LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tom und Becky

Am Montagmorgen fühlte sich Tom schlecht. Eine neue Woche endlosen Leidens in der Schule fing an. Tom dachte nach. Wenn er jetzt krank würde, dann könnte er zu Hause bleiben. Aber leider fehlte ihm nichts. Obwohl, wenn er genau nachdachte, dann könnte er Leibschmerzen haben. Er glaubte, leichte Leibschmerzen zu spüren. Doch sie verschwanden gleich wieder. Dann fiel ihm sein wackelnder Zahn ein. Gerade als er zu stöhnen beginnen wollte, fiel ihm ein, dass Tante Polly diesen Zahn dann ziehen würde. Und das tat weh. Er suchte nach einer besseren Idee.

Sein Zehn neulich hatte der Doktor erzählt, dass ein Mann wochenlang krank war und dabei fast den Finger verloren hatte. Ihm fiel zwar der Name der Krankheit nicht mehr ein, aber es war immerhin einen Versuch wert. So begann er täuschend echt zu stöhnen. Sid schlief weiter und merkte nichts. Tom stöhnte weiter, bis er meinte, sein Zeh verursache tatsächlich Schmerzen. Doch Sid rührte sich nicht.

Nach langen Bemühungen, Tom keuchte bereits vor Anstrengung, starrte Sid erstaunt seinen stöhnenden Halbbruder an. "Tom! Hörst du, Tom!" rief er.

Keine Antwort!

"Tom, was ist los?" Sid blickte ihn ängstlich an.

"Au, lass mich. Du tust mir weh!", stöhnte Tom, als Sid ihn an den Schultern packte.

Tom lieferte ein täuschend echtes Schauspiel. "Ich vergebe dir Sid", stöhnte er. "Ich vergebe allen…"

"Tom, du wirst doch nicht sterben!" rief Sid und rannte zu Tante Polly. "Tante Polly, Tante Polly! Tom liegt im Sterben!"

"Im Sterben?", ließ sich Tante Pollys Stimme vernehmen. "Unsinn!" Trotzdem hastete sie bereits die Treppe hinauf. Sid und Mary folgten ihr. Kreidebleich stand sie vor Tom, der immer noch stöhnend im Bett lag.

"Oh, Tante Polly, ich…"

"Was hast du, so sag's doch endlich!"

"Mein Zeh, Tantchen… mein schlimmer Zeh hat den Wundbrand!"

Die alte Dame ließ sich auf den Stuhl fallen und lachte schallend. "Jetzt hör aber mit dem Unsinn auf. Mach, dass du aus dem Bett kommst."

Das Shöhnen hörte auf. Tom kam sich albern vor. Er versuchte, es noch einmal. "Der Zeh hat wirklich so ausgesehen, als wäre er brandig. Und es hat so wehgetan, dass ich meinen wackeligen Zahn fast nicht mehr gespürt habe."

"Dein Zahn wackelt? Lass sehen, aber fang nicht gleich wieder an zu stöhnen." Tante Polly sah nach und befahl: "Hol mir bitte einen Seidenzwirn und ein brennendes Scheit aus dem Herdfeuer, Mary."

"Ach bitte, zieh ihn nicht raus, Tante Polly. Es tut schon nicht mehr so arg weh und ich will auch in die Schule gehen.", jammerte Tom.

"Ach, wirklich? Deshalb also das ganze Theater. Du weißt doch genau, wie lieb ich dich habe. Trotzdem legst du es ständig darauf an, mir das Herz zu brechen."

Inzwischen standen die Instrumente für den zahnärztlichen Eingriff bereit. Tante Polly band das eine Ende des Fadens fest um Toms Zahn, das andere Ende an den Bettpfosten. Das brennende Holzscheit hielt sie Tom direkt unter die Nase, so dass er zurückzuckte. Und schon baumelte der Zahn am Bettpfosten.

Doch Tom fand auch in diesem Leid die gute Seite. Die neue Zahnlücke ermöglichte ihm eine außergewöhnliche Art des Zielspuckens, mit dem er in der Schule großes Aufsehen erregte.

Auf dem Weg begegnete Tom dem jugendlichen Landstreicher des Ortes: Huckleberry Finn. Der Sohn eines Trunkenboldes. Er galt als faul, frech und grob und wurde von den Kindern bewundert, weil sie am liebsten genauso frei und unabhängig gelebt hätten wie er.

Auch Tom beneidete Huckleberry um seine grenzenlose Freiheit und spielte oft mit ihm, obwohl Tante Polly es strengstens verboten hatte.

Huckleberry trug die abgelegte Hose eines erwachsenen Mannes. Sie war zerlumpt und schlotterte um seinen Körper. Sein Hut war verbeult und an der breiten Krempe fehlte ein Stück. Die ausgefranste Jacke hing fast bis zu den Fersen hinab. Er brauchte weder zur Schule zu gehen, noch zur Kirche. Überhaupt brauchte er niemandem zu gehorchen - er war sein eigener Herr. Er brauchte sich niemals zu waschen, fluchte wie kein anderer. Kurz: Er besaß alles, was das Leben für einen Jungen begehrenswert macht.

"Hallo, Huckleberry", grüßte Tom.

"Hallo, Tom!"

"Was hast du da?"

"Eine tote Katze! Die habe ich einem Jungen abgekauft."

"Und was machst du mit der toten Katze, Huck?"

"Was wohl, Na, Warzen mach ich damit weg."

"Da weiß ich aber was Besseres!"

"Es gibt viele Möglichkeiten. Aber nur meine hilft!"

Dann tauschten die beiden Jungen fachmännische Tricks zur Beseitigung von Warzen aus. Zum Beispiel erzählte Tom von einem faulen Baumstumpf.

"An den musst du um Mitternacht rückwärts hingehen, die Hand ins faulige Nass strecken und laut sagen: ‚Gerstenkorn, Gerstenkorn, Faulwasser mit Harz. Maibrei macht kürzer, schluck diese Warz.' Danach gehst du genau elf Schritte weg, drehst dich mit geschlossenen Augen dreimal im Kreis herum und dann musst du schnell nach Hause gehen. Aber sprich mit keiner Menschenseele, sonst war alles umsonst."

Huckleberry hielt mit seinem Bohnentrick dagegen. "Du musst eine Bohne halbieren. Dann stichst du in die Warze, damit sie ein wenig blutet und dann schmiert man das Blut in die Bohne. Um Mitternacht vergräbst du die eine Hälfte der Bohne an einem Kreuzweg und die andere Hälfte wird verbrannt. Dazu rufst du: ‚Bohne weg, Warze weg, steckt für immer hier im Dreck!' Das soll auch helfen, habe ich gehört."

"Ja", sagte Tom aufgeregt, "aber trotzdem würde mich die Sache mit der Katze interessieren."

"Du gehst zu einer neuen Grabstelle in der ein Bösewicht begraben liegt. Um Mitternacht natürlich. Dann erscheint ein Teufel, manchmal sind es auch zwei oder drei. Du erkennst es am Geräusch, als würde der Wind durchpfeifen. Und wenn er den Übeltäter holt, dann wirfst du ihm die Katze hinterher und rufst: ‚Teufel, hol die Leiche, Katze, hol den Teufel. Warze, hol die Katze, mit der Höllentatze!' Da wirst du jede Warze los, garantiert!"

"Hast du es schon probiert?"

"Nein. Aber Mutter Hopkins hat es mir beigebracht. Und die muss es wissen, sie ist eine Hexe."

"Nimmst du mich mit, wenn du den Trick mit der Katze ausprobierst?"

"Klar. Heute Nacht! Aber vermassele es nicht wieder. Ich miaue und du miaust zurück, wenn du abhauen kannst. Abgemacht?"

"Ja. Beim letzten Mal lag meine Tante auf der Lauer. Da konnte ich unmöglich antworten. Diesmal klappt es bestimmt."

Dann tauschten die Jungen noch Toms Zahn gegen die Zecke an Huckleberrys Hand. Nicht ohne vorher die Zahnlücke geprüft zu haben. Die Zecke passte genau in die Schachtel, in der der Kneifkäfer bislang gewohnt hatte. Schließlich trennten sich die Jungen und jeder fühlte sich unendlich viel reicher als zuvor.

Als Tom endlich beim kleinen hölzernen Schulhaus angekommen war, trat er schwungvoll ein, hängte seinen Hut an den Nagel und ließ sich in seine Bank fallen.

Der Lehrer, durch das eintönige Gemurmel der Lernenden eingeschläfert, döste in seinem Korbsessel vor sich hin. Toms Eintreten ließ ihn erschreckt auffahren.

"Tom Sawyer", brüllte er.

Tom überlegt, ob er eine Lügengeschichte erfinden sollte. Als er auf der Mädchenseite zwei blonde Zöpfe bemerkte, beschloss er die Wahrheit zu sagen und sagte schnell: "Ich musste noch etwas mit Huckleberry Finn besprechen, Sir."

Dem Lehrer stockte der Atem und im Klassenzimmer herrschte plötzlich tödliches Schweigen. Alle sahen sich hilflos an, bis der Lehrer die Sprache wieder gefunden hatte.

"Thomas Sawyer, das ist die unverschämteste Erklärung, die mir je ein Schüler geboten hat. Zieh deine Jacke aus!"

Dann bearbeitete der Lehrer Toms Rücken, bis er selbst völlig erschöpft war und fast keine Ruten mehr da waren.

"So, das wird dir eine Warnung sein. Und jetzt setz dich zu den Mädchen."

Tom tat so, als wäre ihm das Kichern seiner Klassenkameraden peinlich. Doch in Wirklichkeit war die Strafe genau das, was er hatte erreichen wollen. Verlegen setzte er sich auf die äußerste Kante der Bank, neben seine Angebetete. Sie rückte von ihm ab und wandte den Kopf zur Seite.

Nach und nach ließ die Aufmerksamkeit der anderen Kinder nach, als wäre nichts geschehen. Jetzt begann Tom, verstohlen zu dem Mädchen hinüber zusehen. Sie schnitt ihm eine Grimasse und wandte sich wieder ab. Als sie wieder herüberblickte, lag ein Pfirsich auf ihrem Tisch. Sie schob ihn fort. Tom legte ihn geduldig wieder auf ihren Platz. Auf seine Tafel kritzelte er: Bitte nimm ihn - ich habe noch mehr.

Das Mädchen warf einen kurzen Blick darauf, sagte aber nichts. Tom wurde mutiger und begann zu malen. Dabei verdeckte er seine Tafel. Irgendwann wurde das Mädchen dann doch zu neugierig und sagte: "Lass mal sehen!"

Nun zeichnete Tom an der kümmerlichen Darstellung eines Hauses mit zwei Giebeln und einem Schornstein, aus dem eine korkenzieherförmige Rauchwolke quoll. Das Mädchen schaute ihm aufmerksam beim Zeichnen zu. "Prima", sagte sie, "jetzt fehlt nur noch ein Mensch."

Der Künstler stellte einen Riesen in den Vorgarten, der leicht über das Haus hätte steigen können. Aber das Mädchen schien mit dem Ungeheuer zufrieden. "Wunderschön", flüsterte sie, "jetzt fehle nur noch ich, wie ich den Weg entlang komme."

Tom zeichnete eine Sanduhr, darauf ein Vollmondgesicht und Arme und Beine, die Strohhalmen glichen. In die ausgebreiteten Finger legte er einen gigantischen Fächer. "Wie hübsch", zischte sie. "Ich wollte, ich könnte so gut zeichnen."

"Wenn du willst, kann ich es dir lernen. Es ist ganz einfach. Bleiben wir doch nach der Schule noch ein wenig da. Wie heißt du?", raunte Tom.

"Becky Thatcher."

Tom kritzelte wieder etwas auf seine Tafel, das er vor Beckys Augen verbarg. Doch sie bat ihn sofort, es ihr zu zeigen. Tom zierte sich ein wenig. Daraufhin entwickelte sich eine kleine Balgerei, bei der Tom so tat, als würde er sich ernstlich wehren. Dann aber gab er nach und zog seine Hand weg. Auf der Tafel stand: Ich liebe dich.

Becky errötete und gab Tom einen Klaps. "Du bist gemein", hauchte sie dazu. Sie sah jedoch so aus, als freue sie sich.

Just in diesem Moment wurde Tom am Ohr gepackt und in die Höhe gezogen. Unter dem höhnischen Gelächter seiner Mitschüler, wurde er auf seinen Platz zurückbefördert. Der Lehrer starrte ihn einen schrecklichen Augenblick lang an, dann ging er kommentarlos zurück auf seinen Thron. Toms Ohr brannte höllisch, aber sein Herz jubelte.

Tom war den ganzen Vormittag durcheinander und konnte sich nicht mehr konzentrieren. In der Rechtschreibstunde verhaspelte er sich beim Buchstabieren der einfachsten Wörter so sehr, dass er die Medaille wieder zurückgeben musste, die er seit Monaten stolz besessen hatte.





Der Klassiker TOM SAWYER von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von True W. Williams (1839-1897) hergestellt.

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