LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tom und der vergoldete Schulmeister

Die Ferien standen kurz vor der Tür und damit auch der Examenstag. Der strenge Schulmeister wollte den Eltern an diesem Tag zeigen, was er den Kindern beigebracht hatte. Er wurde von Tag zu Tag noch ein wenig strenger; Rute und Lineal kamen nur selten zur Ruhe - vor allem bei den jüngeren Schülern. Und seine Schläge taten weh, denn obwohl er unter seiner Perücke völlig kahl war, war er erst Anfang Vierzig, muskulös und keineswegs schwach.

Durch seine tyrannische Strenge zog er sich den Unmut der Kinder zu. Das hatte zur Folge, dass die Kleinen düstere Rachepläne schmiedeten oder dem Schulmeister böse Streiche spielten. Doch immer wieder mussten sich die Kinder geschlagen vom Schlachtfeld zurückziehen.

Schließlich entwickelten sie einen Plan, der ihnen einen überwältigenden Sieg versprach. Der Sohn des Schildermalers war nur allzu gern bereit mitzuhelfen, denn der Lehrer wohnte zur Untermiete bei seinen Eltern und er hasste ihn aus mehreren Gründen.

Der Malerssohn berichtete, dass die Frau des Schulmeisters für einige Tage aufs Land fahren sollte. Zu dieser Gelegenheit genehmigte der Lehrer sich immer einige Gläschen. Er wolle handeln, wenn der Schulmeister wie üblich in seinem Schaukelstuhl eingenickt sei.

Endlich war der große Abend gekommen. Das Schulhaus strahlte im festlichen Licht. Oben auf einem Podium saß der Schulmeister in seinem Sessel wie auf einem Thron. Die Tafel im Hintergrund, blickte er mild auf das Publikum herab. Auf drei Bankreihen rechts und links von ihm saßen die Honoratioren des Städtchens. Auf den sechs Reihen vor ihm saßen die Eltern.

Auf einem weiteren Podium warteten die Schüler, die zur Gestaltung des Abends beitragen sollten. Kinder und Schulhaus waren gleichermaßen adrett und festlich.

Die Vorführung begann. Nacheinander trugen die Kinder Gedichte vor, die mit einer Menge Applaus belohnt wurden. Dann kam Tom an die Reihe. Selbstbewusst begann er, die unsterbliche Ballade vorzutragen. "Gebt mir die Freiheit oder den Tod!" Als er mittendrin stecken blieb, sahen die Zuschauer ihn voller Mitgefühl an. Nur der Lehrer runzelte erbost die Stirn. Tom kämpfte einen Moment lang mit sich selbst, dann gab er auf, völlig am Boden zerstört.

Dieser Panne folgte der Höhepunkt des Abends. Die von den großen Mädchen verfassten Aufsätze. Auch sie wurden nach ihrem Vortrag jeweils mit begeistertem Applaus belohnt.

Der Bürgermeister hielt eine lobreiche Rede und überreichte den Preis an die Beste des Abends.

Jetzt erhob sich der Lehrer, beflügelt durch das Lob. Er wandte sich der Tafel zu, auf die er eine Karte von Amerika zeichnete, um die Leistungen in Geographie zu demonstrieren. Seine Hand war so unruhig, dass er mehrmals die Kreide ansetzen musste. Ein unterdrücktes Kichern durchlief den Raum. Nun richtete er seine ganze Aufmerksamkeit auf seine Arbeit, entschlossen, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Doch das Gekicher brach nicht ab, ja es wurde sogar deutlich stärker! Und dazu gab es auch Grund.

Direkt über dem Kopf des Schulmeisters hatte sich eine Falltür geöffnet. Durch diese kam, mit den Hinterpfoten an einer Schnur hängend, eine Katze herunter; Kinn und Kopf so mit einem Lappen zugebunden, dass sie nicht miauen konnte. Sie schwebte langsam herunter, und versuchte sich krampfhaft an dem Seil festzukrallen, bis sie direkt über dem Kopf des Schulmeisters schwebte. In ihrer Verzweiflung krallte sie sich an der Perücke des völlig in seine Arbeit vertieften Lehrers fest. Blitzschnell wurde das Tier wieder nach oben gezogen, mitsamt der Beute. Das Scheinwerferlicht fiel genau auf die Glatze des Schulmeisters. Die strahlte zurück, denn der Sohn des Schildermalers hatte sie vergoldet!

Die Versammlung kam so zu einem jähen Ende. Die Schüler hatten sich gerächt und die Ferien konnten beginnen.





Der Klassiker TOM SAWYER von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von True W. Williams (1839-1897) hergestellt.

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