LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tom wird bestraft

Entsetzt rannten die beiden Jungen auf das Dorf zu. Immer wieder sahen sie sich angstvoll nach möglichen Verfolgern um, während sie an einigen abgelegenen Häusern vorbei jagten.

"Ich schaffe es nicht mehr lange!", keuchte Tom. Huckleberrys Keuchen war die einzige Antwort. Bei der alten Gerberei stürzten sie Seite an Seite durch die offene Tür und ließen sich total erschöpft zu Boden fallen. Nach und nach beruhigte sich ihr Pulsschlag wieder.

"Was machen wir jetzt?", fragte Tom. Er musste erst mal ein Weilchen nachdenken. "Wer wird den Mörder verraten? Wir?"

"Du spinnst wohl!", wehrte Huck ab. "Wenn sie Indianer-Joe nicht hängen, dann bringt er am Ende uns um. Da kannst du sicher sein!"

"Ja, das hab ich mir schon gedacht, Huck."

"Wenn einer was sagen könnte, dann Muff Potter!"

Tom überlegte. "Aber Potter kann doch gar nichts erzählen. Er war doch bewusstlos, als Indianer-Joe zugestoßen hat. Wie soll er denn da was gesehen haben?"

"Mist! Du hast Recht, Tom."

"Hoffentlich ist er überhaupt wieder zu sich gekommen…", überlegte Tom.

"Bestimmt. Er war ja voll bis oben hin. Ich kenne das. Wenn mein Alter besoffen ist, dann kannst du ihm einen Kirchturm über den Kopf schlagen, und es macht ihm nichts. Nur wenn einer stocknüchtern ist, dann ist er nach so einem Schlag hinüber."

Nach einer kurzen Pause fragte Tom: "Hucky, kannst du schweigen?"

"Klar, Tom! Wir müssen dichthalten, sonst macht Indianer-Joe kurzen Prozess mit uns, wenn er nicht gehenkt wird. Wir müssen uns gegenseitig schwören, dass wir nichts verraten!"

"Okay, Huck!", erwiderte Tom und wollte ihm die Hand zum Schwur reichen…

"Nein, bloß nicht! Das ist Mädchenkram, reicht für unwichtige Sachen. Wir brauchen etwas Schriftliches. Und Blut!"

Tom fand die Idee großartig. Er hob ein Stück Tannenrinde auf, kramte einen Bleistiftstummel aus seiner Hosentasche und kritzelte im Mondlicht folgende Zeilen:

Huck FiNn und Tom SawyeR schwören, sie werdeN dichthalten und sie wollen auf der Stelle tot umfallen und verfaulen, wenn sie etwas verraten!!! T.S. H.F.

Huck bewunderte Toms Schreibkünste und dessen vornehmen Stil sehr. Sie stachen sich mit einer von Toms Nähnadeln in den Daumen; dann quetschten sie heftig, bis genug Blut herauskam. Tom schrieb die Anfangsbuchstaben seines Namens mit seinem kleinen Finger. Anschließend zeigte er Huck, wie man ein H und ein F macht und der Schwur war besiegelt. Begleitet von düsteren Beschwörungsformeln begruben die beiden Jungen das Rindenstück in der Nähe der Wand.

Jetzt war ihr Mund verschlossen und der Schlüssel unwiederbringlich verloren. Bedrückt trennten sich die beiden. Der Morgen dämmerte bereits.

Tom stieg vorsichtig durch sein Schlafzimmerfenster ein, zog sich leise aus und schlüpfte unter die Decke. Zum Glück hat keiner etwas bemerkt, dachte er, bevor er einschlief. Doch die ruhigen Atemzüge seines Halbbruders waren nur vorgetäuscht. Sid lag wach, und das schon seit einer Stunde!

Als Tom aufwachte, war Sid schon verschwunden, und der Helligkeit nach zu urteilen, war es schon spät. Weshalb hatten sie ihn nicht gerufen, so wie sie es immer machten? Voll böser Vorahnung zog er sich an und ging fünf Minuten später die Treppe hinunter.

Alle saßen noch am Tisch, aber sie waren bereits mit dem Frühstück fertig. Niemand sah Tom an. Die ernsten Gesichter und das feierliche Schweigen ließen dem Sünder das Herz in die Hose rutschen.

Nach dem Frühstück nahm ihn Tante Polly beiseite. Tom hoffte bereits, dass er seine Tracht Prügel bekäme, und alles wäre in Ordnung. Doch Tante Polly weinte, sagte, er würde ihr das Herz brechen, er müsse sich nur selbst zugrunde richten und sie vor Kummer und Sorge ins Grab bringen. Dies war für Tom schlimmer als Schläge.

Er flehte um Vergebung und weinte. Doch er spürte, dass Tante Polly seinen Versprechungen nur wenig vertraute. Traurig ging er hinaus. Er dachte nicht einmal daran, sich an Sid zu rächen.

Mit schwerem Herzen schlich er sich zur Schule. Die Schläge für das Schwänzen vom Vortag nahm er gelassen hin, so elend fühlte er sich. Wie einer, der mit viel schlimmerem Leid belastet ist.

Dann setzte er sich auf seinen Platz und stützte das Kinn in die Hände. Sein Ellbogen berührte etwas Hartes. Mit einem Seufzer griff er nach dem Gegenstand. Das Ding war in Papier eingewickelt. Jetzt war sein Herz endgültig gebrochen: Vor ihm lag der Messingknopf vom Kamingitter.





Der Klassiker TOM SAWYER von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von True W. Williams (1839-1897) hergestellt.

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