LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Pinocchio überführt die Diebe

Zwei Stunden waren bereits vergangen, seit Pinocchio eingeschlafen war. Durch ein Flüstern wurde er aufgeweckt. Er steckte seine Nasenspitze aus der Hundehütte und sah vier kleine Tiere, die wie Katzen aussahen.

Aber es waren keine Katzen sondern Steinmarder, die es auf die Eier und das junge Geflügel abgesehen hatten. Einer der Marder trat an die Hütte und sprach leise: "Guten Abend, Melampo!"

"Ich heiße nicht Melampo, ich bin Pinocchio und vertrete den Wachhund, der heute früh gestorben ist."

"Gestorben? Das arme Tier! Er war so gutmütig. Aber so wie du aussiehst, werden wir und auch mit dir einig werden. Ich schlage dir dasselbe Abkommen vor, das wir mit Melampo hatten."

"Und was wäre das?"

"Wir kommen einmal in der Woche, holen uns acht Hühner. Eines davon bekommst du, dafür verrätst du uns nicht beim Bauer."

"Das hat Melampo gemacht?"

"Ja, und wir haben uns gut vertragen - du verstehst?"

"Nur zu gut!", antwortete Pinocchio und schüttelte drohend seinen Kopf.

Die vier Marder waren sich ihrer Sache aber ganz sicher und liefen schnurstracks in den Hühnerstall. Pinocchio ging ihnen hinterher und schlug das Gatter zu. Zur Sicherheit rollte er noch einen schweren Stein davor und begann laut zu bellen.

Der Bauern sprang aus dem Bett und fragte, was denn los wäre. Pinocchio erklärte aufgeregt, dass die Diebe im Hühnerstall wären. Und in der Tat, als der Bauer den Stall betrat, fing er die vier Marder und steckte sie in einen Sack.

Daraufhin streichelte er Pinocchio liebevoll, lobte ihn und fragte, wie er den Räubern auf die Spur gekommen war. Pinocchio beschloss, den toten Melampo nicht anzuschwärzen und verschwieg dessen Abkommen mit den Mardern. Er erzählte dem Bauern nur, was die Marder ihm angeboten hatten.

"Bravo, mein Junge", rief da der Bauer. "Du bist eine ehrliche Haut. Um dir zu zeigen, wie zufrieden ich mit dir bin, lasse ich dich frei. Du kannst nach Hause gehen."

Von der Last des Halsbandes befreit, rannte Pinocchio los und hielt nicht eher an, bis er die Landstraße erreicht hatte, die ihn zum Haus der guten Fee brachte. Auf der Wiese angekommen, hielt er Ausschau nach dem weißen Haus, aber es war nicht da. An dessen Stelle stand ein Schild, auf dem stand:

HIER RUHT DAS MÄDCHEN MIT DEM BLAUEN HAAR. ES STARB VOR SCHMERZ, WEIL ES VERLASSEN WURDE, VON PINOCCHIO, SEINEM BRÜDERCHEN.

Pinocchio musste die Worte mühsam zusammenbuchstabieren und als er es geschafft hatte, begann er zu weinen und bedeckte den kleinen Grabstein mit tausend Küssen. Er weinte die ganze Nacht und klagte laut: "Oh, meine liebe Fee, warum bist du tot? Ich war so böse und du so gut! Und wo mag nur mein Vater sein? Wenn ich ihn nur wiederfinden würde. Dann bliebe ich für immer bei ihm."

Pinocchio flehte und weinte, da erschien eine Taube und fragte ihn: "Kleiner Junge, was machst du hier?"

"Siehst du nicht, dass ich weine?", antwortete Pinocchio und wischte seine Tränen am Jackenärmel ab.

"Sag mir, kennst du eine Marionette, die Pinocchio heißt?"

"Pinocchio? Ich bin Pinocchio!", schrie die Holzpuppe.

"Dann kennst du wohl auch Geppetto?", fragte die Taube

"Und ob ich den kenne. Er ist mein Vater. Kannst du mich zu ihm führen? So antworte doch! Lebt er noch?"

"Geppetto hat dich über vier Monate gesucht. Da er dich nicht gefunden hat, beschloss er ein Boot zu bauen und dich in den fernen Ländern zu suchen. Du findest ihn ungefähr tausend Kilometer von hier am Ufer des Meeres."

"Tausend Kilometer? Ach, liebe Taube, wie schön wäre es, wenn ich Flügel hätte."

"Ich nehme dich mit. Setze dich auf meinen Rücken."

Und ohne weitere Worte schwang sich die Taube mit großen Flügelschlägen in die Lüfte. Sie flogen den ganzen Tag und als es Abend wurde sagte die Taube: "Ich habe großen Durst!"

"Und ich habe Hunger!", fügte Pinocchio hinzu.

Die Taube schlug vor, in einem Taubenschlag Rast zu machen. Sie fanden eine Schüssel mit Wasser und eine mit Linsen vor. Pinocchio, der Linsen noch nie leiden konnte, lernte jedoch in dieser Nacht, dass großer Hunger jede Abneigung überwindet und er stopfte sich mit Linsen voll, bis er beinahe platzte.

Nachdem sie gestärkt waren, flogen sie weiter und am nächsten Morgen erreichten sie das Ufer des Meeres. Die Taube setzte Pinocchio ab und flog so schnell davon, dass der Holzjunge sich nicht einmal mehr bedanken konnte.

Der Strand war voller Menschen, die alle auf das Meer hinausblickten und schrien und winkten.

"Was ist hier los?", fragte Pinocchio eine alte Frau.

"Ein armer Vater, der seinen Sohn verloren hat, ist in ein kleines Boot gestiegen, um ihn zu suchen. Aber das Meer ist heute sehr aufbrausend und das kleine Boot droht jeden Augenblick zu kentern."

Pinocchio sah in die Richtung, in der die alte Frau zeigte und erkannte den alten Geppetto in einer Nussschale. Riesige Wellenberge türmten sich auf und Pinocchio schrie und winkte ohne Unterlass. Es schien, als ob auch Geppetto ihn bemerkte, denn auch er winkte zurück.

Da rollte plötzlich eine riesige Sturzwelle heran und verschluckte das Boot. Die Menschen warteten mit angehaltenem Atem, aber es tauchte nicht mehr auf. Da gingen die Leute traurig in ihre Häuser zurück.

Auf dem Rückweg hörten sie einen verzweifelten Aufschrei. Sie sahen den Holzjungen, der von der Klippe ins offene Meer sprang und rief: "Ich werde meinen Vater retten!"

Das Holz, aus dem Pinocchio geschnitzt war, wurde vom Wasser getragen und so schwamm er beinahe wie ein Fisch. Er wurde von den Fluten mitgerissen und bald sahen die Menschen am Strand nichts mehr von ihm.

"Armer Junge!", sagten die Fischer und beteten leise für ihn.





Die Geschichten von PINOCCHIO von Carlo Collodi (1826-1890) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Carlo Chiostri (1863-1890) hergestellt.

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