LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Feuer im Herrenhaus

Die Frau des Hauses war schon wach und ich erklärte ihr, dass wir Reisende seien, vom Weg abgekommen. Sie führte uns in ihre Stube und wurde schnell gesprächig. Das Thema waren die Ereignisse der vergangenen Nacht im Herrenhaus von Abblasoure. Wir bestätigten, davon gehört zu haben und baten eilig um ein Lager, weil wir vollkommen erschöpft waren.

Bis in den Nachmittag hinein schliefen wir und erwachten derart hungrig, dass selbst Bauernkost für den König annehmbar war. Während wir aßen, erzählte uns die Frau Einzelheiten, wie es zu dem Feuer gekommen war.

Gegen zehn Uhr des Vorabends ging das Herrenhaus in Flammen auf. Die ganze Gegend eilte zu Hilfe und die adlige Familie wurde gerettet. Mit einer Ausnahme: Der Herr selbst. Ihn fanden die Helfer einige Yards entfernt im Unterholz geknebelt und gefesselt und mit einem Dutzend Dolchstichen hingerichtet.

Der Verdacht fiel schnell auf eine bescheidene Familie aus der Nachbarschaft, die seit einiger Zeit vom Baron mit besonderer Härte behandelt worden war. Dieser einfach Verdacht genügte, und der Mob machte sich auf zu einem Kreuzzug, um diese Familie auszulöschen.

Auch der Ehemann der Frau war dabei gewesen. Er war inzwischen aufgestanden und berichtete uns entsetzliche Tatsachen. Achtzehn Menschen waren erhängt oder hingemetzelt worden. Außerdem kamen dreizehn Gefangene in den Flammen um, weil niemand es für nötig befunden hatte, die Gefängnistüren zu öffnen.

Da erhob plötzlich der König seine Stimme: "Und dennoch sind drei der Gefangenen entkommen! Und es wäre eure Aufgabe, nach ihnen zu suchen und für Gerechtigkeit zu sorgen."

Genau das hatte ich erwartet - dass er damit herausrückte. Das Bauernpaar zeigte zuerst reges Interesse an dieser Neuigkeit und stellten einige Fragen. Ich beantwortete sie so gut ich konnte und erkannte, in dem Moment, als die beiden erfuhren, wer die Entflohenen waren, ihren schockierten Gesichtsausdruck.

Der König nahm diese Veränderung nicht war und meinte nur: "Schwatzt ihr hier den ganzen Tag, wird die Gerechtigkeit fehlgehen. Glaubt ihr, die Verbrecher werden in ihres Vaters Haus eilen? Sie werden fliehen und ihr müsst zusehen, dass ihnen jemand folgt!"

Die Frau erbleichte und der Mann sah verwirrt aus. Ich sagte:

"Komm, Freund. Ich will mit dir ein Stück gehen und erklären, welche Richtung sie meiner Ansicht nach eingeschlagen haben."

Artus schien zufrieden und ich schob den Mann mit mir auf die Straße. Dort begann ich zu fragen:

"Wie sind diese Leute mit dir verwandt? Sind es Vettern?"

Der wurde bleich und blieb zitternd stehen.

"Oh mein Gott, woher wisst Ihr das?"

"Ich habe es geraten."

"Die armen Jungen. Sie waren gute Söhne."

"Und du willst sie wirklich anzeigen?"

Zögernd antwortete er: "Ja-a."

"Dann finde ich, du bist ein verdammter Schuft."

Meine Worte machten ihn froh, und während wir uns in irgendeine Richtung vom Haus entfernten, erzählte er. Sein Name war Marco und der Baron hatte seiner Meinung nach nur das bekommen, was er auch verdiente.

Wir beschlossen uns die Zeit so lange zu vertreiben, wie wir brauchen würden, um nach Abblasoure und wieder zurückzulaufen, damit der König keinen Verdacht schöpfen würde. Plötzlich kam vor uns eine Schar halb nackter Jungen und Mädchen aus dem Wald gerannt. Sie bestürmten uns, ihnen zu helfen. Sie redeten so aufgeregt, dass wir kein Wort verstanden - also folgten wir ihnen.

Bald war die schlimme Geschichte aufgeklärt. Das kleine Volk ahmte die Großen nach und hatte einen kleinen Burschen an einem Seil aufgehängt. Dieser strampelte nun und schlug in Panik um sich, während das Seil ihn allmählich erwürgte. Wir retten ihn und brachten in wieder ins Leben zurück.

Meine Stunden mit Marco waren überaus interessant für meine Studien. Ich lernte die verschiedensten Leute kennen und erfuhr einiges über ihre Lebensumstände.

Der König hatte uns kaum vermisst, als wir bei Einbruch der Dämmerung zurückkehrten. Seine Gedanken waren bei einer groß angelegten Invasion Galliens und darüber war sein Nachmittag vergangen.

Für den übernächsten Tag hatte ich in Marcos Haus einige seiner Freund und Bekannte eingeladen. Ich beruhigte Marco, der in Sorge war, weil er sich eine solche Einladung nicht leisten konnte. Als meine bestellte Lieferung am Vorabend ankam, hatte ich alle Hände voll zu tun, dass die Familie nicht in Ohnmacht fiel.

Zu den Lebensmitteln, die ich bereits mehr als üppig berechnet hatte, wurde noch einiges mehr angeliefert. Ich wollte die Familie ein bisschen unterstützen und so bestaunten sie einen großen Vorrat an Weizen, einen Esstisch aus Fichtenholz und zwei volle Pfund Salz.

Die Marcos glaubten, dass der König, dem ich den Decknamen Jones gegeben hatte, also dass Jones und ich uns in den Bankrott getrieben haben, und machten sich große Vorwürfe. Es gelang mir, sie zu beruhigen uns so erwarteten wir für den nächsten Mittag die Gäste.

Im Nachhinein muss ich zugeben, dass der Besuch so gar nicht nach meinen Vorstellungen verlaufen ist. Es bestätigte sich, dass gewisse Themen bei Tisch eher problematisch sind. Eines davon ist die Politik. Wir redeten über Löhne und Gesetze und ich versuchte den Narren begreiflich zu machen, dass sie zwar hohe Löhne hatten, aber auch viel zu hohe Preise und sich von ihrem Geld nichts kaufen konnten.

Es war vergebene Müh, also erklärte ich ihnen ihre unsinnigen Gesetze. Der Richter legte fest, wie viel ein Handwerker verdienen durfte und sollte er von seinem Meister mehr bekommen, macht dieser sich schuldig.

An einen Handwerkermeister namens Dowley gewandt sagte ich:

"Hast du nicht vorher erklärt, du hättest gerade letzte Woche deinen Angestellten einen Cent und fünfzehn Milreis bezahlt? Soweit ich informiert bin, sind das genau fünfzehn Milreis zu viel."

Dieser Einwand saß. Doch stellte ich bald fest, dass ich übers Ziel hinausgeschossen war. Meine Absicht war, dem etwas großmauligen Dowley lediglich einen kleinen Schrecken zu verpassen. Was ich aber erreicht hatte, war Todesangst, an den Pranger gestellt zu werden.

So mühte ich mich nach allen Kräften vom Thema abzukommen, und die Wogen zu glätten. Was mir genau so lange gelang, wie der König sein Schläfchen hielt. Erfrischt und wohl gelaunt gesellte er sich zu uns. Ich wurde überaus nervös, weil unsere Lage mehr als brenzlig war. Die Gäste waren noch alles andere als erholt von meiner Drohung, da holte Artus aus und gab eine Kostprobe seines Wissens über die Landwirtschaft.

Es war sein Versuch, sich seiner Umgebung anzupassen. Nur was soll ich sagen - er schlug gänzlich fehl. Leider haperte es bei seiner Majestät schon bei den einfachsten Kenntnissen. Und als er Zwiebeln als Beeren bezeichnete, Pflaumen als Getreide und dies vom Baum ernten wollte, schrie einer laut:

"Dieser Mann ist mit Wahnsinn geschlagen. Der eine will uns an den Richter verraten und der andere ist wahnsinnig!"

Mit diesen Worten stürzte sich der Mob auf uns. Wie sich da der König freute. Sein Wissen über Landwirtschaft war zwar mangelhaft, aber jetzt war er in seinem Element. Es soll hier nicht angeberisch klingen, aber es war uns beiden ein Leichtes die stämmigen Handwerker zu besiegen. Doch ich beschloss, dass uns keine Zeit blieb, uns an diesem Erfolg zu erfreuen.

Wir gaben Fersengeld und eilten davon. Unsere Flucht brachte uns bis auf einen Baum. In kurzer Zeit hatte uns die Meute samt Hundeschar eingeholt und uns blieb keine andere Wahl, als erneut gegen sie anzutreten.





Der Klassiker EIN YANKEE AM HOFE DES KÖNIG ARTUS von Mark Twain (1835-1910) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Dan Beard (1850-1941).

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