LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ansteckungsgefahr

Während sich die Mädchen in der ersten Woche nach der Abreise von Mrs March vorbildlich benahmen, ließ der Fleiß in der zweiten Woche ein wenig nach. Und als sie immer bessere Nachrichten aus Washington erhielten und sich weniger Sorgen um ihren Vater machen mussten, schlichen sich die alten Gewohnheiten klammheimlich wieder ein.

Jo hatte sich eine leichte Erkältung geholt, da sie mehrmals vergessen hatte, ihren geschorenen Kopf mit einem Hut oder einer Kapuze zu schützen. Tante March hatte Angst, sich anzustecken, und gab Jo frei. So lümmelte sie mit dem Vorwand, sich auskurieren zu müssen, faul auf dem Sofa und verschlang von Laurie geliehene Bücher.

Amy fand, dass zu viel Hausarbeit ihren Künstlerhänden schaden konnte, und begann wieder Tonfiguren zu formen. Meg unterrichtete nach wie vor die Kings-Kinder und hielt sich für eine gute Hausfrau, doch immer öfters ertappte sie sich dabei, wie sie verträumt in die Gegend starrte statt zu nähen.

Nur Betty war fleißig wie immer und gönnte sich selten etwas mehr Zeit am Klavier oder bei ihren Puppen. Doch wenn die Sehnsucht nach ihren Eltern zu groß wurde, verkroch sie sich in Mutters Schrank, um dort heimlich zu weinen. Niemand wusste davon, nicht einmal Jo.

Mrs March hatte die Mädchen gebeten, über ihren eigenen Sorgen die arme Familie Hummel in der Hütte am Fluss nicht zu vergessen. Betty, die diese Aufgabe gewissenhaft übernommen hatte, sagte eines Tages zu Jo und Meg: "Ich bin heute so müde, kann nicht eine von euch gehen?"

"Draußen ist es zu stürmisch für meine Erkältung", erwiderte Jo, froh darüber so schnell eine passende Ausrede gefunden zu haben.

"Warum gehst du nicht selber?", fragte Meg.

"Ich war jetzt jeden Tag dort. Das Baby ist sehr krank und ich weiß mir langsam keinen Rat mehr. Ich wäre wirklich froh, wenn du mal nach ihm sehen kannst, Meg", antwortete Betty erschöpft.

"Okay, aber nicht mehr heute. Wir fragen Hanna und wenn Amy zurück ist, soll sie gehen."

Betty ließ sich müde in Mutters Sessel fallen, um sich auszuruhen und auf Amy zu warten. Aber die kam nicht nach Hause. Die anderen hatten die Hummels längst vergessen, und so schlüpfte Betty leise in ihren Mantel, packte ein paar Lebensmittel ein und machte sich trotz Kopfschmerzen und Mattigkeit auf den Weg.

Niemand bemerkte Betty, als sie wieder zurückkehrte. Sie schlich sich nach oben und verkroch sich weinend in Mutters Schrank. Als Jo eine halbe Stunde später auf der Suche nach irgendetwas die Tür des Zimmers öffnete, entdeckte sie Betty, die leichenblass und mit geröteten Augen im Medizinschrank von Mrs March kramte.

"Um Himmels Willen, Betty" Was ist los?" Sie wollte auf ihre Schwester zustürmen, doch Betty machte eine hektische Abwehrbewegung mit den Händen.

"Jo, hattest du schon mal Scharlach?"

"Ja, zusammen mit Meg. Aber das ist lange her. Warum?"

"Oh, Jo", begann Betty zu schluchzen. "Das Baby der Hummels ist tot. Es ist heute in meinen Armen gestorben."

"Oh mein Gott, Betty. Wie schrecklich. Wäre nur ich heute zu den Hummels gegangen!"

"Der Arzt war sehr wütend, dass man ihn nicht früher gerufen hatte. Mich hat er nach Hause geschickt, ich solle gleich Belladonna nehmen, damit ich nicht auch noch krank werde."

"Wenn du krank wirst, verzeihe ich mir das niemals. Ausgerechnet jetzt, wo Mutter nicht da ist."

Jo machte sich große Sorgen. Betty hatte die Familie Hummel die ganz Woche besucht. Sicher hatte sie sich angesteckt. Außerdem klagte sie über Halsschmerzen. Sofort rannte sie zu Hanna, um sie um Rat zu fragen.

"Keine Sorge, von Scharlach stirbt man nicht, wenn man es rechtzeitig behandelt", versuchte Hanna die Mädchen zu beruhigen. Sie schickte Jo, um Doktor Bangs zu holen. Meg sollte Amy zu Tante March bringen, damit sie sich nicht ebenfalls mit Scharlach infizierte.

Amy protestierte lautstark gegen den Vorschlag, zu ihrer Tante zu ziehen. Sie wollte lieber krank werden, als diese griesgrämige, alte Schachtel zu ertragen. Keine Diskussion half, Amy blieb stur. Erst als Laurie kam und ihr versprach sie regelmäßig zu besuchen und mit ihr Ausflüge zu unternehmen, ließ sie sich überreden.

"Soll ich loslaufen und eurer Mutter ein Telegramm senden?", wollte Laurie wissen.

"Das frage ich mich auch schon andauernd", antwortete Meg. "Hanna meint, wir sollen ihr nichts schreiben, denn sie kann Vater nicht alleine lassen und würde sich nur Sorgen machen, ohne Betty helfen zu können. Wir warten ab, was der Arzt meint."

Der Doktor kam und untersuchte Betty genau. Es war ohne Zweifel Scharlach und er ordnete an, dass Amy unbedingt von ihr fern bleiben sollte.

Laurie und Jo begleiteten sie zu Tante March. Als sie der alten Dame die Situation erklärt hatten, stimmte diese zu unter der Bedingung, dass sich Amy im Haushalt nützlich machen sollte.

Amy blickte ihrer Schwester und Laurie traurig hinterher.





Der Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN von Louisa May Alcott (1832-1888) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.

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