LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tom in Gefahr

Am nächsten Tag um die Mittagszeit trieb Tom ungeduldig seinen Freund zur Eile an. Ihr Werkzeug hatten sie bereits aus dem Versteck geholt, als ihnen einfiel, dass heute Freitag war. Und Freitag war nun wahrlich kein Glückstag. Dazu kam, dass Tom in der Nacht einen fürchterlichen Traum gehabt hatte. Von Ratten!

"Das bedeutet Unglück! Haben sie gekämpft?", wollte Huck wissen.

"Nein, zum Glück nicht. Ich glaube, es handelt sich nur um Schwierigkeiten. Besser, wir gehen heute nicht auf Schatzsuche.", überlegte Tom.

"Gut, dann spielen wir eben Robin Hood!"

So spielten Tom und Huck den ganzen Nachmittag lang Robin Hood. Ab und zu schielten sie zum Spukhaus hinüber und planten den nächsten Tag. Erst am Abend machten sie sich auf den Heimweg durch den dichten Wald hinter dem Cardiff-Hügel.

Am Samstag trafen sie sich wieder am toten Baum, kurz nach dem Mittagessen. Sie unterhielten sich kurz, gruben nach einem kurzen Schwatz ein wenig in dem begonnenen Loch herum. Doch auch diesmal ohne Erfolg.

Wenig später erreichten sie das Spukhaus. Es war totenstill und von diesem einsamen Ort ging etwas Drohendes aus. Zögerlich schlichen sie zum Eingang und wagten einen Blick ins Innere.

Das Herz schlug ihnen zum Zerspringen. Sie warteten auf das geringste Alarmzeichen, ihre Muskeln waren angespannt - bereit, jeden Moment zu flüchten. Doch es geschah nichts.

Es dauerte nicht lange, da siegte ihre Neugier und sie untersuchten die Räumlichkeiten genauer. Dazu wagten sie sich sogar ins obere Stockwerk. Ihre Schaufel und Hacke ließen sie einfach in einer Ecke liegen, weil sie sonst die morsche Treppe nicht hinaufgekommen wären. Gerade wollten sie wieder nach unten steigen, als die Freunde Stimmen von unten hörten.

"Oh Gott! Wir hauen ab, Huck", flüsterte Tom.

Die Jungen legten sich dicht nebeneinander auf den Bauch, das Gesicht ganz dicht über dem Holzboden. Sie zitterten vor Angst.

"Wären wir bloß schon draußen, Huck. Sie haben angehalten…"

Zwei Männer betraten den Raum. Der eine war ein alter, taubstummer Spanier, der sich in der letzten Zeit öfters im Ort herumgetrieben hatte. Und der andere - sobald er den ersten Satz gesagt hatte, gefror den Jungen das Blut in den Adern - Indianer-Joe!

"Was ist denn gefährlicher als beim letzten Mal?", fragte er gerade den Spanier.

"Es ist was anderes. Da war weit und breit kein Haus in der Nähe! Vermutlich wird nie einer erfahren, dass wir dort gewesen sind", antwortete der angeblich taubstumme Spanier.

Die beiden Männer zogen etwas zu essen heraus und fingen an zu schmatzen. Nach einer langen Pause sagte Indianer-Joe: "Hör zu, Alter. Es stimmt schon, was du sagst. Wir müssen raus aus dieser stinkigen Bude. Du gehst jetzt wieder zum Fluss zurück. Dort wartest du, bis Nachricht von mir kommt. Ich gehe nochmals in die Stadt und schaue, was sich machen lässt. Wir drehen das Ding erst, wenn ich alle Einzelheiten ausspioniert habe. Und dann hauen wir ab, nach Texas!"

Der Fremde war zufrieden und gähnte. Indianer-Joe rollte sich im Unkraut zusammen und grunzte: "Du bist mit der Wache dran!" Doch bald sank auch der Kopf des Komplizen immer tiefer nach vorn und die Beiden schnarchten um die Wette.

"Jetzt oder nie!", flüsterte Tom mit erleichterter Stimme. Doch Huck zitterte noch. Tom drängte, doch Huck hielt ihn zurück. Als Tom trotzdem einen vorsichtigen Schritt machte, knarrten die hölzernen Bohlen entsetzlich. Zu Tode erschrocken ließ er sich wieder auf den Boden sinken.

Gerade als sie dachten, sie müssten bis zum jüngsten Tag dort verweilen, brach das Schnarchen ab. Die Sonne ging langsam unter.

Indianer-Joe erhob sich langsam, der Spanier wachte gemächlich auf und sie beschlossen abzuhauen. "Was machen wir mit unserer Beute?", fragte Indianer-Joe.

"Keine Ahnung. Hier lassen, wie immer. Wenn wir abhauen, nach Süden, dann holen wir die Sechshundertfünfzig in Silber."

"Gut. Dann müssen wir eben nochmals herkommen."

Sie diskutierten noch eine Weile hin und her, steckten noch zwanzig oder dreißig Dollar ein. Indianer-Joe begann mit dem Messer in der Ecke zu graben.

Die Jungen beobachteten mit glühenden Augen alles, was geschah. So ein Glück! Das würde eine Schatzsuche werden! Sechshundert Dollar würden ein halbes Dutzend Jungen reich machen. Sie brauchten nur noch zu graben. Begeistert blickten sie sich an.

Da stieß Joes Messer auf einen Widerstand. "He!", rief er, "da ist schon eine Kiste!"

Die beiden Männer untersuchten sie durch das Loch, das Indianer-Joe hineingestoßen hatte. "Mann, da ist ja Geld drin!", rief der Spanier überrascht. Sie untersuchten gemeinsam die Goldmünzen.

Die Jungen freuten sich in ihrem Versteck genauso darüber. Die beiden Männer holten sich die alte Hacke, die Tom unten stehen gelassen hatte, und gruben die Kiste aus. Sie sah gar nicht so groß aus. "Da sind ja tausende von Dollar drin", sagte Indianer-Joe andächtig.

"Bestimmt von Murrels Bande. Die haben sich mal einen ganzen Sommer lang hier rumgetrieben! Dann brauchst du dein Ding nicht mehr drehen", sagte der Spanier.

"Da kennst du mich aber schlecht! Mir geht es nicht um einen einfachen Einbruch, es geht um Rache!", sagte Indianer-Joe mit einem gefährlichen Feuer in seinen Augen. Erst wenn das erledigt ist, geht es nach Texas. Und du gehst jetzt zu deiner Alten und zu deinen Gören heim. Dann hörst du von mir.

"Okay. Graben wir das wieder ein?"

"Nein!", sagte er zu aller Überraschung. "An der Hacke war frische Erde dran. Da muss jemand hier sein. Möchte bloß wissen, wem das Werkzeug gehört. Und wenn jemand da oben ist?", fragte er.

Den Jungen stockte der Atem, als ihr Widersacher sich der Treppe zuwendete. Knarrend kamen die Schritte die Stiege herauf - da ertönte das laute Krachen von morschem Holz und Indianer-Joe landete fluchend zwischen den Trümmern der zerbrochenen Treppe.

"Lass doch!", sagte der andere. "Wir schleppen das Ding rüber zu meinem Versteck. So verließen die beiden erst beim letzten Schimmer des Tageslichts das Spukhaus in Richtung Fluss.

Tom und Huck erhoben sich völlig erschöpft und starrten den Verbrechern nach. Sie getrauten sich nicht, ihnen zu folgen und traten den kürzesten Weg nach Hause an. Wenn diese blöde Hacke nicht gewesen wäre, dann hätte Indianer-Joe keinen Verdacht geschöpft und das viele Geld wieder vergraben. Sie beschlossen, nach dem Spanier zu sehen, wenn er in den Ort käme, und ihm zu dem besagten Versteck zu folgen.

"Huck", fragte Tom ängstlich, "meinst du, Indianer-Joe will sich an uns rächen?"

Huck fiel vor Schreck fast in Ohnmacht. Doch als sie schließlich in St. Petersburg ankamen, waren sie fast sicher, dass er möglicherweise jemand anderen meinen könnte oder wenigstens nur Tom alleine. Was diesen wenig tröstete, denn so war er allein in Gefahr. Gemeinsam hätte er es viel besser ausgehalten.





Der Klassiker TOM SAWYER von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von True W. Williams (1839-1897) hergestellt.

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