LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tom und der Mord

Am Mittag schlug die grausige Nachricht wie eine Bombe im Dorf ein. Ein blutverschmiertes Messer war dicht bei dem Ermordeten gefunden worden. Jemand hatte es als Muff Potters Eigentum erkannt. Man wollte ihn gesehen haben, wie er sich gegen zwei Uhr nachts am Bach gewaschen habe und dann weggeschlichen sei. Das war sehr verdächtig. Besonders das Waschen, denn das gehörte gewiss nicht zu Potters Gewohnheiten. Jeden Winkel im Dorf suchten die Leute nach Potters ab. Die Menschen hatten ihr Urteil bereits gefällt. Für sie war klar, dass nur dieser Säufer der Mörder sein konnte.

Alle strömten zum Friedhof. Auch Tom schloss sich einem der Pilgerzüge an. An dem grauenvollen Ort drängte er sich durch die neugierigen Menschen nach vorn. Die schrecklichen Vorkommnisse der vergangenen Nacht schienen schon eine Ewigkeit her. Auch Huckleberry Finn war hier, doch sie ignorierten sich. Die Angst saß ihnen noch in den Knochen. Zum Glück beachtete niemand die beiden. Alle redeten durcheinander.

"Armer Kerl", war zu hören. Andere sagten: "Dafür wird Muff Potter hängen!" Dann ertönte die Stimme des Pastors: "Dies ist ein Gottesurteil. Seine Hand ist überall!"

In dem Moment erblickte Tom das undurchdringliche Gesicht von Indianer-Joe. Doch Toms Angst hielt nicht lange, denn die nächsten Stimmen wurden laut: "Da ist er! Er kommt von ganz allein!"

"Lasst ihn nicht entkommen!", riefen ganz eifrige.

Die Schaulustigen, die direkt über Toms Kopf in den Bäumen saßen, berichteten, dass Potter gar nicht zu fliehen versuchte. Die Menge teilte sich und der Sheriff führte wichtigtuerisch den verwirrten Potter am Arm. Die angstvollen Gesichtszüge des armen Potter waren eingefallen. Als er den Ermordeten erblickte, schlug er die zittrigen Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus. "Ich habe es nicht getan, Freunde!" schluchzte er. "Mein Ehrenwort, ich war es nicht!"

Jemand wies ihn darauf hin, dass ihn doch noch gar niemand beschuldigt hätte. Potter hob den Kopf und sah sich in tiefster Hoffnungslosigkeit um. Als er Indianer-Joe entdeckte, schrie er auf. "Oh Joe, du hast mir doch versprochen, niemandem zu…"

"Gehört das Messer dir?", unterbrach ihn der Sheriff und hielt ihm die Mordwaffe unter die Nase. In dem Moment war Potter klar, weshalb es ihn zurückgezogen hat… Er schauderte. Kraftlos hob er seine Hand und stammelte: "Joe, sag es ihnen. Es hat ja doch keinen Sinn mehr!"

Starr vor Überraschung hörten Tom und Huckleberry, wie Indianer-Joe gelassen seine verlogene Aussage machte. Jeden Moment musste ein Blitz vom blauen Himmel fahren und den Lügner strafen! Doch das Zeichen Gottes ließ auf sich warten. Und als Indianer-Joe am Ende seiner Ausführungen noch heil vor ihnen stand, da war für sie klar, dass er mit dem Teufel im Bunde sein musste. Unter diesen Umständen konnten sie den armen Potter nicht retten, denn sich mit den Mächten des Bösen einzulassen, war viel zu gefährlich!

Potter begann erneut haltlos zu weinen. Wenig später musste Indianer-Joe seine Aussage nochmals unter Eid wiederholen, was er eiskalt tat. Und als auch diesmal kein Blitz vom Himmel fuhr, waren sich Tom und Huckleberry sicher, dass der leibhaftige Satan vor ihnen stand.

Indianer-Joe half, den Leichnam auf eine Karre zu legen. Schaudernd flüsterte sich die Menge zu: "Seht mal, die Wunde hat zu bluten begonnen…" Die beiden Jungen hofften, dass jetzt der Verdacht auf die richtige Person gelenkt würde, doch sie wurden wieder enttäuscht. Einer der Dorfbewohner sagte: "Ist ja klar! Muff Potter steht auch nur drei Schritte von seinem Opfer entfernt!"

Das schreckliche Geheimnis und das schlechte Gewissen raubten Tom mindestens eine Woche lang den Schlaf. Sid erzählte beim Frühstück von der nächtlichen Unruhe Toms. "Er spricht so laut im Schlaf, dass ich die halbe Nacht wach liege!"

Tom wurde blass, als Tante Polly ernst meinte, dass dies ein schlechtes Zeichen wäre. "Was bedrückt dich, Tom?"

"Nichts", erwiderte er rasch.

"Letzte Nacht hast du immer wieder von Blut gestöhnt und davon, dass dich jemand quält", mischte sich Sid ein.

Vor Toms Augen verschwamm alles. Jetzt würde die ganze Geschichte aufkommen. Doch ohne es zu wissen, kam Tante Polly ihm zu Hilfe. "Natürlich! Das ist dieser grässliche Mord! Er verfolgt mich auch bis in meine Träume, fast jede Nacht. Einmal habe ich sogar schon geträumt, ich hätte ihn selbst begangen."

"Mir geht es genauso!" bestätigte Mary. Damit gab Sid sich zufrieden. Tom atmete auf und verließ das Esszimmer so rasch er konnte.

Natürlich versuchte Sid in den folgenden Nächten, etwas Genaueres aus Toms nächtlichem Gemurmel herauszuhören. Er beobachtete ihn genau. Zum Beispiel alarmierte es ihn, dass sein Halbbruder das neue Spiel der Schüler - Leichenschau - nicht mitspielte. Ja, Tom schien sogar eine richtige Abneigung gegen diesen Zeitvertreib zu haben.

Während dieser sorgenvollen Zeit schmuggelte Tom fast täglich dem vermeintlichen Mörder lauter kleine Aufmerksamkeiten ins Gefängnis. Das Gefängnis war ein unscheinbarer kleiner Ziegelbau mit vergitterten Fenstern. Da es selten benutzt wurde, brauchte das Gebäude auch keinen Wächter. Deshalb blieben Toms Gaben unbemerkt.

Die Leute im Dorf hatten zwar den starken Wunsch, Indianer-Joe wegen der Grabschändung dranzukriegen, doch sein übler Ruf flößte allen Furcht ein. Außerdem hatte Indianer-Joe bei seinen Aussagen genau darauf geachtet, nur von dem Kampf zu berichten und den Grabraub mit keinem Wort zu erwähnen. So schien es allen am klügsten, den Fall einstweilen nicht vor Gericht zu bringen.





Der Klassiker TOM SAWYER von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von True W. Williams (1839-1897) hergestellt.

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