die reinsten Schafe! Sie existierten nur zu einem Zweck - sich für König, Kirche und Adel abzurackern und Blut zu schwitzen. Hier lebte ich also - ein geistiger Riese unter Pygmäen, ein Erwachsener unter Kindern. Meine Umwelt schien diese Tatsache auch mehr und mehr wahrzunehmen.

Es dauerte nicht sehr lange, da bekam ich einen Titel, der in unsere moderne Sprache übersetzt "Der Boss" bedeuten würde. Gewählt vom Volk. Das gefiel mir.





Der Klassiker EIN YANKEE AM HOFE DES KÖNIG ARTUS von Mark Twain (1835-1910) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Dan Beard (1850-1941).

Artikel versenden

Einfach Karte ausfüllen und per E-Mail an Freunde verschicken!

Dein Name:

Deine E-Mail:

Name des Empfängers:

E-Mail des Empfängers:

Deine Nachricht:



Artikel versenden

Sorry!
Beim Versenden ist leider ein Fehler aufgetreten:




Artikel versenden

Vielen Dank!
Deine Nachricht an wurde erfolgreich versendet. Wenn du möchtest, kannst du noch eine weitere Mail versenden:


Shop
Shop
Shop
Shop
Shop
Shop