LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Amys Demütigung

"Der Junge ist ein richtiger Zyklop, findest du nicht?", fragte Amy, als Laurie mit seinem schwarzen Pferd am Haus der Marchs vorbeigaloppierte.

"Spinnst du? Laurie ist doch kein einäugiges Monster", zischte Jo, die keine Beleidigung ihres Freundes duldete. "Er hat nicht nur zwei Augen, sie sind auch noch besonders hübsch."

"Ich meinte doch nur, dass er ein hervorragender Reiter ist und es wirkt, als wäre er mit dem Pferd verwachsen", gab Amy gekränkt zurück.

"Oh mein Gott! Du meinst einen Zentaur, einen Pferdemenschen, und verwechselst ihn mit einem Zyklopen!" Jo kugelte sich vor Lachen.

"Du musst wegen eines Versprechers nicht gleich so gemein sein", blaffte Amy beleidigt. "Ich wünschte nur, ich hätte ein bisschen von dem Geld, das Laurie allein für sein Pferd ausgibt. Ich bin so verschuldet und brauche dingend Geld für kandierte Zitronen. Ich schulde meinen Mitschülerinnen mindestens ein Dutzend."

"Sind Zitronen jetzt der neueste Trend? Das musst du mir erklären", Meg versuchte ein Grinsen zu unterdrücken, da Amy es so wichtig hatte.

"In der Schule kaufen alle kandierte Zitronen. Und wenn du dazugehören willst, musst du es auch tun. Wenn du ein Mädchen magst, schenkst du ihm eine Zitrone. Ich habe schon so viele geschenkt bekommen und kann nie eine zurückgeben. Das sind Ehrenschulden, verstehst du?"

Meg bekam Mitleid und gab ihrer kleinen Schwester 25 Cent aus ihrer Geldbörse. Gleich am nächsten Tag kam Amy kurz vor dem Gong in die Schule geeilt und konnte es kaum erwarten, ihre verheißungsvolle Papiertüte zu zeigen. Schnell sprach es sich herum und Amy wurde von den Mädchen mit viel Aufmerksamkeit überschüttet.

Eine lud sie zu ihrer Party ein, eine Andere wollte Amy unbedingt ihre Uhr bis zur Pause leihen. Und sogar die bissige Jenny Snow, die Amy mehrfach wegen ihrer Nase aufgezogen hatte, wollte plötzlich ihre Freundin sein. Aber Amy hatte ihre gehässigen Worte nicht vergessen und teilte Jenny mit, dass sie von ihr keine kandierten Zitronen zu erwarten hatte.

Jenny platzte fast vor Wut und fasst einen Plan. Unter einem Vorwand ging sie zu Mr Davis, dem Klassenlehrer ans Pult. Dort petzte sie, dass Amy unter ihren Pult Zitronen versteckt hatte. Mr Davis hatte den kandierten Zitronen den Kampf angesagt und mit harten Strafen gedroht.

Er lief feuerrot an und rief: "Miss March, treten Sie vor!"

Amy stand das Herz still.

"Und bringen Sie gleich die verstecken Zitronen mit!"

Wie ein geschlagener Hund trottete Amy zum Pult des Klassenlehrers.

"So, jetzt werfen sie jede einzelne vor meinen Augen aus dem Fenster", befahl Mr Davis.

Amy sah ihn entsetzt an. Das konnte nicht sein Ernst sein. Die Mädchen stöhnten, denn alle hatten gehofft, etwas von den Zitronen abzubekommen. Nachdem Amy den Befehl des Lehrers ausgeführt hatte, war ihre Schmach allerdings noch nicht zu Ende.

"Strecken Sie Ihre Hände vor, Miss March!"

Amy wusste, was jetzt kam, doch ihr Stolz verbat ihr, zu weinen. Der Lehrer nahm den Rohrstock und schlug ein paar Mal mit einem lauten Klatschen zu. Die Schande war viel schlimmer als der Schmerz. Sie war völlig geschockt. Noch nie in ihrem Leben war sie geschlagen worden.

"Den Rest der Stunde werden Sie in der Ecke stehen", befahl Mr Davies.

Das war ein Albtraum für Amy. Nur die Wut auf Jenny Snow half ihr, die Haltung zu bewahren. Die viertel Stunde kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Schließlich ertönte das erlösende Wort "Pause!"

Amy lief hoch erhobenen Hauptes zu ihrem Pult, packte ihre Sachen ein und warf Mr Davies zum Abschied wortlos einen vorwurfsvollen Blick zu, den dieser so schnell nicht vergessen sollte. Damit verließ sie nicht nur das Klassenzimmer, sondern gleich das Schulgelände und schwor sich, nicht mehr zurückzukehren.

Als ihre Schwestern und die Mutter eintrafen, erzählte sie ihnen traurig, was vorgefallen war. Alle waren sehr empört und versuchten Amy zu trösten.

In der Schule hatte Amys Verschwinden kein großes Aufsehen erregt. Doch Mr Davies wurde von Minute zu Minute nervöser. Kurz vor Schulschluss schritt eine grimmige Jo ins Klassenzimmer, knallte Mr Davies einen Brief von Mrs March auf das Pult und sammelte Bettys restliche Bücher ein.

"Wenn du mir verspricht, genauso fleißig wie Betty zu Hause zu lernen, musst du die nächsten Wochen nicht zur Schule gehen", erklärte Mrs March ihrer Tochter. "Ich halte nichts von körperlicher Züchtigung - außerdem glaube ich, dass die anderen Mädchen an der Schule nicht der richtige Umgang für dich sind. Doch ich möchte dies gerne erst mit Vater besprechen."

Amy freute sich sehr und konnte schon wieder lächeln, als ihre Mutter fortfuhr: "Es schadet dir gar nichts, dass du die Zitronen verloren hast. Schließlich hast du gegen die Regeln verstoßen und damit eine Bestrafung verdient", fuhr Mrs March reserviert fort.

"Was?", kreischte Amy. "Heißt das, du findest es gut, dass ich vor der ganzen Schule gedemütigt wurde?"

"Nein, ich hätte eine andere Art der Bestrafung gewählt. Aber der heutige Tag hat dir sicher nicht geschadet. Du warst auf dem besten Weg, ein hochnäsiges Prinzesschen zu werden. Du hast sicherlich einige Talente, aber manchmal bildest du dir einfach zu viel darauf ein."

"Stimmt!", ergänzte Laurie, der mit Jo in einer Ecke Schach spielte. "Es gibt auch andere, die tolle Talente haben. Ich kenne da so ein Mädchen, das ein ganz hervorragendes Gespür für Musik hat und gar nicht weiß, was für wundervolle Melodien sie komponiert."

Betty wurde feuerrot und versuchte, noch tiefer zwischen den Sofakissen zu versinken. Jo machte aus lauter Dankbarkeit für das Lob ihrer Schwester einen bewusst miesen Schachzug, der Laurie den Sieg sicherte.





Der Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN von Louisa May Alcott (1832-1888) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.

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