LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Marleys Geist - Teil 1

Zweifellos - Marley war tot. Schon deshalb, weil sein Totenschein vom Geistlichen, vom Küster, vom Leichenbestatter und vom Meistbetroffenen unterzeichnet war. Bei Letzterem handelt es sich um Scrooge, dessen Unterschrift bei den Banken, an der Börse und überhaupt bei allem und jedem, etwas galt.

Tja, der alte Marley war tot wie ein Sargnagel.

Natürlich wusste Scrooge, dass sein Geschäftspartner tot war. Immerhin war Scrooge Testamentsvollstrecker, Nachlassverwalter, rechtmäßiger Erbe und einziger Trauergast seines einzigen Freundes. Doch Scrooge war kein Mensch, der tiefe Trauer zeigte. So beging er den bedrückenden Tag der Beisetzung mit einem außergewöhnlich erfolgreichen Geschäftsabschluss.

Noch einmal erwähne ich, dass Marley tatsächlich tot war. Doch Scrooge ließ das Firmenschild mit der Aufschrift "Scrooge und Marley" nicht übermalen. So kam es, dass die Leute gelegentlich die Namen verwechselten und Scrooge mit Marley ansprachen, was ihm aber nichts ausmachte.

Oh, dieser Scrooge war ein Blutsauger und Halsabschneider. Der alte Sünder bekam immer, was er haben wollte, er entriss es den anderen, wrang es aus und raffte den Rest zusammen, um seinen Gewinn zu horten.

Äußere Temperaturen beeinflussten Scrooge wenig. Weder wärmte ihn Hitze noch konnte Frost ihn erkranken lassen. Seine innere Kälte trotzte jedem peitschenden Sturm und Schneeflocken oder Platzregen schien er gar nicht zu bemerken. Nur in einem waren Hagelschauer und Schneestürme besser als er, sie verteilten ihre Gaben freizügig. Scrooge dagegen verteilte nichts.

Niemand begegnete ihm auf der Straße, um ihm mit freundlichen Worten eine Einladung auszusprechen. Nicht einmal Bettler baten um einen Groschen, kein Kind fragte ihn nach der Uhrzeit und weder Mann noch Frau hatten ihn jemals nach dem Weg gefragt. Sogar Blindenhunde zerrten ihre Begleiter in kleine Gassen, bis Scrooge vorübergegangen war. Schwanzwedelnd signalisierten sie: "Es ist besser kein Augenlicht zu haben, als so böse Augen, mein blinder Herr!" Doch Scrooge kümmerte das nicht. Im Gegenteil, gerade das gefiel ihm.

Eines Tages saß der gute alte Scrooge eifrig beschäftigt in seinem Büro. Es war der Weihnachtsabend und das Wetter war schneidend kalt und trübe.

Scrooges Bürotüre stand offen. So konnte er seinen Gehilfen im Auge behalten, der nebenan in einer kleinen düsteren Zelle Briefe kopierte. Scrooges Kaminfeuer war schon klein, doch das seines Gehilfen glich einer einzelnen glimmenden Kohle. Hatte Scrooge ihm doch das Nachlegen untersagt. Als würde das nicht schon reichen, bewahrte er den Kohlenvorrat in seinem eigenen Zimmer auf, und sobald sein Gehilfe mit der Schaufel unter der Türe stand, drohte Scrooge dem Armen, ihn zu entlassen. Da wickelte der Gehilfe seinen weißen Schal fester um und begnügte sich damit, seine Hände an der Flamme einer Kerze zu wärmen. Dies gelang ihm nicht wirklich, da er kein besonders fantasievoller Mensch war.

"Fröhliche Weihnachten, Onkel! Gott beschütze Sie!", rief eine fröhliche Stimme, die Scrooges Neffen gehörte, der so schnell hereingekommen war, dass sein Onkel ihn erst zögernd erkannte.

"Pah! Unsinn!", brummte Scrooge.

"Aber Onkel, Sie können doch unmöglich das Weihnachtsfest für Unsinn halten", erwiderte Scrooges Neffe empört.

"Weshalb nicht", rief Scrooge übellaunig. "Wie kommst du dazu, die Weihnachtszeit für eine fröhliche Zeit zu halten? Lass mich in Ruhe damit. Weihnachten ist nichts anderes als die Zeit, in der man Rechnungen begleichen muss und kein Geld dafür hat - eine Zeit, in der du um ein Jahr alterst, während du nicht eine Stunde reicher wirst - eine Zeit der Jahresabrechnungen! Wenn ich könnte, wie ich wollte", polterte Scrooge weiter, "dann würde jeder, der es wagt mir frohe Weihnachten zu wünschen, in seinem eigenen Weihnachtspudding gekocht und mit einem Stechpalmenzweig im Herzen beerdigt werden. Ja, so stelle ich mir das vor!"

"Aber Onkel!", rief der Neffe entsetzt.

"Nein!", unterbrach Scrooge finster, "mach du an Weihnachten, was du willst, aber lass mich den Tag nach meiner Art feiern."

"Das nennen Sie feiern, Onkel? So sieht doch keine Feier aus."

"Mag sein, dann feiere ich eben nicht. Möge es dir Gutes tun, wie es dir bisher viel Gutes gebracht hat."

"Ja, Onkel. Mag sein, dass es Dinge gab, die mir nützten, ohne jemals einen Nutzen daraus gezogen zu haben. Und Weihnachten gehört sicher dazu. Aber ganz abgesehen von der Ehrfurcht vor dem heiligen Namen und der Herkunft - wenn man das überhaupt trennen kann - habe ich das Christfest immer als eine liebevolle, schöne Zeit im Jahr empfunden, in der Menschen ihre verschlossenen Herzen öffnen. Es scheint die einzige Zeit im Jahr, in der Menschen sich als Weggefährten zum Grabe sehen und nicht wie Angehörige fremder Art und fremden Ziels. Und deshalb, Onkel, bin ich mir ganz sicher, dass es mir immer Gutes gebracht hat, und wieder Gutes bringen wird - auch wenn mir nie ein Gold- oder Silberstück dabei in die Taschen hüpfte. Trotzdem sage ich: Gesegnete Weihnachten!"

Scrooges Gehilfe applaudierte in seiner Zelle.

"Wenn ich noch einen Ton von Ihnen höre, dann feiern Sie Weihnachten damit, dass Sie Ihre Stelle verlieren", sagte Scrooge.

Und zu seinem Neffen gewandt meinte er: "Du schwingst ja großartige Reden. Da wundert es mich, dass du nicht im Parlament sitzt."

"Onkel, so regen Sie sich doch nicht so auf. Kommen Sie lieber morgen zu uns zum Essen."

Scrooge keifte, dass er seinen Neffen vorher lieber in äußerster Not sehen wolle. Ja, das sagte er wirklich!

"Aber weshalb?", rief sein Neffe verzweifelt.

"Warum hast du dich verheiratet?", fragte Scrooge.

"Weil ich mich verliebt habe."

"Weil er sich verliebt hat. Ha!", knurrte Scrooge und es war klar, dass er diese Tatsache beinahe noch lächerlicher fand als das ganze Weihnachtsfest. "Guten Abend!"

"Ach Onkel, vor meiner Heirat haben Sie mich auch nie besucht. Weshalb geben Sie nun diesen Grund an, dass Sie uns nicht besuchen wollen?"

"Guten Abend!", rief Scrooge resolut.

"Ich möchte doch nichts anderes von Ihnen, als dass wir Freunde werden."

"Guten Abend!", sagte Scrooge noch einmal.

"Es tut mir von Herzen leid, Sir, Sie so hartherzig zu sehen. Nie gab es einen Streit zwischen uns, zu dem ich Anlass gegeben hätte. Allein wegen des Weihnachtsfestes startete ich diesen Versuch. Doch lasse ich mir dadurch meine Festtagsstimmung nicht verderben. Nun denn, fröhliche Weihnachten, Onkel."

"Guten Abend", rief Scrooge.

"Und ein gesegnetes neues Jahr."

"Guten Abend", rief Scrooge voller Ungeduld.

Trotz dieses Disputs verließ der Neffe das Büro ohne ein verächtliches Wort. Draußen wünschte er dem Gehilfen noch ein frohes Fest, der die Wünsche trotz seines Frierens wärmer erwiderte als Scrooge.

Als der Gehilfe Scrooges Neffe hinausbegleitete, war er so ungeschickt, zwei fremde Männer hereinzulassen. Nun standen zwei stattliche Herren im Büro, ihre Hüte, Bücher und Papiere in den Händen. Sie verbeugten sich.

Einer der beiden begann mit der Rede. "In diesen feierlichen Tagen, Mr. Scrooge, denken sicher auch Sie an die Armen und Bedürftigen. Tausende haben nicht einmal die notwendigsten Dinge und Hunderttausende entbehren jeglicher Bequemlichkeiten, Sir."

"Gibt es keine Gefängnisse mehr?", polterte Scrooge.

"Doch, es gibt genügend davon", antwortete der Herr. "Ebenso gibt es Armenhäuser!"

"So ist die Tretmühle also noch in voller Kraft", entgegnete Scrooge.

"Ja, dennoch sind wir davon überzeugt, dass diese Einrichtungen für die geistigen oder körperlichen Bedürfnisse der Menge wenig christliche Nahrung bieten. Deshalb sind einige von uns bemüht, wenigstens den Bedürftigen das Notwendigste zukommen zu lassen. Gerade in der Weihnachtszeit verspüren die Menschen diesen Mangel am heftigsten. Wie viel wollen Sie spenden?", fragte der Herr.

"Nichts, lassen Sie mich in Ruhe!", rief Scrooge. "Nun haben Sie meine Antwort. Ich kann mir auch am Weihnachtsfest nicht leisten, Faulpelze darin zu unterstützen, sich einen amüsanten Tag zu machen. Sie kosten uns genug, mit meiner Steuer unterstütze ich die Gefängnisse und Armenhäuser - dort sollen sie hingehen."

"Viele würden das gerne tun, viele würden aber auch lieber sterben", entgegnete der Herr.

"Na denn, wenn sie lieber sterben wollen, dann sollen sie es tun!", erwiderte Scrooge. Mit wesentlich besserer Laune nahm Scrooge seine Beschäftigung wieder auf. Draußen war es inzwischen dunkel und neblig. Die Menschen liefen mit brennenden Fackeln durch die Straßen und Kälte kroch durch die Gassen.

Endlich nahm der Arbeitstag sein Ende. Scrooge stand auf, setzte seinen Hut auf und richtete den Blick auf seinen Gehilfen. "Sie wollen morgen wahrscheinlich den ganzen Tag frei haben, oder?"

"Wenn das ginge, Sir."

"Das geht natürlich nicht! Ich darf ihnen dafür nicht einmal ein paar Groschen von Ihrem Lohn abziehen, sonst würden Sie sich schlecht behandelt fühlen."

Betreten lächelnd stand der Gehilfe vor Scrooge.

Scrooge fuhr fort: "Doch Sie haben kein schlechtes Gewissen, Lohn von mir zu erhalten, ohne dafür zu arbeiten."

"Es kommt doch nur einmal im Jahr vor", sagte der Gehilfe.

"Armselige Erklärung, um mir jedes Jahr am fünfundzwanzigsten Dezember einen Tageslohn aus der Tasche zu ziehen. Doch Sie müssen wohl den ganzen Tag freinehmen. Dafür kommen Sie übermorgen dann früher, verstanden?", maulte Scrooge.

Im Nu war das Büro geschlossen. Der Gehilfe, dem die Enden seines weißen Schals bis zur Hose baumelten - einen Mantel besaß er nicht - fuhr aus Freude und zu Ehren des Weihnachtsfestes zwanzigmal die Schlitterbahn auf Cornhill hinab. Danach begab er sich zügig in seine Wohnung nach Camdentown, um dort blinde Kuh zu spielen.





Der Klassiker EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE von Charles Dickens (1812-1870) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von John Leech (1817-1864) erstellt.

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