LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Pinocchio wird ein Eselchen

Und was war das für eine Überraschung? Ich werde es euch verraten: Als Pinocchio aufwachte, wollte er sich am Kopf kratzen, wie er das tat bemerkte er… dass ihm über Nacht Ohren gewachsen waren, die so lange waren, wie ein Staubwedel.

Sofort suchte er einen Spiegel, um sich zu begutachten. Daraus blickte ihn sein Gesicht mit einem Paar prächtiger Eselsohren an. Pinocchio schämte sich zutiefst und begann zu weinen. Doch je verzweifelter er schrie, desto mehr wuchsen seine Ohren und bedeckten sich mit weichem Fell.

"Ach, ich Ärmster, ich Ärmster", schrie Pinocchio und packte sich mit beiden Händen an den Ohren. Er zerfloss vor Selbstmitleid. Da fiel ihm plötzlich sein Freund Docht ein und er wurde sehr wütend. Er streifte sich eine große Baumwollmütze über und machte sich auf die Suche.

Sein Freund war zu Hause und öffnete eilig, als Pinocchio klopfte. Stellt euch Pinocchios Gesicht vor, als er entdeckte, dass auch Docht sich eine übergroße Mütze aufgesetzt hatte. Bei diesem Anblick fühlte sich Pinocchio ein wenig getröstet.

"Wie geht es dir, mein lieber Docht?"

"Ausgezeichnet! Wie einer Maus im Parmesankäse!"

"Ist das dein Ernst?"

"Warum sollte ich dich belügen?"

"Entschuldige, aber warum trägst du diese Mütze?"

"Der Arzt hat sie mir verordnet, weil ich mir am Knie wehgetan habe. Aber sag mir, warum du auch eine Mütze trägst?"

"Der Arzt hat sie mir verordnet, weil ich mir einen Fuß aufgeschürft habe."

"Armer Pinocchio!"

"Armer Docht!"

Auf diese Worte folgte langes Schweigen. Sie musterten sich spöttisch. Bis Pinocchio seinen Freund fragte, ob er nicht auch seit heute Morgen ein Ohrenleiden hätte. Dieser bejahte und meinte, dass er sogar an beiden Ohren litt. Es begann ein Streit darüber, wer wem zuerst seine Ohren zeigte. Sie beschlossen, bei drei, gleichzeitig die Mützen vom Kopf zu nehmen.

"Eins, zwei, drei!"

Da geschah etwas Sonderbares. Statt sich zu schämen und in Tränen auszubrechen, begannen sie zu lachen. Sie lachten übermütig und amüsierten sich über die langen Ohren. Aber mitten im schönsten Gelächter, wurde Docht plötzlich ganz still. Er begann zu schwanken und wechselte die Farbe:

"Hilf mir Pinocchio! Ich kann nicht mehr gerade auf meinen Beinen stehen!"

"Ich auch nicht mehr", schrie Pinocchio auf und taumelte. Noch während sie das sagten, fielen sie vornüber und fingen an auf allen Vieren durchs Zimmer zu laufen. Sie rannten herum und ihre Arme wurde zu Eselsfüßen, ihre Gesichter verlängerten sich und bekamen Mäuler und ihr Rücken bedeckte sich mit einem dichten hellgrauen, schwarz gepunkteten Fell.

Und wisst ihr, wann der schlimmste Augenblick für die beiden Taugenichtse war? Als ihnen hinten am Rücken ein Schwanz wuchs. Sie schämten sich zutiefst und bejammerten ihr Schicksal. Doch was war das? Aus den Mäulern kam nur lautes "I-A, I-A!"

Da wurde an die Tür geklopft und eine Stimme von draußen rief: "Macht auf! Hier ist der Kutscher, der euch hergebracht hat. Macht auf, sonst wehe euch!"

Als nicht geöffnet wurde, trat das Männlein die Tür ein. Die Eselchen verstummten, ließen den Kopf und die Ohren hängen und zogen den Schwanz ein. Das Männlein streichelte sie, dann begann er sie zu striegeln. Das Fell begann zu glänzen und der Kutscher legte ihnen Zaumzeug an, um sie auf den Marktplatz zu bringen. Er würde für die beiden bestimmt eine hübsche Summe bekommen.

Und wirklich ließen die Käufer nicht lange auf sich warten. Docht wurde von einem Bauern gekauft und Pinocchio von einem Zirkusdirektor.

Nun habt ihr wohl erkannt, was das freundliche Kutschermännchen in Wirklichkeit für ein böses Ungeheuer war. Er sammelte von Zeit zu Zeit alle faulen Kinder ein, brachte sie ins Spielzeugland und wartete, bis zu kleinen dummen Eselchen wurden, um sie dann zu verkaufen.

Was aus Docht wurde, weiß ich nicht. Pinocchio aber hatte eine harte Zeit vor sich. Da er auch als Esel sehr wählerisch war, was sein Essen anging, bekam er von seinem neuen Herrn zwei kräftige Hiebe mit der Peitsche.

Der Hunger wurde irgendwann übermächtig und Pinocchio versuchte ein Maul voll Heu. Zu seiner Verwunderung stellte er fest, dass es gar nicht so übel schmeckte und fraß über Nacht alles auf. Am nächsten Morgen hatte er wieder Hunger, doch sein Herr sagte:

"Glaubst du, ich habe dich gekauft, um dich zu mästen? Du wirst hier arbeiten. Also los! Im Zirkus bringe ich dir bei, wie man durch Reifen springt und auf den Hinterbeinen Walzer und Polka tanzt."

Pinocchio blieb keine andere Wahl. In den nächsten drei Monaten lernte er all diese Dinge und bezog zahllose Peitschenhiebe. Doch dann war der große Tag gekommen. Auf bunten Plakaten, die überall klebten, war zu lesen:

GROSSE GALAVORSTELLUNG: Heute tritt zum ersten Mal das berühmte ESELCHEN PINOCCHIO, unser STERN DES TANZES auf. Das Theater ist taghell erleuchtet!

Das Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle waren gekommen, um das berühmte Eselchen zu sehen. Nach dem ersten Teil, trat der Zirkusdirektor vor das Publikum, machte eine tiefe Verbeugung und hielt eine feierliche Ansprache:

"Hochverehrtes Publikum. Heute Abend sehen sie das Ergebnis monatelanger Arbeit. Ich möchte Ihnen das Eselchen Pinocchio vorstellen. Bitte unterstützen sie es mit ihrem Applaus."

Die Zuschauer klatschen kräftig und als das Eselchen die Arena betrat, wurde der Applaus zu einem wahren Orkan. Pinocchio war festlich herausgeputzt. Hinter seinen Ohren steckten weiße Kamelien. Die Mähne war in Locken geteilt, die mit bunten Bändern gehalten wurden. Der Schwanz war von dunkelroten und hellblauen Samtbändern durchflochten. Kurzum, ein Eselchen zum Verlieben!

"Vorwärts Pinocchio! Im Schritt!", rief der Direktor.

Da sprang das Eselchen auf die Beine und lief rund um die Manege im Schritt. Mit dem jeweiligen Kommando steigerte der Direktor das Tempo bis zum Galopp. Als Pinocchio volle Geschwindigkeit hatte, ertönte ein Pistolenschuss, den der Direktor abgegeben hatte.

Das Eselchen tat so, als wäre es verwundet und fiel zur Seite. Das Publikum tobte, vor Begeisterung. Als Pinocchio wieder aufschaute, erkannte er in der Loge eine schöne Frau, die um den Hals eine dicke goldene Kette trug, mit einem Medaillon, auf das das Bild einer Holzpuppe gemalt war.

"Das ist ja mein Bild! Diese Frau ist die gute Fee!", wieherte Pinocchio. Voller Freude wollte er nach ihr rufen, aber es ertönte nur erbärmliches Eselsgeschrei. Die Zuschauer hielten sich vor Lachen die Bäuche.

Der Zirkusdirektor verpasste dem Eselchen einen Peitschenhieb auf die Nase, um es zu belehren. Als der Esel den Schmerz überwunden hatte, sah er erneut zur Loge - doch sie war leer! Die Fee verschwunden!

Pinocchio glaubte zu sterben. Seine Augen füllten sich mit Tränen und er weinte bitterlich. Aber niemand bemerkte es, nicht einmal der Direktor, der ihn mit der Peitsche zum Springen aufforderte. Beim Sprung durch den Reifen, blieb er mit den Hinterläufen hängen und fiel zur Erde. Als er aufstand, hinkte er stark.

Der Arzt, der am nächsten Morgen gerufen wurde, erklärte, dass das Eselchen sein restliches Leben lahmen würde. Da sagte der Direktor zum Stallburschen: "Was soll ich mit einem lahmen Esel. Bring ihn zum Markt und verkaufe ihn wieder!"

Wenig später gehörte Pinocchio einem Mann, der aus Pinocchio Fell eine neue Trommel für die Musikkapelle seines Dorfes machen wollte.

Und tatsächlich führte der Mann den Esel zu einer Klippe, band ihm einen großen Stein um den Hals und ein Seil an den Hinterhuf. Dann verpasste er ihm einen Stoß und Pinocchio fiel ins Meer. Der Mann setzte sich auf einen Felsen und wartete geduldig ab, bis der Esel ertrunken war, um ihm dann das Fell abzuziehen.





Die Geschichten von PINOCCHIO von Carlo Collodi (1826-1890) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Carlo Chiostri (1863-1890) hergestellt.

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