LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Vorsicht! Zerbrechlich!

„Wir müssen diesen seltsamen Ort so schnell wie möglich durchwandern, wenn wir auf die andere Seite kommen wollen“, sagte Dorothy. „Und wir dürfen auf keinen Fall die Richtung nach Süden verlieren.“ So begannen sie durch das Porzellanland zu wandern, und sie trafen ein Milchmädchen, das eine Porzellankuh melkte. Als die Reisenden näher herangingen, schlug die Kuh plötzlich aus, stieß gegen den Melkschemel, den Eimer und gegen das Milchmädchen selbst, und alles fiel klirrend zu Boden. Erschrocken sah Dorothy, dass der Kuh ein Bein abgebrochen war, der Eimer in Scherben lag und das arme Milchmädchen einen Riss am Ellbogen davon getragen hatte.

„Seht nur, was ihr angerichtet habt“, fauchte das Milchmädchen wütend. „Meine Kuh hat sich ein Bein abgebrochen. Nun muss ich sie zur Reparatur bringen, damit es wieder angeklebt wird. Was fällt euch ein, meine Kuh so zu erschrecken?“ „Es tut uns leid“, entschuldigte sich Dorothy. „Bitte verzeih uns!“ Aber das Milchmädchen war viel zu aufgebracht, um zu antworten. Sie hob das Bein vorsichtig auf und führte die Kuh weg, die mühsam auf drei Beinen humpelte. Dabei warf sie den Wanderern über die Schulter böse Blicke zu und hielt ihren beschädigten Ellbogen dicht am Körper.

Dorothy war niedergeschlagen. „Wir müssen hier sehr vorsichtig sein“, gab der weichherzige Holzfäller zu bedenken. „Wenn wir nicht aufpassen, verletzen wir diese hübschen zerbrechlichen Menschen noch.“ Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie eine hübsche Prinzessin trafen. Als diese die Fremden sah, hielt sie kurz an und rannte dann davon. Dorothy wollte die Prinzessin genauer ansehen und lief hinter ihr her. Da begann die kleine Prinzessin zu rufen: „Bitte jag’ mich nicht! Jag’ mich nicht!“ „Warum denn nicht?“ wunderte sich Dorothy. „Wenn ich renne, dann falle ich vielleicht hin und dann zerbreche ich.“ „Kann man dich denn nicht wieder zusammenkleben?“, erkundigte sich Dorothy. „Doch, das schon“, nickte die kleine Prinzessin. „Aber wenn man in der Reparatur war, ist man eben nicht mehr so hübsch.“ „Ach so“, sagte Dorothy.

„Schau dorthin. Das ist Herr Joker“, fuhr die kleine Prinzessin fort. „Er versucht andauernd, auf dem Kopf zu stehen. Er hat sich selbst so oft zerbrochen, dass er wohl an hundert Stellen schon repariert ist. Schau nur, wie hässlich er ist. Aber da kommt er schon!“ Und tatsächlich, ein lustiger kleiner Clown kam auf die Reisenden zu. Dorothy konnte in seinem Gesicht die vielen Sprünge und Risse sehen, an denen er geklebt worden war.

Der Clown steckte die Hände in die Taschen, blies seine Backen auf, nickte mit dem Kopf und sagte: „Nun, kleines Mädchen, warum starrst du Herrn Joker so an? Du siehst aus, als hättest du einen Schürhaken verschluckt.“ „Ach, sei still!“ schimpfte die kleine Prinzessin. „Siehst du nicht, dass dies hier Fremde sind, die mit Respekt behandelt werden müssen?“ „Ich glaube, das ist Respekt“, sagte der Clown und machte einen Kopfstand. „Gebt nichts auf sein Geschwätz“, entschuldigte sich die kleine Prinzessin. „Er hat sich den Kopf so oft angeschlagen, dass er nun ein bisschen verrückt ist.“ „Ach, das macht mir nichts“, kicherte Dorothy. „Aber du, du bist so wunderschön. Ich glaube, ich könnte dich sehr lieb haben. Kann ich dich mit nach Kansas nehmen und dann auf Tante Emmies Kaminsims stellen? Ich könnte dich in meinen Korb hier legen.“

„Das würde mich ganz schrecklich unglücklich machen. In eurem Land kann ich mich nicht bewegen, und ich könnte auch nicht sprechen so wie hier. Ich könnte dort nur auf dem Kaminsims stehen und hübsch aussehen. Zwar verlangt man nicht mehr von uns, aber ich möchte doch lieber hier bleiben, wo es viel amüsanter für uns ist.“ Dorothy seufzte und sagte dann: “Ich möchte dich natürlich nicht unglücklich machen. Dann sage ich also: „Auf Wiedersehen.“ „Auf Wiedersehen“, winkte die kleine Prinzessin.

Vorsichtig setzten sie ihre Reise durch das Porzellanland fort. Die kleinen Porzellantiere sprangen ängstlich beiseite, damit die Wanderer sie nicht beschädigten, und nach ungefähr einer Stunde hatten die Freunde das andere Ende des Porzellanlandes erreicht. Eine zweite Mauer, sehr viel niedriger als die erste, versperrte ihnen den Weg. Vom Rücken des Löwen aus konnten sie über diese zweite Mauer kraxeln, und der Löwe setzte mit einem geschmeidigen Sprung nach. Dabei traf er mit seinem Schwanz eine kleine Porzellankirche, die in tausend Scherben zersprang.

„Wie schrecklich“, rief Dorothy. „Aber eigentlich haben wir Glück gehabt, das wir nur einen Beinbruch verursacht und eine Kirche zertrümmert haben. So zerbrechlich wie dort alles ist, hätte viel mehr passieren können.“ „Du hast Recht“, pflichtete der Scheuch bei. „Ich bin froh, dass ich mit Stroh ausgestopft bin und nicht so schnell zerbreche. Es gibt wirklich Schlimmeres, als eine Vogelscheuche zu sein.“





Die Geschichten von DER ZAUBERER VON OZ von L. Frank Baum (1856 - 1919) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb übersetzt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von William Wallace Denslow (1856 - 1915) hergestellt.

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