LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Pinocchio wird endlich ein Junge

Während Pinocchio eilig davonschwamm, bemerkte er, dass Geppetto heftig zitterte. Zitterte er vor Kälte oder vor Angst? Pinocchio meinte tröstend: "Nur Mut, Vater! In ein paar Minuten haben wir Land erreicht und sind gerettet!"

"Aber wo ist das gesegnete Land?", fragte der alte Mann, der immer unruhiger wurde. "Egal, wohin ich blicke, ich sehe nur Himmel und Meer."

"Ich kann schon Land erkennen", rief Pinocchio, "du weißt doch, dass ich so gut wie eine Katze sehe." Pinocchio versuchte Hoffnung zu verbreiten, doch allmählich verlor auch er den Mut. Seine Kräfte ließen nach und er keuchte. Er schwamm, so lange es sein Körper zuließ; dann sagte er zu Geppetto: "Mein lieber Vater… ich glaube… ich sterbe…"

Da ertönte eine Stimme, die wie eine verstimmte Geige klang: "Wer stirbt da?"

"Mein armer Vater und ich!"

"Diese Stimme kenne ich doch! Pinocchio, bist du es?"

"Ganz recht! Und du?"

"Der Thunfisch! Ich bin euch gefolgt und auf demselben Weg entkommen."

"Lieber Thunfisch, du kommst genau im richtigen Augenblick. Bitte hilf uns, sonst sind wir verloren."

Der Thunfisch freute sich, dass er Pinocchio und Geppetto helfen konnte. Er ließ die beiden sich an seiner Schwanzflosse festhalten und brachte sie in wenigen Minuten ans rettende Ufer. Pinocchio bedankte sich überschwänglich und gab seinem Freund, dem Thunfisch einen zärtlichen Kuss. Dieser wurde ganz verlegen und verschwand schnell im Meer, bevor jemand seine Tränen der Rührung sehen konnte.

Es war Tag geworden und Pinocchio bot Geppetto seinen Arm: "Stütz dich nur bei mir auf, mein lieber Vater. Wir werden langsam wie die Schnecken gehen und viele Pausen einlegen. Vielleicht finden wir irgendwo ein Haus, wo man uns etwas zu essen gibt."

Sie waren noch keine hundert Schritte gegangen, da entdeckten sie am Straßenrand zwei elende Gestalten. Es waren der Fuchs und der Kater, die kaum wiederzuerkennen waren. Stellt euch vor, der Kater, der sich so lange blind gestellt hatte, war wirklich blind geworden. Und der Fuchs war sehr gealtert, sein Fell von Motten zerfressen und er hatte nicht einmal mehr einen Schwanz.

"Ach Pinocchio", rief der Fuchs mit klagender Stimme, "hab Erbarmen mit zwei armen Kranken!"

"Zwei Kranken", wiederholte der Kater.

"Nichts als Heuchler seid ihr. Ihr habt mich belogen und betrogen. Es geschieht euch recht, wenn es euch jetzt so schlecht geht."

Nach diesen Worten gingen Pinocchio und Geppetto langsam weiter. Als sie wieder hundert Schritte getan hatten, erblickten sie inmitten von Feldern eine schöne Hütte aus Stroh mit einem Ziegeldach.

"Bestimmt wohnt hier jemand", sagte Pinocchio.

Sie gingen hin und klopften an die Tür.

"Wer ist da?", fragte eine dünne Stimme.

"Wir sind ein armer Vater mit seinem Sohn, ohne Brot und ohne Dach", antwortete Pinocchio.

Die Stimme hieß Pinocchio den Schlüssel zu drehen und einzutreten. Sie gingen ins Haus und sahen sich um. Aber niemand war da. Pinocchio rief, nach dem Hausherren und die Stimme leitete ihre Blicke zur Decke. Auf einem hohen Balken saß die sprechende Grille.

"Oh, mein liebes Grillchen", begrüßte Pinocchio sie höflich.

"Jetzt nennst du mich liebes Grillen, aber erinnerst du dich, wie du den Holzhammer nach mir geworfen hast, um mich aus dem Haus zu jagen?"

"Du hast Recht. Jage auch mich hinaus, aber bitte hab Mitleid mit meinem armen Vater…"

Die Grille hatte Mitleid, auch mit dem Sohn. Eigentlich wollte sie Pinocchio nur eine Lehre erteilen.

"Gefällt euch das Haus?", fragte die Grille. "Es wurde mir gestern von einer reizenden Ziege mit leuchtend blauem Fell geschenkt."

Pinocchio wurde ganz aufgeregt, und wollte wissen, wo die Ziege hingegangen sei. Leider hatte die Grille darauf keine Antwort. Sie wusste nur, dass die Ziege sehr traurig war. Sie hatte etwas von einem Wal erzählt, der den armen Pinocchio wohl gefressen hat. Dann war sie fortgegangen.

"Es war meine liebe kleine Fee", rief Pinocchio und schluchzte bitterlich. Als seine Tränen getrocknet waren, bereitete er für Geppetto ein Lager aus Stroh, damit er sich ausruhen konnte. Danach fragte er die Grille, ob er nicht für seinen Vater einen Becher Milch bekommen könne. Die Grille erklärte ihm den Weg zu einem Gärtner, der Kühe besaß.

Pinocchio lief zum Haus des Gärtners Giangio, der wollte ihm den Becher Milch allerdings für einen Groschen verkaufen. Verschämt wollte Pinocchio gerade wieder nach Hause laufen, als der Gärtner ihm anbot, für ihn Wasser aus dem Brunnen zu befördern.

Giangio erklärte der Holzpuppe den Gebrauch der Winde, die ein Triebwerk aus Holz war. Damit sollte Pinocchio einhundert Eimer Wasser heraufholen, für den einen Becher Milch. Ohne Zögern machte sich Pinocchio an die Arbeit. Und es war eine harte Arbeit. Der Schweiß lief ihm herab und er musste erkennen, dass er noch nie eine solch schwere Tätigkeit verrichtet hatte.

"Bis jetzt", erklärte der Gärtner, "hat mein Esel die Mühe gehabt, aber er liegt im Sterben."

Pinocchio wollte das Eselchen unbedingt sehen. Giangio führte ihn in den Stall. Dort lag ein völlig überarbeitetes Eselchen. Erschüttert stellte Pinocchio fest, dass er es kannte. Er beugte sich herunter und fragte in der Eselsprache: "Wer bist du?"

Der sterbende Esel schlug die Augen auf und antwortete: "Ich…bin… Docht…" Und daraufhin schloss er die Augen für immer.

"Woher kennst du ihn?", fragte der Gärtner den weinenden Pinocchio.

"Er war mein Schulfreund!"

"Du bist mit einem Esel zur Schule gegangen? Da musst du aber eine Menge gelernt haben", sagte Giangio und brach in schallendes Gelächter aus.

Beschämt ging Pinocchio mit seinem Becher Milch nach Hause. Ab diesem Tag stand er immer vor dem Morgengrauen auf und drehte die Winde, um für Geppetto einen Becher Milch zu bekommen. Mit der Zeit lernte er Körbe zu flechten und mit diesem Geld bestritt er den Haushalt. In den Abendstunden übte er Lesen und Schreiben.

Durch seinen guten Willen gelang es ihm sogar etwas Geld auf die Seite zu legen. Als er vierzig Groschen gespart hatte, wollte er in die Stadt, um sich endlich einen Anzug zu kaufen. Er verabschiedete sich vom Geppetto und machte sich fröhlich auf den Weg.

Da erblickte er eine schöne Schnecke, die aus der Hecke kroch.

"Erkennst du mich?", fragte die Schnecke.

"Ich glaube schon… bist du nicht die Schnecke, die Zimmermädchen bei der guten Fee war?" Die Schnecke nickte nur. Pinocchio bestürmte sie mit zahlreichen Fragen und wurde immer aufgeregter. "Antworte mir schnell, schönes Schneckchen!"

Die Schnecke antwortete in gewohnter Ruhe: "Mein lieber Pinocchio, die arme Fee liegt im Hospital."

"Im Hospital?"

"Leider! Sie wurde von so viel Unglück getroffen, dass die krank wurde. Jetzt besitzt sie nichts mehr und kann sich nicht einmal mehr ein Stückchen Brot kaufen."

"Arme Fee! Wie traurig mich das macht. Viel habe ich leider nicht, aber nimm diese vierzig Groschen. Davon wollte ich mir einen Anzug kaufen. Aber den brauche ich nicht, geh schnell und bringe der Fee das Geld."

Die Schnecke lief ganz gegen ihre Gewohnheiten so schnell davon wie eine Eidechse.

Zuhause angekommen, erklärte Pinocchio seinem Vater nur, dass er nichts Passendes gefunden hätte. Dann machte er sich an die Arbeit und flocht doppelt so viel Körbe und lernte doppelt so lange.

Erschöpft ging er zu Bett und schlief ein. Im Traum sah er die wunderschöne Fee. Sie gab ihm einen Kuss und sagte: "Braver Pinocchio! Zum Dank für dein gutes Herz vergebe ich dir deine Dummheiten. Kinder, die ihre Eltern so liebevoll unterstützen, wenn sie in Not sind, die verdienen ein großes Lob. Werde ein vernünftiger Junge, dann wirst du glücklich sein."

An dieser Stelle endete der Traum und Pinocchio riss die Augen auf. Stellt euch seine Verwunderung vor, als er feststellte, dass er keine Holzpuppe mehr war! Statt der Strohwände der Hütte befand er sich in einem hübsch eingerichteten Zimmer. Er sprang aus dem Bett und fand einen Anzug, der ihm perfekt passte.

Aus den Taschen seiner Jacke, zog er eine Geldbörse aus Elfenbein auf der stand: "Die Fee mit den blauen Haaren gibt ihrem Pinocchio seine vierzig Groschen zurück und dankt ihm für sein gutes Herz."

Er öffnete die Börse, doch statt der vierzig kupfernen Groschen, funkelten ihm vierzig Goldmünzen entgegen. Daraufhin ging Pinocchio zum Spiegel und betrachtete sich. Ein kluges, munteres Gesicht mit kastanienbraunem Haar und blauen Augen blickte ihm entgegen.

Angesichts all dieser Wunder, wusste Pinocchio nicht mehr, ob er wachte oder träumte. "Aber wo ist mein lieber Vater?" Er ging ins Nebenzimmer und traf auf den alten Geppetto, der gesund und rüstig war, ganz wie früher.

"Mein Vater, wie kommt es, dass es dir so gut geht und alles ganz verändert ist?", rief Pinocchio, fiel seinem Vater um den Hals und bedeckte ihn mit Küssen.

"Ich will es dir erklären. Wenn böse Jungen gut werden, haben sie die Gabe, alles um sich herum zum Positiven zu verändern."

"Und wo hat sich der Holzpinocchio versteckt?"

"Da ist er", antwortete Geppetto und zeigte ihm eine große Marionette, die in einem Sessel lag. Die Gliedmaßen hingen herunter, der Kopf zur Seite gedreht.

Pinocchio betrachtete sie eine Weile, dann meinte er: "Wie töricht ist doch als Holzpuppe war! Und wie glücklich ich nun als richtiger Junge bin!"

Ende!


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Die Geschichten von PINOCCHIO von Carlo Collodi (1826-1890) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Carlo Chiostri (1863-1890) hergestellt.

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