LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die geflügelten Affen

Wie du weißt, gab es keine Straße zwischen der Smaragdstadt und dem Schloss der gelben Hexe, nicht einmal einen Trampelpfad. Den Weg zum Schloss hatten die geflügelten Affen unsere Wanderer getragen. Es war viel schwieriger, den Weg zurück in die Smaragdstadt zu finden und durch Wiesen voller Butterblumen zu stapften. Sie wussten, dass sie nach Osten gehen mussten, der aufgehenden Sonne entgegen, aber am Mittag war die Sonne über ihnen, und sie wussten nicht mehr, wo Westen und wo Osten war. So verliefen sie sich in den großen Feldern, und als der Mond aufging, legten sie sich zwischen die duftenden Blumen und schliefen erschöpft und traumlos. Nur der Holzfäller und der Scheuch blieben wach.

Am nächsten Morgen versteckte sich die Sonne hinter dicken Wolken, und sie setzten ihre Reise fort, obwohl sie nicht sicher waren, in welche Richtung sie gehen sollten. „Wenn wir nur weit genug gehen, werden wir irgendwo irgendwohin kommen. Ganz bestimmt“, sprach Dorothy sich und den anderen Mut zu. Aber auch dieser Tag verstrich, ohne dass sie etwas anderes sahen als unendliche Blumenfelder. „Sicherlich haben wir uns verlaufen“, jammerte der Scheuch. „Wenn wir die Smaragdstadt nicht wieder finden, bekomme ich nie meinen Verstand.“ „Und ich bekomme kein Herz“, stimmte der Holzfäller ein. „Und dabei kann ich es kaum noch erwarten. Dauert diese Reise nicht schon lange genug?“ „Viel zu lange“, jaulte da der Löwe. „Ich bin nicht mutig genug, für immer auf der Wanderschaft zu sein und nie irgendwo anzukommen.“

Als Dorothy das hörte, wurde ihr das Herz schwer. Sie setzte sich ins Gras und sah ihre Freunde an, und diese setzten sich auch ins Gras und sahen Dorothy an, und Toto war zum ersten Mal in seinem Leben zu müde, um einen Schmetterling zu jagen, der an seinem Kopf vorbeiflatterte. Er ließ die Zunge aus dem Maul hängen und hechelte. Dann sah er Dorothy an, als wollte er sie fragen, was nun zu tun sei. „Wie wäre es, wenn wir die Feldmäuse riefen?“ überlegte Dorothy. „Vielleicht können sie uns den Weg in die Smaragdstadt weisen.“ „Ich bin sicher, dass sie das können!“ rief der Scheuch. „Warum haben wir bloß nicht vorher daran gedacht?“ Dorothy pfiff in das kleine silberne Pfeifchen an ihrem Hals, das die Feldmauskönigin ihr damals gegeben hatte.

Wenige Minuten später hörten sie das Getrippel von vielen kleinen Füßchen, und viele kleine graue Mäuse kamen angerannt. Unter ihnen war die Königin selbst, die sich vor Dorothy aufbaute und fragte: „Was kann ich für euch tun, meine Freunde?“ „Wir haben uns verirrt“, gestand Dorothy der Königin. „Könnt ihr uns den Weg in die Smaragdstadt zeigen?“ „Natürlich können wir das“, antwortete die Königin hoheitsvoll. „Es wird aber ein weiter Weg, denn ihr seid bisher in die falsche Richtung gegangen.“ Ihr Blick fiel auf Dorothys goldene Kappe, und sie fragte: „Warum benutzt du nicht deine Zauberkappe und rufst die Flügelaffen zu Hilfe? Sie werden euch in weniger als einer Stunde zur Smaragdstadt tragen.“

„Ich wusste nicht, dass es eine Zauberkappe ist“, sagte Dorothy erstaunt. „Was muss ich tun?“ „Es steht genau am Rand der Zauberkappe, was zu tun ist. Aber lass uns gehen, bevor du die Affen rufst. Sie haben nur Flausen im Kopf und finden es lustig, uns herumzujagen und zu quälen.“ „Warte“, rief Dorothy. „Werden die Affen uns auch nichts tun?“ Die Feldmauskönigin schüttelte den Kopf. „Nein. Sie müssen dem gehorchen, der die goldene Kappe besitzt. Und nun leb’ wohl.“ Eilig verschwand die Feldmauskönigin mit ihrem Gefolge.

Dorothy schaute sich die goldene Kappe genau an. Dort stand etwas geschrieben. „Das muss wohl der Zauberspruch sein“, sagte Dorothy und las alles sorgfältig durch. Als sie fertig war, setzte sie die Kappe wieder auf. Sie stellte sich auf ihren linken Fuß und sagte: „Ep-pe, pep-pe, pop-pe.“ „Was hast du gesagt?“ fragte der Scheuch, der nicht verstanden hatte, was sie dort tat. Dorothy ließ sich nicht stören, stellte sich auf den rechten Fuß und fuhr fort: „Hil-lo, hol-lo, hel-lo.“ „Hallo“, antwortete der Holzfäller höflich. „Ziz-zy, zuz-zy, zik!“ , rief Dorothy entschlossen, nun auf beiden Füßen stehend. Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, als ein lautes Geschnatter und Geschrei hörbar wurde.

Die Horde der Flügelaffen kam herangebraust, und ihr Anführer verbeugte sich tief vor Dorothy und fragte: „Was befiehlst du?“ „Wir möchten zur Smaragdstadt, aber wir haben uns verlaufen“, erklärte Dorothy. „Dann werden wir euch zur Smaragdstadt tragen“, erwiderte der große Affe. Kaum hatte der König der Affen dies ausgesprochen, als auch schon zwei seiner Untertanen Dorothy in die Arme nahmen und mit ihr davonflogen. Andere trugen den Scheuch, den Holzfäller und den Löwen, und ein kleiner Affe griff nach Toto und flog hinter den anderen her, obwohl der kleine Hund versuchte, den Affen zu beißen.

Der Scheuch und auch der Holzfäller hatten zunächst große Angst. Sie erinnerten sich nur zu gut daran, wie übel die Affen ihnen auf Befehl der bösen Hexe mitgespielt hatten. Aber als sie merkten, dass ihnen dieses Mal nichts geschehen würde, wurde sie ruhiger und genossen den Flug und die Aussicht auf die hübsche Landschaft unter ihnen. Dorothy wurde von zwei großen Affen getragen. Der König flog neben ihr her und passte auf, dass niemandem etwas geschah. „Warum müsst ihr dem Zauber der goldenen Kappe gehorchen?“ fragte sie den König neugierig. „Das ist eine lange Geschichte. Aber wenn du es wirklich wissen willst, dann erzähle ich sie dir. Zeit genug haben wir ja.“




Die Geschichten von DER ZAUBERER VON OZ von L. Frank Baum (1856 - 1919) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb übersetzt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von William Wallace Denslow (1856 - 1915) hergestellt.

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