LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tom, der Held

Das also war Toms großes Geheimnis gewesen: zusammen mit den anderen Piraten der eigenen Totenfeier beizuwohnen.

Während des Frühstücks am Montagmorgen bemühten sich Tante Polly und Mary liebevoll um Tom wie nie zuvor. Dabei wurde ungewöhnlich viel gesprochen. Im Verlauf des Gesprächs erwähnte Tante Polly, dass er ihr hätte auch ein kleines Zeichen geben können, dass er nicht tot war… Tom versuchte zu erklären, dass dies alles durcheinander gebracht hätte. Mary versuchte zu vermitteln. Trotzdem machte die alte Damen Tom Vorwürfe, verglich ihn wieder einmal mit Sid. "Eines Tages Tom, wirst du dir wünschen, dass du dich mehr um mich gekümmert hättest. Aber dann ist es zu spät."

"Aber ich hab dich doch gern, Tante Polly."

"Immerhin habe ich von dir geträumt. Das ist doch wenigstens etwas, nicht?"

"Besser als nichts. Was hast du geträumt, Tom?"

Und dann erzählte Tom haarklein seinen Besuch am Abend in ihrem Haus. Als Joes Mutter bei ihr zu Besuch war und sie zusammen über ihre Söhne redeten.

Tante Polly war erstaunt, dass er sogar geträumt hatte, dass die Kerze geflackert hatte. Selbst ihre Lobeshymnen über ihn konnte er wortgetreu nacherzählen. Am Ende staunte sie: "Tom, mein Gott, der Heilige Geist ist über dich gekommen. Das ist Hellseherei! Bei allen Heiligen!"

Zum Schluss trumpfte Tom nochmals auf: "Als du dich hingelegt hast, war mir so traurig zumute, dass ich eine Nachricht auf ein Stück Rinde geschrieben habe: Wir sind nicht tot - wir sind losgezogen, um ein Piratenleben zu führen. Die Rinde habe ich auf deinen Nachttisch neben die Kerze gelegt. Dann habe ich dir zum Abschied noch einen Kuss gegeben."

"Wirklich, das hast du wirklich geträumt? Dafür verzeihe ich dir alles, Tom." Tante Polly umarmte ihn so überschwänglich, dass er sich richtig schäbig dabei vorkam.

Nur Sid schien ihm nicht wirklich zu glauben.

"Hier Tom, ich hab dir extra diesen großen Apfel aufgehoben - und jetzt ab mit euch in die Schule!"

Sid war klug genug, seinen Verdacht nicht laut zu äußern. Aber er fand es schon sehr seltsam, dass dieser lange Traum nicht eine einzige Abweichung zum tatsächlichen Geschehen aufwies.

Tom war natürlich der Held des Tages. Er ging gemessenen Schrittes zur Schule - ein echter Pirat, der beobachtet wird. Die Blicke und Bemerkungen der anderen Kinder waren Balsam für seine Seele. Die kleineren Jungen waren stolz, mit Tom gesehen zu werden! Die Jungen seiner Altersgruppe taten so, als hätten sie gar nicht bemerkt, dass Tom weg gewesen sei. Dabei verzehrten sie sich vor Neid und hätten viel darum gegeben, ebenso berühmt und braun gebrannt zu sein.

Es dauerte nicht lange, bis Tom und Joe unerträglich eingebildet waren. Als sie schließlich ihre Maiskolben-Pfeifen herauszogen und lässig den Rauch in die Luft pafften, da stieg die Bewunderung ins Unermessliche.

Tom beschloss, dass er jetzt auch ohne Becky Thatcher leben konnte. Er würde nur noch nach Ruhm streben. Sie würde ihm jetzt zwar sicher nachlaufen, doch sie würde erleben, dass er ebenso gleichgültig sein konnte wie gewisse andere Personen…

Es dauerte nicht lange, da kam sie schon. Tom tat, als würde er sie nicht sehen. Bald sah er sie mit geröteten Wangen und blitzenden Augen herumspringen. Immer in seiner Nähe. Das schmeichelte seiner Eitelkeit, machte ihn aber immer abweisender.

Bald gab Becky die Versuche auf und ging verunsichert herum. Sie seufzte ein paar Mal laut auf und warf ihm einen flüchtigen, sehnsuchtsvollen Blick zu. Dabei sah sie, dass Tom sich jetzt Amy Lawrence zugewandt hatte. Ein bohrender Schmerz durchzuckte Becky. Doch statt wegzugehen, trugen ihre Beine sie wie von alleine zu der Gruppe hin.

Sie begann ein Gespräch mit Mary Austin, in dessen Verlauf sie ihr geplantes Picknick erwähnte.

"Au, prima", rief Mary begeistert, "hoffentlich bin ich auch eingeladen."

Mary erklärte, dass es ihr Picknick wäre und sie die Einladungen selbst aussprechen dürfe. So kam es, dass sie im Laufe des Gesprächs nahezu alle Freunde oder die es sein wollten zu ihrem Picknick einlud. Nur Tom und Amy fehlten noch.

Tom wandte sich kühl ab und zog Amy mit sich. Beckys Lippen zitterten und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie versuchte es hinter einer Maske verstärkter Fröhlichkeit zu verbergen. Trotzdem hatte ihr Picknick jeden Reiz verloren und alles andere ebenfalls.

Als die Pausenglocke ertönte, lag Rachsucht in ihrem Blick. Sie wusste jetzt, was sie zu tun hatte.

Auf dem Schulhof setzte Tom seinen Flirt mit Amy fort. Gleichzeitig suchte er Beckys unglückliches Gesicht, um sich an ihrem Anblick zu weiden. Doch seine Stimmung sackte ab. Sie saß gemütlich mit Alfred Temple auf einer kleinen Bank hinter dem Schulhof und betrachtete mit ihm zusammen ein Bilderbuch. Eine Welle rasender Eifersucht überkam Tom. Er ärgerte sich über sich selbst, dass er die Chance verpasst hatte, sich mit Becky zu versöhnen. Was für ein Narr er doch gewesen war!

Amy lief glücklich schnatternd neben ihm her. Doch Tom war völlig verstummt. Es machte ihn rasend, dass Becky Thatcher ihn offenbar abgeschrieben hatte. Das war unerträglich.

Tatsächlich aber sah ihn Becky sehr genau und wusste, dass sie dabei war, den Kampf zu gewinnen. Er sollte nur noch ein wenig leiden, genau so wie sie gelitten hatte!

Inzwischen ging Tom das lustige Geplauder von Amy auf die Nerven. Er gab vor, bestimmte Dinge erledigen zu müssen. Doch Amy schwatzte weiter. Hol sie der Teufel! dachte Tom. Nun müsse er aber endlich seine Sache erledigen, behauptete er - und sie erwiderte arglos, dass sie nach der Schule auf ihn warten würde. Tom rannte davon.

Jeder andere Junge aus dem Ort wäre ja okay gewesen, aber ausgerechnet dieser Lackaffe. Schon als er aus St. Louis nach St. Petersburg gekommen war, hatte Tom ihm eine Abreibung verpasst. Diesem Kerl, der sich für was Besseres hält.

Bald werde ich dich wieder verprügeln, Alfred Temple, ich erwisch dich bald… Tom hieb in die Luft, als verprügle er tatsächlich jemanden. Er trat mit den Füßen um sich und drückte mit den Daumen gegen einen Hals, der nur in seiner Einbildung existierte. "So, reicht das!", sagte er laut. "Lass dir das eine Lehre sein!" Und so endete die Fantasie-Prügelei zu Toms totaler Zufriedenheit.





Der Klassiker TOM SAWYER von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von True W. Williams (1839-1897) hergestellt.

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