LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tom und Becky in der Höhle

Tom und Becky waren anfangs noch zusammen mit den anderen Kindern durch die dunklen Gänge der Höhle geschlendert. Als ihnen das Versteckspiel mit den anderen zu langweilig wurde, gingen sie alleine weiter. Erst stiegen sie einen kurvenreichen Gang hinunter. Interessiert entzifferten sie die verschlungenen Inschriften an den Wänden. Ins Gespräch vertieft wanderten sie weiter, bis sie bemerkten, dass es hier gar keine Inschriften mehr gab. An einem Felsüberhang schrieben sie mit Kerzenrauch ihre eigenen Namen. Sie gingen weiter, machten zur Sicherheit immer wieder Zeichen an die Wände. Sie erreichten eine weiträumige Halle mit zahllosen Tropfsteinen, die wie Eiszapfen von der Decke hingen. Ehrfürchtig staunend gingen sie weiter, einen der zahllosen Seitengänge, der sie zu einer verzauberten Quelle führte. Sie wanderten noch durch viele Gänge und einzigartigen Höhlenräumen, bis sie bemerkten, dass sie die anderen Kinder endgültig verloren hatten.

Unter der Decke hing ein Meer von Fledermäusen. Durch das Licht aufgeschreckt, kamen sie zu hunderten heruntergeschossen. Tom erkannte die Gefahr und zog Becky gerade noch rechtzeitig bei Seite, denn eine Fledermaus hatte bereits Beckys Licht gelöscht. Blindlings irrten sie durch die Dunkelheit, bis sie die lästigen Verfolger abgehängt hatten.

"Komm, Tom, wir kehren lieber um!"

"Ja, ist wohl besser."

"Findest du den Weg, Tom? Ich kenne mich überhaupt nicht mehr aus."

Da Tom die Fledermäuse umgehen wollte, begannen sie durch einen anderen Gang schweigend ihren Rückweg. Sie spähten durch Öffnungen und lugten durch Ritzen, doch alle waren ihnen fremd. Immer wieder tröstete Tom seine Freundin. "Der hier ist es noch nicht, Becky, aber der richtige kommt sicher gleich!"

Nach einer Weile blieb Tom stehen: "Horch!", sagte er.

Tiefe Stille. Nur ihr Atem war zu hören. Da stieß Tom einen Schrei aus, der durch die leeren Gänge hallte, wie höhnisches Gelächter.

"Bitte Tom", flehte Becky, "nicht noch mal! Es hört sich grässlich an."

"Ja, ich weiß. Aber vielleicht hören sie uns!"

Es dauerte nicht lange, bis ihnen klar war, dass Tom den Weg zurück nicht mehr fand. Becky sank zu Boden und weinte so herzzerreißend, dass Tom befürchtete, sie würde auf der Stelle den Verstand verlieren. Er nahm sie in die Arme und Becky verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Dabei klagte sie nur noch heftiger. Tom begann, sich heftige Vorwürfe zu machen - weshalb hatte er sie nur in diese schreckliche Lage gebracht. Doch dann rissen sie sich wieder zusammen und gingen weiter, entschlossen den Weg nach draußen zu finden. Irgendwann nahm Tom Beckys Kerze und blies sie aus. "Wir müssen sparen!", sagte er. Beckys ganze Hoffnung erstarb im Nu.

Trotz ihrer unglaublichen Müdigkeit schleppten sie sich weiter durch die Dunkelheit. Bis Beckys zarte Glieder den Dienst verweigerten. Sie mussten sich setzen, dabei erzählten sie sich ein wenig von daheim - bis Becky dann mit tränennassem Gesicht einschlafen konnte. Dankbar sah Tom sie an und ein Teil der Ruhe ging auf ihn über. Er wanderte in Gedanken in die Vergangenheit, zu schönen Abenteuern. Als Becky dann wieder erwachte, gingen sie weiter. Sie hatten jegliches Zeitgefühl verloren, waren aber immer noch davon überzeugt, dass ihre Freunde nach ihnen suchen würden.

Irgendwann aßen sie noch das letzte Stück Hochzeitskuchen, das Tom in seiner Hosentasche aufbewahrt hatte. Endlich kamen sie an eine Quelle. Das kühle Wasser tat gut. Als Tom dann vorschlug, dass sie hier bleiben müssten, wegen des frischen Wassers, brach Becky wieder in Tränen aus. "Sie werden uns sicher suchen, nicht?", fragte sie verzweifelt.

"Ja, bestimmt!"

Dann ruhten sie aus. Becky verharrte zwischen weinen und wachen. Tom wiegte sie fürsorglich in seinen Armen. Plötzlich fuhr er auf. "Hast du das gehört?"

Beide hielten den Atem an und lauschten. Sie hörten einen Laut, der so klang wie ein ferner Ruf. Tom schrie zurück, so laut er konnte. Wieder hörten sie den Laut, er kam näher. "Jetzt wird alles gut." Die Freude überwältigte sie. Sie schleppten sich den Lauten entgegen, im Dunkeln. Bald kamen sie an einen Abgrund, den sie nicht überqueren konnten. Inzwischen waren die Rufe verstummt und mutlos krochen sie zur Quelle zurück. Wieder fielen sie in tiefen Schlaf, erwachten zerschlagen. Es muss inzwischen Dienstag sein, dachte Tom.

Doch Tom wollte nicht aufgeben. Es gab noch eine ganze Reihe Seitengänge zu erforschen, die an der Quelle lagen. Er band seine Drachenschnur an dem Felsvorsprung fest und tastete sich in den ersten Gang hinein. Es war dunkel und er konnte nur Tasten. In diesem Augenblick erschien hinter dem Felsen eine Hand mit einer brennenden Kerze, keine zehn Meter entfernt. Tom stieß einen Freudenschrei aus. Doch sein Körper erstarrte, als er den dazugehörigen Mann erkannte: Indianer-Joe!

Wie gelähmt hockte Tom in der Finsternis. Doch erleichtert stellte er fest, dass sein Feind voller Panik kehrt machte. Er wunderte sich, dass er seine Stimme nicht erkannt hatte. Aber wahrscheinlich war sie durch das Echo völlig verzerrt gewesen. Die Furcht vor dem brutalen Verbrecher schüttelte ihn. Wenn er erst einmal wieder an der Quelle war, dann brachte ihn nichts mehr dazu, noch einmal so ein Risiko einzugehen. Becky erzählte er erst gar nichts von seinem Erlebnis.

Hunger und Elend sind jedoch auf Dauer stärker als jede Furcht. Und als sie mit quälendem Hunger aus dem Schlaf erwachten, untersuchte Tom noch weitere Seitengänge. Er war sogar bereit, es mit Indianer-Joe und allen anderen Schrecken aufzunehmen.

Becky war inzwischen völlig teilnahmslos und schwach geworden. Sie wollte nur noch auf den Tod warten - es würde ja nicht mehr lange dauern, sagte sie. Tom könne ja gehen und den Gang erforschen, aber er müsse ihr versprechen, wenn der Tod käme, ihre Hand zu halten und bei ihr zu bleiben.

Toms Kehle war wie zugeschnürt, als er sich über seine Freundin beugte und sie küsste. Er tat so, als wenn bald der Suchtrupp käme oder aber er selbst einen Weg aus der Höhle fände. Dann nahm er die Drachenschnur und kroch auf allen vieren in den nächsten Gang hinein, gequält vom Hunger und vom Gefühl des nahen Todes.





Der Klassiker TOM SAWYER von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von True W. Williams (1839-1897) hergestellt.

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