LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der zweite Geist - Teil 3

Scrooge und der Geist wanderten weiter durch die Straßen, blickten in hell erleuchtete Küchen und Wohnzimmer, bis Scrooge plötzlich überrascht aufblickte. Gerade hatte er die Stimme seines Neffen wahrgenommen, da fand er sich in einem hellen trockenen Raum wieder. An seiner Seite weilte der Geist, der Scrooges Neffen mild lächelnd anblickte.

"Haha", lachte Scrooges Neffe laut auf. "Hahaha!"

Es ist eine ausgleichende Einrichtung der Natur, dass nicht nur Krankheit und Schmerz ansteckend sind, sondern dass vor allem unwiderstehliches Gelächter und gute Laune mindestens ebenso infizieren. Genau so ein Lachen verbreitete Scrooges Neffe durch den behaglichen Raum. Und es dauerte nicht lange, da lachte seine Frau ebenso herzlich - ebenso die versammelten Freunde. "Hahaha!", klang es durch den Raum.

"So wahr ich hier stehe", rief der Neffe, "er sagte wortwörtlich, dass Weihnachten dummes Zeug wäre und er glaubt das auch noch!"

"Die Schande ist um so schlimmer für ihn", sagte Scrooges Nichte.

Gott segne die Frauen - sie tun nichts halb und es ist ihnen immer Ernst.

Sie war hübsch anzusehen, hatte ein zierliches Gesicht mit neckischen Grübchen. Stets blickte sie überrascht drein und ihr kirschroter Mund lud zum Küssen ein. Ihre sonnigen Augen unterstrichen den liebenswerten Eindruck, den sie machte. Sie war das, was man bestrickend nennt.

"Ein knurriger alter Kauz ist er", rief Scrooges Neffe, "und bei weitem nicht so angenehm, wie ich mir wünschen würde. Doch seine Fehler strafen ihn immer selbst, so habe ich nichts gegen ihn einzuwenden. Seht doch, da hat er sich vorgenommen, uns zu ärgern und kommt deshalb nicht her, um mit uns zu speisen. Und was hat er jetzt davon?"

"Na, ihm entgeht ein hervorragendes Essen", bestätigten die Anwesenden. Sie waren gerade fertig und saßen vor ihrem Nachtisch bei Lampenschein um den Kamin.

Das freute Scrooges Neffe und es begann eine Unterhaltung über die Kochkünste der jungen Hausfrauen und die Bedürfnisse der Junggesellen. Nach dem Tee machten sie Musik und sangen einen Kanon. Vor allem Topper konnte außergewöhnlich gut Bass brummen, ohne dass seine Adern auf der Stirn hervortraten oder er gar errötete.

So verging eine Weile, dann spielten sie Pfänder und Blindekuh. Und es schien, als habe Topper keine Augen im Kopf, denn die Art und Weise, wie er der rundlichen Schwester hinterherstiefelte, sprach für sich. Er war fast schon eine Zumutung für die leichtgläubige junge Frau. Überall stieß er an und verwickelte sich - doch irgendwie fand er sie immer. Das Spiel war lustig und spannend und sehr vertraulich.

Scrooges Nichte saß derweil auf einem großen Stuhl in der Ecke, wo der Geist und Scrooge direkt hinter ihr stand. Sie beobachteten, wie die zwanzig anwesenden Personen miteinander Spaß hatten. Es war so ansteckend, dass Scrooge mitspielte - zum Glück konnte niemand seine Stimme hören. Als der Geist zum Aufbruch mahnte, rief Scrooge: "Jetzt kommt ein neues Spiel - lass uns noch eine halbe Stunde bleiben!"

Nun folgte das Spiel: Ja und Nein! Scrooges Neffe musste sich etwas ausdenken und die anderen sollten es erraten. Auf ihre Fragen durfte er aber nur mit Ja oder mit Nein antworten. Unter viel Gelächter grenzten die Mitspieler das Ausgedachte ein. Es war ein Geschöpf, das weder in einem Zirkus lebe noch auf dem Markt geschlachtet werde. Es war weder Esel, Pferd, Kuh, Stier, Tiger noch Hund. Auch die Katze schloss man aus, ebenso Schwein und Bär. Scrooges Neffe musste bei jeder Frage noch mehr lachen, dass er stampfend vom Sofa aufstand und sich auf die Schenkel klopfte. Endlich war es so weit - die rundliche Schwester rief: "Ich hab es! Es ist dein Onkel Scro-o-o-o-oge."

Die anderen bewunderten sie - denn eigentlich waren sie der Meinung, dass man in diesem Fall den Bären hätte gelten lassen müssen.

Fred hob sein Glas und rief: "Nun wäre es aber äußerst unschicklich, nicht auf die Gesundheit des alten Herrn zu trinken!"

Einträchtig antwortete die ganze Runde: "Auf Onkel Scrooge. Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr! Mag der Alte sein, wie er will."

Scrooge war bester Laune, ohne dass er bemerkt hätte, wie er immer vergnügter wurde. Und hätte der Geist ihm mehr Zeit gelassen, dann hätte er eine Rede gehalten. Doch mit dem letzten Wort des Neffen verließen Geist und Scrooge die fröhliche Runde und begaben sich noch einmal auf Wanderschaft.

Sie wanderten weit und in viele Häuser traten sie ein. Der Geist besuchte Kranke, die dann froh wurden; er brachte Menschen, die in schweren Situationen steckten, Zuversicht; die Armen konnte er reich machen. Im Armenhaus, im Krankenhaus, im Gefängnis, überall wo es Elend gab, ließ der Geist frohe Stimmung zurück und zeigte Scrooge, was zu tun war.

Während dieser langen Nacht fiel Scrooge auf, dass der Geist sichtbar alterte, während Scrooge selbst so blieb, wie er war. Er fragte: "Ist das Leben eines Geistes kürzer als meines?"

"Mein Leben auf Erden ist sehr kurz und endet mit dieser Nacht", erwiderte der Geist.

Scrooge erschrak, während der Geist weiterredete. "Ja, um Mitternacht. Meine Zeit ist bald gekommen, hörst du?" Und tatsächlich hörte Scrooge das Glockengeläut - es war Viertel vor zwölf.

"Ich weiß, dass es mir nicht zusteht, dich das zu fragen", stotterte Scrooge verlegen, "aber - was hast du da unter deinem Gewand?" Während er diese Frage stellte, blickte er auf etwas Seltsames, das aussah wie eine Klaue. Es lugte unter dem Gewand des Geistes hervor.

"Schau her", meinte der Geist traurig und brachte zwei hässliche, armselige Kinder zum Vorschein. Sie kauerten zu seinen Füßen und klammerten sich an seinen Mantel. Der Knabe und das Mädchen sahen zerlumpt, schwefelfarbig und abgemagert aus. Statt erfüllt von jugendlicher Frische blickten sie welk und schrumpelig, gleich einem Greis hohen Alters, drein.

Scrooge fuhr entsetzt zurück. Sichtlich erbleicht wollte er sagen, es seien schöne Kinder. Doch die Worte blieben ihm im Halse stecken, ob so einer unglaublichen Lüge. "Sind das deine Kinder, Geist?", fragte er.

"Oh, sie gehören der Menschheit. Sie klammern sich nur an mich, um gegen ihre Väter zu klagen", erklärte der Geist. "Das Mädchen ist die Ungewissheit und der Knabe ist der Mangel. Du solltest dich vor beiden hüten und vor ihrer gesamten Sippe. Auf der Stirn des Mädchens sehe ich geschrieben, was Verdammnis und Tod ausrichten, wenn die Schrift nicht verschwindet. Verleumde diejenigen, die euch davon zurufen. Und wenn es zu euren aufwieglerischen Zwecken gerade passt, dann gebt es zu und macht alles noch schlimmer. Harret auf das Ende!", rief der Geist eindringlich und provozierend.

"Haben sie keinen Zufluchtsort?", fragte Scrooge.

"Gibt es keine Gefängnisse … und keine Arbeitshäuser?", erwiderte der Geist, zum letzten Mal seine Worte entgegenhaltend.

Es schlug zwölf.

Scrooge sah sich nach dem Geist um und konnte ihn nicht mehr sehen. Nachdem der letzte Glockenschlag verklungen war, fiel ihm der alte Marley wieder ein und seine Prophezeiung. Als er aufblickte, kam eine feierliche Erscheinung, bis zum Kopf in Tücher verhüllt, wie eine Nebelwolke auf ihn zugeweht.





Der Klassiker EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE von Charles Dickens (1812-1870) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von John Leech (1817-1864) erstellt.

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