LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Im Marionettentheater

Als Pinocchio das Marionettentheater betrat, geschah etwas, das einem Aufstand glich. Die Vorstellung hatte bereits angefangen und auf der Bühne sah man den Harlekin und den Kasper, die miteinander stritten und sich prügelten. Die Zuschauer bogen sich vor lachen. Da unterbrach der Harlekin plötzlich sein Spiel, wandte sich dem Publikum und rief in feierlichem Ton:

"Gott im Himmel! Träume ich? Der da unten ist doch Pinocchio!..."

Die Puppen begannen durcheinander zu rufen. "Pinocchio ist da! Pinocchio ist da!". Alle sprangen hervor und auf die Bühne. "Pinocchio unser Bruder. Komm zu uns herauf!", rief Harlekin.

Auf diese freundliche Einladung hin machte Pinocchio einen Satz und landete auf dem Kopf des Kapellmeisters. Von dort sprang er auf die Bühne. Man kann sich nicht vorstellen, wie die Marionetten ihn umarmten und sich freuten. Es war ein rührender Anblick. Aber die Zuschauer wurden langsam unruhig und begannen zu schimpfen, dass sie das Stück sehen wollten.

Die Puppen ignorierten die Menge einfach und warfen Pinocchio mit großem Geschrei in die Höhe und fingen ihn wieder auf.

Da erschien der Puppenspieler, ein riesiger Mann und so hässlich, dass man Angst bekam, wenn man ihn nur ansah. Sein Bart war tintenschwarz und so lang, dass er bis zum Boden reichte. Seine Augen sahen aus wie zwei brennende Laternen aus rotem Glas.

In den Händen schwang er eine Peitsche, die aus Schlangen und Fuchsschwänzen gefertigt war. Keiner wagte mehr zu atmen. Es war so still, man hätte eine Fliege problemlos husten hören können. Die Holzpuppen zitterten wie Espenlaub.

"Warum kommst du in mein Theater und bringst alles durcheinander?", fragte der Puppenspieler unseren Pinocchio mit dröhnender Stimme.

"Glauben Sie mir, würdiger Herr, es war nicht meine Schuld!"

"Schluss jetzt! Nach der Vorstellung werden wir abrechnen!"

Als das Stück zu Ende war, ging der Puppenspieler in die Küche, wo er einen Hammelbraten essen wollte. Weil ihm aber noch Holz fehlte, um den Braten fertig zu garen, rief er Harlekin und Kasper zu sich. "Bringt mir die Holzpuppe her, die ich am Nagel aufgehängt habe. Sie scheint mir aus gutem Brennholz gemacht zu sein. Wenn ich den ins Feuer werfe, bekomme ich eine wunderschöne Flamme für mein Abendessen."

Die beiden Marionetten zögerten, aber durch den Furcht einflößenden Blick ihres Herrn, gehorchten sie doch. Der unglückliche Pinocchio wand sie wie ein Aal und schrie verzweifelt: "Vater, rette mich! Ich will nicht sterben! Ich will nicht sterben!"

Feuerfresser, so hieß der Puppenspieler, war aber im Grunde seines Herzens kein böser Mensch. Wie er Pinocchio verzweifelt rufen hörte, bekam er Mitleid. Zuerst wehrte er sich gegen dieses Gefühl, doch dann gab er sich selbst nach und musste gewaltig niesen.

Als der Harlekin dieses Niesen hörte, strahlte er, bückte sich zu Pinocchio und flüsterte: "Gute Nachrichten, mein Bruder! Wenn der Puppenspieler niest, bekommt er Mitleid. Du bist gerettet!"

Dazu muss man wissen, dass der Feuerfresser, nicht wie andere Menschen zu weinen beginnt, wenn sein Herz gerührt ist. Nein, er muss niesen. Doch er spielte noch weiter den Grobian und schrie Pinocchio an: "Hör endlich auf zu heulen. Mir ist schon ganz elend im Magen. Beinahe wie…. Hatschi! Hatschi!", und er nieste jetzt zweimal.

"Gesundheit", sagte Pinocchio.

"Danke. Dein Vater und deine Mutter, leben die noch?", wollte Feuerfresser wissen.

"Mein Vater ja, aber eine Mutter habe ich keine."

"Gott allein weiß, was für großen Kummer dein alter Herr wegen dir ausstehen müsste, wenn ich dich in die glühenden Kohlen werfen würde. Er tut mir leid." Und mit diesen Worten nieste Feuerfresser bereits dreimal.

"Nein, ich werde dich verschonen. Gendarmen!", rief er plötzlich, "Greift den Harlekin da, bindet ihn ordentlich und werft ihn ins Feuer. Ich möchte endlich meinen knusprigen Hammel essen."

Der Harlekin bekam einen solchen Schrecken, dass ihm die Beine wegsackten und er zu Boden fiel. Bei diesem Anblick warf sich Pinocchio dem Puppenspieler vor die Füße und flehte ihn an: "Erbarmen, edler Herr Feuerfresser! Gnade für den armen Harlekin."

Doch Feuerfresser blieb hart und befahl den Gendarmen den Harlekin ins Feuer zu werfen. Aber er hatte seine Rechnung ohne Pinocchio gemacht. Der rief plötzlich: "Vorwärts Gendarmen, bindet mich fest und werft mich in die Flammen. Ich werde es nicht zulassen, dass mein Freund Harlekin für mich sterben muss!"

Diese heldenhaften Worte rührten nicht nur die Holzpuppen. Auch Feuerfresser fing wieder an zu niesen. Und nachdem er fünfmal geniest hatte, breitete er zärtlich die Arme aus und sagte zu Pinocchio: "Du bist ein prächtiger Junge! Komm zu mir und gib mir einen Kuss!"

Pinocchio lief herbei, kletterte wie ein Eichhörnchen am Bart des Puppenspielers hinauf und gab ihm einen herzhaften Kuss auf die Nasenspitze.

"Ihr seid alle begnadigt", seufzte Feuerfresser, "ich werde meinen Hammel eben halb roh essen müssen. Aber beim nächsten Mal hüte sich der, den es trifft…!"

Auf die Nachricht der Begnadigung liefen alle Holzpuppen zusammen und begannen zu singen und zu tanzen. Der Morgen graute bereits, als sie immer noch feierten.





Die Geschichten von PINOCCHIO von Carlo Collodi (1826-1890) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Carlo Chiostri (1863-1890) hergestellt.

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