LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Das Telegramm

"November ist einfach ein grauenvoller Monat!", jammerte Meg, die am Fenster stand und den Nieselregen beobachtete, der den Garten in ein grautrübes Licht tauchte.

"Und in diesem Monat bin ich auf die Welt gekommen", meinte Jo nachdenklich.

"Nein, wenn jetzt etwas Tolles passieren würde, fänden wir den November alle ganz prima", widersprach Betty, die stets alles optimistisch sah, sogar den November.

Meg sah traurig in den trüben Garten hinaus. Jo gähnte und stützte den Kopf auf die Hände. Nur Amy bearbeitete voller Energie den Ton, aus dem sie liebevoll kleine Tiere formte, als Betty, die am Fenster saß, freudig rief, "Mutter kommt gerade nach Hause. Und Laurie ist ebenfalls auf dem Weg zu uns!"

Mrs March begrüßte ihre Mädchen und wollte wissen, ob ein Brief von Vater gekommen war. Die Schwestern schüttelten betrübt die Köpfe.

"Hey, hat jemand Lust mitzukommen? Ich fahre Brooke mit der Kutsche nach Hause. Als Dank dafür, dass er mich ganze drei Stunden mit Mathematik gequält hat", fragte Laurie fröhlich.

"Klar, wir kommen gerne mit", riefen alle, bis auf Meg. Mutter hatte ihr nahe gelegt, sich in der Öffentlichkeit nicht so oft in der Begleitung des jungen Mr Brooke sehen zu lassen, um Gerede zu vermeiden.

"Kann ich unterwegs etwas für Sie erledigen, Mrs March?", fragte Laurie höflich.

"Wenn du kurz auf dem Postamt nach einem Brief von Mr March fragen könntest, wäre ich dir sehr dankbar. Eigentlich müsste heute einer kommen. Mein Mann schreibt immer regelmäßig."

Ein lautes Klingeln unterbrach sie und kurz darauf kam Hanna mit einem Umschlag herein, den sie so vorsichtig zwischen zwei Fingern trug, als könnte er sonst explodieren.

"Hier ist ein Telegramm angekommen", stieß sie aufgeregt hervor.

Bei dem Wort Telegramm zuckte Mrs March zusammen. Sie riss Hanna den Umschlag aus den Fingern, öffnete ihn hektisch und sank dann völlig blass auf einen Stuhl. Laurie rannte sofort los, um ein Glas Wasser zu holen. Jo hob das Telegramm auf, das zu Boden gefallen war, und las laut vor: MRS MARCH. IHR MANN IST SEHR KRANK. KOMMEN SIE SCHNELL. S. HALE, HOSPITAL, WASHINGTON

Im Wohnzimmer war es schlagartig totenstill. Die Mädchen scharten sich entsetzt und mit Tränen in den Augen um ihre Mutter. Mrs March nahm Jo das Telegramm ab. "Ich muss sofort losfahren. Ich hoffe, ich komme nicht schon zu spät!"

Für ein paar Minuten hörte man nichts außer Schluchzen. Doch dann trocknete Mrs March ihre Tränen und gab entschlossen Anweisungen. Laurie, der sich aus Anstand in den Gang zurückgezogen hatte, bat sie, ein Telegramm aufzugeben, dass sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug losfahren werde.

Außerdem schrieb sie einige Zeilen an Tante March. Diesen Brief sollte Laurie ebenfalls vorbeibringen.

Jo machte sich Gedanken, wie Mutter das Geld für die teuere Reise bezahlen wollte. Wenn sie nur selbst etwas tun könnte. Amy und Hanna holten den großen Koffer vom Dachboden und Meg half ihrer Mutter beim Packen.

Nach kurzer Zeit erschien Mr Laurence mit einigen Flaschen guten Weins und einem großen Korb mit feinsten Lebensmitteln für Mr March. Er bot ihr nicht nur jede denkbare Hilfe an, sondern auch seine Begleitung für die lange Reise. Doch das konnte Mrs March unmöglich annehmen. Mr Laurence war zu alt für eine so beschwerliche Tour.

Der alte Gentleman, verließ nachdenklich murmelnd das Haus. Doch er hatte eine Idee. Wenig später stieß Meg im Flur beinahe mit Mr Brooke zusammen. "Ich komme, um mich Ihnen als Reisebegleiter für Ihre Mutter anzubieten. Mr Laurence sagt, ich könne für ihn ein paar Geschäfte in Washington erledigen. Es wäre mir eine Ehre, Ihre Mutter zu begleiten."

Meg sah Mr Brooke bewundernd an und streckte ihm dankbar die Hand entgegen. "Sie sind so freundlich. Mutter wird sicher einwilligen. Es ist für uns alle eine große Erleichterung zu wissen, dass jemand auf sie aufpasst. Vielen, vielen Dank!"

Laurie erschien wieder mit einem Umschlag von Tante March. Darin war Geld, um das Mrs March sie gebeten hatte. In einem kurzen Brief hatte es sich die alte Dame nicht verkneifen können zu wiederholen, wie unvernünftig es von ihrem Neffen gewesen war, freiwillig zur Arme zu gehen.

Alle halfen weiter bei den Vorbereitungen mit, nur Jo war nicht da. Laurie begann sich Sorgen zu machen und machte sich auf die Suche.

Nachdem er losgegangen war, stand Jo plötzlich in der Tür. Sie hatte einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Bedauern und Stolz. Ihre Familie hatte sich gerade zum Abendessen an den Tisch gesetzt und alle sahen sie fragend an.

Jo griff in ihre Tasche, legte ein Bündel Geldscheine auf den Tisch und sagte mit einem leichten zittern in der Stimme: "Das ist mein Beitrag, damit es Vater an nichts fehlt und er nach Hause kommen kann."

"Liebes, wo hast du das viele Geld her? Fünfundzwanzig Dollar! Ich hoffe, du hast nichts Schlimmes angestellt!"

"Es ist mein Geld. Ehrlich. Ich habe es nicht gestohlen, geliehen oder erbettelt, sondern ehrlich verdient. Ich habe nur etwas verkauft, was mir gehörte."

Bei diesen Worten zog Jo die Kapuze ihres Mantels vom Kopf und ihre Schwestern kreischten vor Schreck los. Jos ehemals wunderschönes, langes Haar war kurz geschoren.

"Deine schönen Haare!"

Betty strich Jo traurig über den Kopf, während Jo versuchte, ein gleichgültiges Gesicht zu machen. "Wein nicht Betty. Sie wachsen ja wieder nach. Der Friseur meinte, bald hätte ich einen schicken Bubikopf."

"Wie bist du nur auf die Idee gekommen?", wollte Amy wissen, die lieber gleich den ganzen Kopf als ihre geliebten blonden Locken hätte abschneiden lassen.

"Ich wollte unbedingt irgendetwas für Vater tun. Und ich hasse es ebenso wie Mutter, mir Geld zu leihen. Als ich beim Besorgungen machen am Friseurladen vorbeikam, sah ich im Schaufenster eine Perücke mit zwei Zöpfen ausgestellt. Da hatte ich die Idee."

"War es nicht schlimm, als er sie abgeschnitten hat?", fragte Betty mitfühlend.

"Nein. Ich habe meine Haare noch ein letztes Mal im Spiegel angesehen und dann einfach die Augen zugemacht. Aber es war schon ein komisches Gefühl, als meine Locken vor mir auf dem Tisch lagen und mich aus dem Spiegel ein fremdes Mädchen anstarrte. Der Friseur hat mir zum Abschied noch eine lange Locke geschenkt. Sie ist ein Andenken für dich, Mutter."

Mrs March nahm die Locke, die ihr Jo entgegenstreckte, streichelte sanft darüber und legte sie vorsichtig in eine kleine Dose auf der Anrichte.

Als alles für die Abreise am nächsten Morgen vorbereitet war, fühlte sich Meg völlig erschöpft und wollte ins Bett. Nach einer Weile hörte sie ein Weinen von nebenan.

"Jo", flüsterte sie. "Was ist los? Weinst du wegen Vater?"

"Nein", schniefte Jo. "Im Moment nicht."

"Was ist dann?"

"Meine… meine Haare", kam es schluchzend.

Meg krabbelte zu Jo ins Bett, nahm sie in den Arm und streichelte ihr liebevoll über den Kopf.

"Ich bereue es nicht und würde es morgen wieder tun", sagte Jo tapfer. "Aber ein bisschen eitel bin ich eben auch. Bitte erzähl keinem, dass ich deswegen geweint habe!"





Der Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN von Louisa May Alcott (1832-1888) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.

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