LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tom und sein Kneifkäfer

Gegen halb elf Uhr läutete die Glocke der kleinen Kirche. Die Erwachsenen kamen zum Gottesdienst und die Sonntagsschüler setzten sich zu ihren Familien. Als Tante Polly erschien, setzten sich Sid, Tom und Mary zu ihr.

Tom musste sich in den Mittelgang setzen, weit weg vom geöffneten Fenster und den ablenkenden Geschehnissen draußen. Die Gemeinde drängte sich durch die Gänge. Da war der alte Postmeister, der Bürgermeister und seine Gattin, der Friedensrichter, die Witwe Douglas, der ehrwürdige Major Ward mit seiner Gattin, Rechtsanwalt Riverson, der sich erst kürzlich am Ort niedergelassen hatte.

Dann kamen die Dorfschönsten, gefolgt von elegant gekleideten Herzensbrechern und andere Jünglinge des Ortes; alle gleichzeitig. Denn sie hatten draußen am Kirchplatz noch gewartet, bis auch das letzte Mädchen vor ihren neugierigen Blicken die Kirche betreten hatte. Zuletzt kam noch Willie Mufferson, der Musterknabe, der seine Mutter zur Kirche führte. Er war der Stolz aller würdigen Matronen und wurde den Jungs häufig als leuchtendes Beispiel vorgehalten. Die Jungen hassten ihn.

Die Glocke läutete noch einmal, um Nachzügler zu mahnen. Dann breitete sich Schweigen in der Kirche aus. Nur die Chormitglieder, oben auf der Empore, flüsterten und kicherten während des ganzen Gottesdienstes. Aber das taten sie immer, es war nichts Besonderes.

Der Pfarrer las den Text des Kirchenliedes, dann wurde es gesungen. Die Gemeinde erhob sich zum Gebet. Der Pfarrer sprach ein großzügiges, sehr persönliches Gebet und erflehte darin für alles und jeden um den Segen. Die Kleider raschelten, als die Gemeinde sich wieder setzte. Dann wurde der Bibeltext verlesen und die Predigt mit einschläfernder Stimme heruntergeleiert. Vom Inhalt bekam Tom wenig mit, er konnte am Ende des Gottesdienstes aber immer sagen, wie viel Seiten die Predigt hatte.

Diesmal jedoch fesselte ihn der Prediger sogar für einen kurzen Augenblick, als er ein bewegendes Bild malte, wie sich am Jüngsten Tag die auferstandenen Seelen sammelten und das Lamm neben dem friedlichen Löwen lag, geführt von einem unschuldigen Knaben. Tom wünschte sich, er könnte dieser Knabe mit dem Löwen sein.

Doch im nächsten Moment holte er bereits wieder seine Schätze aus der Hosentasche: einen schwarzen Käfer mit wunderbaren Zangen, seinen Kneifkäfer, den er in einer kleinen Schachtel aufbewahrte. Die erste Tat des Käfers war, Tom in den Finger zu zwicken. Daraufhin schüttelte er so heftig die Hand, bis der Kneifkäfer losließ und zappelnd auf dem Rücken liegen blieb, mitten im Gang. Tom steckte den schmerzenden Finger in den Mund.

Leider lag der schwarze Käfer außerhalb von Toms Reichweite. So sah er zu, wie sein Käfer hilflos mit den Beinen ruderte, unfähig sich umzudrehen. Bald darauf kam schnüffelnd ein kleiner Pudel den Gang entlang. Er wedelte erfreut mit dem Schwanz, als er den Käfer bemerkte. Er beobachtete die Beute, umkreiste sie, schnüffelte, näherte sich mutig mit der Schnauze, zog sie wieder zurück, schnappte danach, verfehlte sein Opfer, schnappte wieder. Offensichtlich hatte der Hund seine Freude an der Abwechslung. Er legte sich auf den Bauch, den Käfer zwischen den Pfoten und fuhr mit seinen Versuchen fort. Als er müde wurde, senkte sich sein Kopf. Der Feind sah seine Chance gekommen und packte zu. Der Pudel jaulte laut auf, schüttelte den Kopf. Der Käfer flog einige Meter weit, erneut auf den Rücken.

Die Zuschauer amüsierten sich, versteckten ihr Schmunzeln hinter dem Taschentuch. Tom fühlte sich restlos glücklich. Der Hund sah sich um und sann auf Rache. Er setzte seine Versuche mit dem Kneifkäfer fort, bis ihm dann aber doch langweilig wurde und er sich anderen Insekten zuwandte. Er schien den Käfer total vergessen zu haben. Aber als er sich über eine Ameise hermachen wollte, sein Hinterteil in Richtung Boden bewegte, setzte er sich… direkt auf Toms Kneifkäfer.

Sein wildes Jaulen erschreckte die ganze Gemeinde. Der Pudel sauste, gequält heulend, kreuz und quer durch die Kirche, sprang schließlich seinem Herrchen auf den Schoß. Dieser warf ihn im hohen Bogen zum Fenster hinaus, wo sich die Klagelaute bald verloren.

Inzwischen hatten alle Kirchenbesucher rote Gesichter, weil sie vor unterdrücktem Lachen fast erstickten. Die Predigt war an einem toten Punkt angelangt. Niemand konnte mehr aufmerksam zuhören. Selbst der ernsteste Gedanke wurde mit einer solchen Heiterkeit aufgenommen, als habe der Pfarrer etwas besonders Komisches gesagt. Es war eine wahre Erlösung, als die Predigt endlich vorüber war und der Segen gesprochen war.

Tom Sawyer ging sehr vergnügt nach Hause. Er dachte, dass man mit ein bisschen Abwechslung den Gottesdienst ganz gut ertragen konnte. Schade nur, dass der Hund seinen Käfer fortgeschleppt hatte.





Der Klassiker TOM SAWYER von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von True W. Williams (1839-1897) hergestellt.

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