LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Wie Oz zum Zauberer wurde

„Ich wurde in Omaha geboren.“ „Aber das ist ja ganz in der Nähe von Kansas!“ rief Dorothy aufgeregt. „Das stimmt“, nickte Oz. „Aber von hier aus ist es weit fort. Ich wuchs auf und wurde Bauchredner. Ich hatte einen wirklich guten Lehrer. Ich kann die Stimme von jedem Tier und von jedem Vogel nachahmen.“ Und er miaute wie ein kleines Kätzchen. Es klang so echt, dass Toto die Ohren aufstellte und misstrauisch nach allen Seiten blickte. „Nach einiger Zeit hatte ich keine Lust mehr dazu, ein Bauchredner zu sein. Also wurde ich Ballonfahrer.“ „Was ist ein Ballonfahrer?“ fragte Dorothy neugierig. „Das ist ein Mann, der im Zirkus mit einem Ballon zum Himmel aufsteigt, damit viele Leute kommen und dafür bezahlen, den Zirkus zu sehen.“ Dorothy verstand und nickte.

„Eines Tages stieg ich in meinen Ballon und die Seile verhedderten sich. Ich konnte nicht mehr herunterkommen. Mein Ballon stieg immer höher und immer höher. Schließlich war ich über den Wolken, und ein Windstoß erfasste meinen Ballon und trug mich weit, weit fort aus Omaha. Ich flog einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang.

Als ich erwachte, sah ich, dass der Ballon über einem wunderschönen, aber mir unbekannten Land schwebte. Der Ballon landete recht sanft, und ich verletzte mich nicht einmal dabei. Allerdings fand ich mich in einer Schar sonderbarer Leute wieder, die mich für einen mächtigen Zauberer hielten, weil ich aus den Wolken zu ihnen gekommen war. Natürlich ließ ich sie in dem Glauben. Sie fürchteten sich vor mir und versprachen, alles zu tun, was ich verlangte." Oz seufzte und sah die Kameraden an. Dann fuhr er fort:

„Um mich ein wenig zu unterhalten und um die guten Leute zu beschäftigen, befahl ich ihnen, diese Stadt und meinen Palast zu bauen. Sie gehorchten und arbeiteten gut. Ich hatte mir vorgenommen, die Stadt Smaragdstadt zu nennen, weil hier alles so schön grün war. Damit der Name richtig passte, ordnete ich an, jedem eine grüne Brille aufzusetzen, damit alles, was sie sahen, grün war.“ „Ist denn hier nicht wirklich alles grün?“ wunderte sich Dorothy. „Nein“, Oz schüttelte den Kopf. „Genauso wenig wie in anderen Städten. Aber wenn du durch eine grüne Brille schaust, ist eben alles grün.

Die Smaragdstadt wurde vor vielen Jahren erbaut, als ich noch ein junger Mann war. Jetzt bin ich schon sehr alt, und die meisten meiner Untertanen tragen die Brillen nun schon so lange, dass sie tatsächlich glauben, sie wohnten in einer Stadt aus Smaragden. Und was ist schon dabei? Es ist doch wirklich schön und sehr bequem hier. Ich bin gut zu den Leuten, und sie mögen mich. Seit der Palast fertig ist, habe ich mich allerdings von allen zurückgezogen.

Am allermeisten Angst hatte ich vor den Hexen. Diese Hexen hatten wirkliche Zauberkräfte, im Gegensatz zu mir. Es gab damals vier Hexen, sie regierten im Norden, im Süden, im Osten und im Westen. Glücklicherweise waren die Hexen des Nordens und des Südens gute Hexen und ich konnte mich darauf verlassen, dass sie mir nichts tun würden. Aber die Hexen des Ostens und des Westens waren fürchterlich böse, und wenn sie nicht geglaubt hätten, dass ich mächtiger sei als sie, dann hätten sie mich sicher auf der Stelle vernichtet. So viele Jahre habe ich in großer Sorge vor diesen Hexen gelebt! Ihr könnt euch vorstellen, wie froh ich war, als ich hörte, dass dein Häuschen auf die Hexe des Ostens gefallen war. Ich hätte dir alles versprochen, wenn du mir auch die andere Hexe vom Leibe schaffen würdest. Aber jetzt, wo du sie wirklich vernichtet hast, muss ich beschämt zugeben, dass ich meine Versprechen nicht halten kann.“

„Du bist ein wirklich böser Mann!“ stieß Dorothy empört hervor. „Nein, meine Kleine. Eigentlich bin ich ein herzensguter Mann. Aber ich bin ein wirklich mieser Zauberer. Das muss ich leider zugeben.“ „Du kannst mir wirklich keinen Verstand geben?“ wagte der Scheuch zu fragen. Oz sah den Scheuch an. „Du brauchst keinen Verstand. Jeden Tag lernst du etwas dazu. Ein Baby hat zwar Verstand, aber es weiß noch nichts. Erfahrung bringt Wissen, und je länger du lebst, desto mehr Erfahrungen kannst du machen.“ „Das mag ja alles sein“, erwiderte der Scheuch. „Aber ich werde mein ganzes Leben lang unglücklich sein, wenn ich keinen Verstand bekomme.“

Nachdenklich musterte der falsche Zauberer den Scheuch. „Nun gut“, seufzte er schließlich. „Ich bin zwar kein guter Zauberer, wie ich schon sagte, aber wenn du morgen früh zu mir kommst, dann werde ich dir Verstand in den Schädel stopfen. Ich kann dir aber nicht sagen, wie du ihn gebrauchen sollst. Das musst du schon selbst herausfinden.“ „Oh, danke! Danke!“ jubelte der Scheuch. „Ich finde sicher heraus, wie man mit dem Verstand umgehen muss, keine Sorge!“

„Und was ist mit meinem Mut?“ wollte nun der Löwe wissen. „Ich bin sicher, dass du mutig genug bist“, antwortete Oz. „Alles was du brauchst, ist mehr Selbstvertrauen. Es gibt kein lebendiges Wesen, das bei Gefahr keine Angst hat. Weißt du, wahren Mut zu haben bedeutet, der Gefahr trotzdem ins Auge zu blicken. Und ich finde, dass du sehr mutig bist!“ „Das mag ja sein“, entgegnete der Löwe. „Aber ich habe trotzdem die ganze Zeit Angst. Gib mir den Mut, mit dem man die Angst einfach vergessen kann, oder ich werde mein ganzes Leben unglücklich sein.“ „Na schön“, seufzte Oz. „Komm morgen zu mir, und ich werde dir den Mut geben, den du brauchst.“

„Und mein Herz? Du wirst doch wohl nicht mein Herz vergessen?“ erkundigte sich der Holzfäller ängstlich. Oz musterte ihn nachdenklich. „Du machst einen Fehler, wenn du dir ein Herz wünschst“, gab Oz zu bedenken. „Die meisten Menschen werden durch ihr Herz nicht glücklicher. Du bist ohne Herz sehr viel besser dran, glaub’ es mir.“ „Das kommt auf den Blickwinkel an“, meinte der Holzfäller. „Ich will alles Unglück ertragen ohne zu murren, wenn du mir nur ein Herz gibst.“ „Also schön“, ächzte Oz. „Komm auch du morgen zu mir, und du wirst dein Herz bekommen. Ich habe so lange den Zauberer gespielt, dass ich die Rolle auch noch ein bisschen länger spielen kann.“

„Und wie komme ich zurück nach Kansas?“ fragte nun Dorothy. „Darüber muss ich noch ein bisschen nachdenken“, erwiderte der kleine Mann. „Gib mir zwei oder drei Tage. Ich muss einen Weg finden, wie du die Wüste durchqueren kannst. In der Zwischenzeit seid ihr natürlich alle meine Gäste, und meine Leute werden euch bedienen und euch jeden Wunsch von den Augen ablesen. Aber als Dank für meine Hilfe müsst ihr versprechen, mein Geheimnis zu wahren und niemandem zu erzählen, dass ich ein Schwindler bin.“ Die Freunde versprachen es dem kleinen Mann und gingen recht zuversichtlich in ihre Zimmer zurück. Sogar Dorothy hoffte, dass der „Große und Schreckliche Schwindler“, wie sie Oz nun nannte, eine Möglichkeit finden würde, sie nach Hause zurück zu bringen. Und sie war bereit, ihm alles zu verzeihen, falls ihm das wirklich gelang.





Die Geschichten von DER ZAUBERER VON OZ von L. Frank Baum (1856 - 1919) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb übersetzt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von William Wallace Denslow (1856 - 1915) hergestellt.

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