LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tom, Huck und die Goldmünzen

Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein. Wenig später waren einige Männer unterwegs zur McDouglas-Höhle, gefolgt vom Fährschiff, beladen mit Neugierigen.

Als die schwere Tür geöffnet wurde, fanden sie Indianer-Joe im Halbdunkel ausgestreckt am Boden liegend. Er war tot. Den Kopf dicht an der Tür, sah er aus, als habe er bis zum letzten Moment zum Licht geschaut. Tom empfand tiefes Mitleid. Er wusste, wie sehr Indianer-Joe gelitten haben musste; so dicht am rettenden Ausgang. Gleichzeitig fühlte er sich von einer schweren Last befreit.

Die tiefen Scharten in dem harten Holz der Türschwelle zeigten, dass er versucht haben musste, auf diesem Weg nach draußen zu gelangen. Nicht einmal mehr Kerzenstümpfe lagen herum, die Besucher normalerweise am Eingang der Höhle zurückließen. Selbst die musste er gegessen haben. Der Unglückliche war elendig verhungert…

Nicht weit vom Höhleneingang wurde Indianer-Joe begraben. Viele Leute aus den umliegenden Dörfern kamen zu seiner Beerdigung herbei. Sie brachten sogar ihre Kinder mit und Verpflegung für den ganzen Tag. Und am Ende fühlten sie sich ebenso befriedigt, als wenn sie ihn hätten hängen sehen.

Am nächsten Morgen trafen sich Tom und Huck an einem verschwiegenen Platz, um endlich ihre Abenteuer auszutauschen. Huck hatte zwar schon das meiste über Tom und Becky von der Witwe Douglas und dem alten Waliser erfahren, doch von einer Sache konnte sein Freund noch nichts wissen.

"Ich muss dir unbedingt noch was erzählen!", begann Tom.

"Ja, ich weiß. Irgendjemand muss das Gold aus dem Zimmer mit der Nummer 2 im Wirtshaus geholt haben, weil dort nur noch Schnaps gefunden wurde!"

Tom schüttelte verständnislos den Kopf. "Wieso Huck? Das Geld war doch nie in dem Zimmer! Es ist in der Höhle!"

"Heiliger Antonius, du spinnst!"

"Nein, das ist mein voller Ernst. Holst du mit mir den Schatz da raus?"

"Na und ob! Aber ich will da drin nicht verloren gehen."

"Nein, wir markieren den Weg mit Zeichen. Dann ist es das Leichteste von der Welt!"

Sie beschlossen, gleich loszufahren. Wenn sie eine Abkürzung nehmen würden, ginge es ein wenig schneller. Sie besorgten sich noch ein bisschen Brot und Fleisch, drei Drachenleinen, jede Menge Streichhölzer und Kerzen und zwei Säcke.

Um die Mittagszeit "liehen" sich die Jungen ein Boot und fuhren los. Sie trieben einige Meilen flussabwärts. Als Tom den weißen Fleck sah, wo der Erdrutsch gewesen war, gab er Huck das Zeichen, an Land zu gehen.

Sie standen nun unterhalb des Lochs, aus dem Becky und Tom herausgekrochen waren. Huck erkannte die Stelle natürlich nicht gleich, so dass Tom stolz das Gebüsch zur Seite drückte und Huck den versteckten Höhleneingang zeigte. Toms Gedanken schweiften bereits zu der Bande, die er gründen wollte und mit der er in dieser Räuberhöhle hausen wollte. Nur ausgewählte Jungen dürften mitmachen.

Während sie ihre Ideen für die Zukunft besprachen, leerten sie das Boot und krochen in das Loch. Die Drachenleine banden sie am Eingang fest. Tom ging voraus. Bei den Erinnerungen an die drei Tage und Nächte der Gefangenschaft rieselte Tom ein Schauer über den Rücken. Der beklemmende Ort und die unheimliche Stille bedrückten die Jungen sehr. Tom führte Huck zu dem Seitengang, den er damals nicht hatte weitergehen können. "Und jetzt pass auf. Schau so weit um die Ecke, wie du nur kannst!", flüsterte Tom. "Siehst du auf dem Felsen, mit Kerzenrauch gemalt… ein Kreuz!"

"Genau an dieser Stelle tauchte die Hand von Indianer-Joe mit der Kerze auf, Hucky!"

Huck starrte auf das magische Zeichen und flüsterte: "Ich will hier raus, Tom!"

"Und der Schatz? Soll der dableiben?"

Sie überlegten, dass der Geist von Indianer-Joe sicher nicht bei einem Kreuzzeichen verweilen würde und beschlossen, den Schatz zu holen.

Tom kroch hinüber in die kleine Grotte. Huck folgte ihm auf den Fersen. Sie verfolgten Spuren in verschiedene Seitengänge - immer ohne Erfolg. Plötzlich sah Tom Fußspuren und einige Talgtropfen. Das Geld musste unter dem Felsen sein. Die Jungen probierten es mit Graben. In einer Tiefe von zehn Zentimetern stießen sie auf Holz. Huck nahm das Messer und grub weiter. Bald hatte er ein paar Bretter freigelegt, die eine Höhlung verbargen, welche unter den Felsen führte.

Die Jungen arbeiteten sich immer weiter nach unten. Sie mussten durch eine Art Tunnel schlüpfen, bis der enge Gang einen Knick machte. Vorsichtig hob Tom die Kerze hoch und leuchtete um die Ecke. Dann rief er laut: "Hucky, sieh doch nur - die Schatzkiste!"

"Na endlich!", seufzte Huck erleichtert. Er kroch zur Kiste und ließ die Münzen durch die Finger gleiten. "Jetzt sind wir reich, Tom!"

"Ich hab immer daran geglaubt, dass wir die Kiste finden. Aber jetzt ist es noch viel schöner, als ich mir das vorgestellt habe. Komm Huck, wir bringen sie nach draußen!"

Sie versuchten, die Kiste zu heben. Doch sie wog mindestens fünfzig Pfund. Tom konnte sie zwar hochheben, aber es war nicht daran zu denken, sie nach oben zu schleppen. "Zum Glück haben wir zwei Säcke dabei!"

Sie füllten das Geld in die Säcke und krochen zurück in die Felsenhöhle. Problemlos fanden sie den Weg zurück ins Freie. Kurze Zeit später saßen die beiden Jungen in dem Boot und machten sich über ihren mitgebrachten Proviant her. Es war schon dunkel als sie mit dem Boot unterhalb des Dorfes anlegten.

Sie beschlossen, das Geld erst einmal im Schuppen der Witwe Douglas zu verstecken. So könnten sie es am nächsten Morgen in Ruhe zählen, verteilen und im Wald vergraben. Es dauerte nur wenige Minuten, bis Tom einen Handwagen organisiert hatte, mit dem sie ihre Beute transportieren konnten.

Eben als sie am Haus des alten Walisers vorbeikamen, trat dieser aus der Tür und rief die Jungen zu sich. Sie dachten schon, sie hätten etwas angestellt, doch der alte Mann zog den schweren Karren für sie den Berg hinauf. "Habt ihr da Ziegel drauf, oder Altmetall?", fragte er zwischendurch.

Tom antwortete beiläufig: "Altmetall."

Im Wohnzimmer des Walisers war alles anwesend was Rang und Namen hatte. Die Thatchers, die Harpers, die Rogers, Tante Polly, Sid, Mary, der Pfarrer, der Zeitungsverleger und viele mehr. Alle in ihren besten Kleidern. Die Witwe empfing die beiden Neuankömmlinge herzlich und schickte sie nach draußen um sich zu waschen. Außerdem sollten sie sich im Schlafzimmer neu kleiden. Gerade als sie überlegten, ob sie nicht lieber abhauen sollten, kam Sid zu ihnen.

"Sid, was soll denn diese Veranstaltung?", fragte Tom seinen Halbbruder. Der erklärte, dass die Witwe Douglas heute eine Einladung hatte zu Ehren von Mr. Jones und seinen Söhnen, weil sie die Witwe doch gerettet hatten.

Sid schwieg kurz, dann gab er das große Geheimnis preis. Der alte Waliser wollte heute allen mitteilen, dass es eigentlich Huck war, der die Räuber verfolgt hatte und dass der Dank ihm gebühre. "Und eigentlich ist es auch kein Geheimnis mehr, denn er hat es Tante Polly zugeflüstert und jetzt wissen es eh schon alle!", schloss er seinen schadenfrohen Beitrag. Wie immer, freute er sich, wenn er jemandem eins auswischen konnte.

"Pfui, Sid! Du kannst wohl keinem ein Lob gönnen, oder?" Tom packte Sid, versetzte ihm ein paar schallende Ohrfeigen und beförderte ihn mit Fußtritten zur Tür hinaus. Nun könne er Tante Polly alles petzen, schrie er ihm noch nach!

Wenig später saßen sie an der vornehmen Tafel in schönen Kleidern. Alles verlief wie vorauszusehen war. Der Waliser dankte, gab die gute Tat von Huck preis und die Witwe überschüttete alle mit Lob und Dank. Allen voran dankte sie Huck, der sich mehr als unwohl fühlte, schon wegen der Kleidung. Außerdem wollte die Witwe ihn in ein Heim bringen, ihn später einen guten Beruf lernen lassen.

Jetzt war Toms Augenblick gekommen. "Huck hat das alles gar nicht nötig. Er ist reich!"

Alle hielten das natürlich für einen gelungenen Witz. Doch als Tom die beiden Säcke mit Geld hereinschleppte und ausschüttete, sagte er triumphierend: "Da, was hab ich gesagt? Die eine Hälfte gehört Huck, die andere mir."

Wie gebannt starrten die Anwesenden auf die goldenen Münzen. Es hatte ihnen die Sprache verschlagen. Doch bald brach der Tumult los. Alle wollten eine Erklärung. Tom tat ihnen gerne den Gefallen und erzählte.

Schließlich wurde das Geld gezählt. Es waren etwas über zwölftausend Dollar. So viel Geld hatte noch keiner der Anwesenden auf einem Haufen gesehen.





Der Klassiker TOM SAWYER von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von True W. Williams (1839-1897) hergestellt.

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