LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Das Nusszweiglein

Es war einmal ein reicher Kaufmann, der musste für seine Geschäfte in fremde Länder reisen. Da er nun Abschied nahm, sprach er zu seinen drei Töchtern: "Ihr lieben Töchter, ich möchte euch bei meiner Rückkehr gerne eine Freude bereiten. Sagt mir daher, was ich euch mitbringen soll?"

Die Älteste sprach: "Lieber Vater, ich wünsche mir eine schöne Halskette aus Perlen!" Die Mittlere sprach: "Und ich wünsche mir einen Fingerring mit einem Diamantstein!" Die Jüngste schmiegte sich an des Vaters Herz und flüsterte: "Mir ein schönes, grünes Nusszweiglein, Väterchen." "Gut, meine lieben Töchter", sprach der Kaufmann, "ich will's mir merken. So lebet wohl."

Der Kaufmann reiste weit fort und machte große Einkäufe. Und er dachte auch treulich an die Wünsche seiner Töchter. Eine kostbare Perlenhalskette hatte er bereits in seinen Reisekoffer gepackt, um seine Älteste zu erfreuen. Einen Diamantring, der gleich viel wert war, hatte er für die mittlere Tochter gekauft. Doch einen grünen Nusszweig konnte er nirgends erblicken, wie sehr er sich auch bemühte. Auf der Heimreise ging er schließlich weite Strecken zu Fuß. Denn er hoffte endlich einen Nussbaum anzutreffen, da sein Weg ihn vielfach durch Wälder führte. Es schien aber alles vergeblich, und der gute Vater fing an betrübt zu werden. Sollte er die harmlose Bitte seines jüngsten und liebsten Kindes nicht erfüllen können?

Der Weg führte gerade durch einen dunklen Wald, an dichtem Gebüsch vorbei, da stieß er mit seinem Hut an einen Zweig. Es raschelte, als fielen Regentropfen darauf. Wie der Vater so aufsah, war es aber ein schöner, grüner Nusszweig, daran eine Traube goldner Nüsse hing. Da war der Vater hoch erfreut, langte mit der Hand empor und brach das herrliche Zweiglein ab. Aber in demselben Augenblicke brach ein wilder Bär aus dem Dickicht. Er stellte sich grimmig brummend auf die Hintertatzen, als wollte er den Kaufmann gleich zerreißen. Mit furchtbarer Stimme brüllte der Bär: "Warum hast du meinen Nusszweig abgebrochen, warum? Sag es, oder ich werde dich auffressen."

Bebend vor Schreck und am ganzen Leibe zitternd sprach der Kaufmann: "O lieber Bär, friss mich nicht. Lass mich doch mit dem Nusszweiglein meiner Wege ziehen. Ich will dir auch einen großen Schinken und viele Würste dafür geben!"

Aber der Bär brüllte wieder wütend: "Behalte deinen Schinken und deine Würste! Versprich mir, dass ich bekommen werde, was dir zu Hause als Erstes begegnet. Wenn du das versprichst, so will ich dich nicht fressen." Dies Versprechen ging der Kaufmann gerne ein, war es doch immer sein Pudel, der ihm gewöhnlich zuerst entgegenlief. Dieses Tier wollte er gerne opfern, um sein eigenes Leben zu retten. Nach derbem Handschlag tappte der Bär ruhig ins Dickicht zurück, und der Kaufmann schritt froh und erleichtert von dannen.

Der goldene Nusszweig prangte herrlich am Hut des Kaufmanns, als er seiner Heimat zueilte. Freudig hüpfte die jüngste Tochter ihrem lieben Vater entgegen, und mit tollen Sprüngen kam der Pudel hinterher. Die älteren Töchter und die Mutter blieben aber an der Haustüre, um den Ankommenden zu begrüßen.

Wie erschrak da der Kaufmann, als seine jüngste Tochter vor allen Anderen ihm entgegenflog! Bekümmert und betrübt löste sich der Vater aus der Umarmung des glücklichen Kindes. Dann teilte er den Seinigen mit, was ihm mit dem Nusszweig widerfahren war. Da weinten nun alle bitterlich. Doch schon bald fasste die jüngste Tochter wieder Mut und versprach, des Vaters Wort zu erfüllen.

Auch die Mutter fand bald einen guten Rat und sprach: "Ängstigen wir uns nicht, meine Lieben. Sollte je der Bär kommen und dich, meinen lieben Mann, an das Versprechen erinnern, so geben wir ihm einfach die Tochter des Hirten. Mit dieser wird er schon zufrieden sein." Dieser Vorschlag galt, und die Töchter waren wieder fröhlich und freuten sich über die schönen Geschenke. Die Jüngste trug ihren Nusszweig immer bei sich, und sie dachte bald gar nicht mehr an den Bären und an das Versprechen ihres Vaters.

Aber eines Tages rasselte ein dunkler Wagen durch die Straße vor das Haus des Kaufmanns. Der hässliche Bär stieg heraus und trat brummend in das Haus ein. Dann stellte er sich vor den erschrockenen Vater und forderte die Erfüllung des Versprechens. Schnell und heimlich wurde die Hirtentochter herbeigeholt. Die war nicht sehr schön, wurde aber mit einem ansehnlichen Kleidchen hübsch herausgeputzt und in den Wagen des Bären gesetzt. Auch der Bär stieg in den Wagen, und so ging die Reise schließlich fort. Unterwegs legte der Bär sein wildes zotteliges Haupt auf den Schoß der Hirtin und brummte:

"Kraule mich, krabble mich,
hinter den Ohren zart und fein,
oder ich fress' dich mit Haut und Bein!"

Und das Mädchen fing an zu krabbeln. Aber sie machte es dem Bären nicht recht, und er merkte, dass er betrogen war. Schon wollte der Bär die geputzte Hirtin fressen, da sprang diese in ihrer Todesangst rasch aus dem Wagen.

Darauf fuhr der Bär abermals vor das Haus des Kaufmanns und forderte mit gefletschten Zähnen die Herausgabe der rechten Braut. So musste denn das liebliche Töchterlein herbei, um nach schwerem Abschied mit dem hässlichen Bräutigam zu fahren. Unterwegs legte der Bär wieder seinen rauen Kopf auf des Mädchens Schoß und brummte:

"Kraule mich, krabble mich,
hinter den Ohren zart und fein,
oder ich fress' dich mit Haut und Bein!"

Und das Mädchen krabbelte ihn so sanft, dass sein furchtbarer Bärenblick freundlich wurde. Das behagte dem Bären fürwahr, und er gewann allmählich einiges Vertrauen in die arme Bärenbraut.

Die Reise dauerte gar nicht lange, denn der Wagen fuhr so schnell, als brause ein Sturmwind durch die Luft. Bald kamen sie in einen sehr dunklen Wald, und dort hielt plötzlich der Wagen vor einer finster gähnenden Höhle an. Das war die Wohnung des Bären.

Sie stiegen aus und der Bär umschlang das kleine Mägdelein mit seinen furchtbaren Klauenarmen. Oh, wie zitterte sie da, doch der Bär sprach mit freundlichem Gebrumm: "Hier sollst du wohnen, Bräutchen, und glücklich sein. Benimm dich brav hier drinnen, dass mein wildes Getier dich nicht zerreißt." Als beide in der dunklen Höhle einige Schritte getan hatten, schloss der Bär eine eiserne Türe auf und trat mit der Braut in ein Zimmer. Dieses war mit giftigem Gewürm angefüllt, welches gierig ihnen entgegenzüngelte. Und der Bär brummte seinem Bräutchen ins Ohr:

"Schau dich nicht um!
Nicht rechts, nicht links;
gerade zu, so hast du Ruh!"

Da ging auch das Mädchen, ohne sich umzublicken, durch das Zimmer. Und es regte und bewegte sich kein Wurm. So ging es weiter, noch durch zehn Zimmer. Das letzte war aber von den scheußlichsten Kreaturen angefüllt: Drachen und Schlangen, giftgeschwollene Kröten, Basilisken und Lindwürmer. Und der Bär brummte in jedem Zimmer:

"Schau dich nicht um!
nicht rechts, nicht links;
gerade zu, so hast du Ruh!"

Das Mädchen zitterte wie Espenlaub und bebte vor Angst, doch blieb sie standhaft. Sie sah sich nicht um, nicht rechts, nicht links. Als sich aber das zwölfte Zimmer öffnete, strahlte beiden ein glänzender Lichtschimmer entgegen. Drinnen erschallte eine liebliche Musik, und es jauchzte überall wie Freudengeschrei, wie Jubel. Doch ehe sich die Braut nur ein wenig besinnen konnte, tat es plötzlich einen furchtbaren Donnerschlag, als breche die Erde und der Himmel zusammen. Aber bald ward es wieder ruhig.

Der Wald, die Höhle, die Gifttiere, der Bär, alles war verschwunden. Dafür stand ein prächtiges Schloss mit goldgeschmückten Zimmern und schön gekleideter Dienerschaft da, und der Bär hatte sich in einen schönen jungen Mann verwandelt. Er war der Fürst des herrlichen Schlosses, der nun sein liebes Bräutchen an das Herz drückte und ihr tausendmal dankte. Wer sonst hätte ihn und seine Dienerschaft, das teuflische Getier, so liebreich aus seiner Verzauberung erlösen können, wenn nicht sie. 

Die neue Fürstin trug aber um so lieber ihren schönen Nusszweig im Haar. Denn dieser welkte nie und war der Schlüssel zu ihrem holden Glück geworden. Bald wurden ihre Eltern und ihre Geschwister von diesem freundlichen Geschick benachrichtigt. Sie wurden auf dem Schloss des Bärenfürsten herzlich empfangen und hatten dort viele glückliche Tage.

Dieses Märchen von Ludwig Bechstein (1801-1860) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Ludwig Richter (1803-1884) hergestellt.

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