LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Götterdämmerung

Nach dem gewaltsamen Tod von Baldur, Odins und Friggas Sohn, herrschte lange Zeit große Trauer im Reich der Asen. Nichts war mehr so wie zuvor. Nur die bösen Riesen, die Unholde und verwachsenen Zwerge freuten sich über den Tod des jungen Gottes, denn seit dem Erlöschen des Sonnenglanzen nahm mehr und mehr die Macht der Finsternis Gewalt über das Reich. Und das kam diesen fürchterlichen Gestalten sehr entgegen.

Auch Odin nahm die Zeichen des Bösen wahr – und konnte doch nichts dagegen tun. So sah er, wie die Blätter der Weltesche Yggdrasil welk wurden und die Asen selbst zu altern begannen. Das lag daran, dass die schöne Iduna, die Göttin der Jugend Yggdrasil nicht mehr mit Met tränkte, der die Weltesche am Leben erhielt.

Iduna war Odins Schwiegertochter, denn sie hatte seinen Sohn Bragi geheiratet. Der besaß die Gabe der Weisheit und konnte wundervoll dichten. Wenn er im Kreise der Götter seine Harfe und seine Verse erklingen ließ, dann hingen alle wie gebannt an seinen Lippen und wollten mehr und mehr von diesem göttlichen Gesang hören. Und so sehr die Asen Bragi liebten, so sehr liebten sie auch seine Ehefrau Iduna, deren Name „Immergrün“ bedeutet und deren Met die Gabe besaß, ewige Jugend zu schenken.

Als Odin nun sah, was mit seinem Reich geschah, setzte er alle Hoffnung auf Iduna. Er schickte Boten nach ihr aus, doch die kamen mit der traurigen Kunde zurück, dass die schöne Göttin verschwunden sei. Auch Hugin und Munin, Odins Raben, suchten nach Iduna. Es gelang ihnen, die Spur der Göttin aufzunehmen. Doch was sie erfuhren, war alles andere als positiv für Odin und sein Reich: Iduna, jene Göttin, auf die der Göttervater all seine Hoffnung gesetzt hatte, lebte nun im Totenreich von Hel – und von dort, das wusste jeder nur zu genau, gab es kein Entkommen mehr. Aber Odin erfuhr nicht nur vom Tod seiner Schwiegertochter. Auch Bragi, sein Sohn, weilte im Reich des Todes, er war seiner Frau freiwillig dorthin gefolgt.

Nun gab es keine Hoffnung mehr. Den Geschöpfen der Erde entschwand die Lebenskraft, die Weisheit in Mimirs Brunnen versiegte.

Odin wusste, was nun passieren würde. Er sah ganz deutlich, dass mit dem Tod des jungen Baldurs, Gott des Lichts, und des Tods von Iduna, die ewige Jugend schenken konnte, das Schicksal seinen Lauf genommen hatte. Nachts hörten Odin und die anderen Asen das Furcht erregende Heulen des Fenriswolfes. Denn auch Lokis Sohn spürte, dass bald seine Zeit kommen werde.

Durch Baldurs Tod hatte die Sonne ihren Glanz verloren, ihre Wärme versiegte nach und nach und ein eisiger, kalter Winter zog ins Land. Dieser grauenvoll harte Fimbulwinter brachte Schneegestöber und starken Frost, rauhe Winde tobten – und er wollte und wollte einfach kein Ende mehr nehmen.

Doch der Winter war nicht nur in der Natur eingezogen. Auch die Herzen der Menschen und Götter wurden eiskalt. Sie führten Kriege, Brüder töteten Brüder, Frauen betrogen ihre Männer, Männer ihre Frauen. Neid, Habgier, Mord und Totschlag standen auf der Tagesordnung.

Mit großer Sorge beobachteten die Götter im hohen Asgard, was um sie herum geschah. Doch selbst wenn Thor seinen mächtigen Hammer gegen die Riesen warf, so konnte er ihnen nichts anhaben, denn eine kalte Wand, entstanden in diesem harten Winter, schütze die Riesen vor allen Angriffen.

Auch Odins Ritt zu Mimir, dem Weisen, verfehlte sein Ziel, denn der Brunnen der Weisheit war durch den kalten Sturm in unglaubliche Wallungen Sturm geraten. Und Mimir? Der stand ohne Hoffnung daneben.

Da sah auch Odin nur noch eine einzige Chance. Er ritt nach Walhall zurück und rief die Götter zum Kampfe. Der hellrote Hahn auf Asgards Dach begann zu krähen, und mit lautem Gekrächze antwortete der dunkelrote Hahn, der auf dem Dach des Totenreichs der Hel saß. Die Midgardschlange erhob ihr Haupt aus den Fluten des Meeres, was dazu führte, dass der Schutzwall um Midgard brach.

Und die Menschen? Die flohen in die Berge und verbargen sich in Höhlen, denn nun hatte es auch der Fenriswolf, Lokis in Ketten gelegter Sohn, geschafft, sich zu befreien. Sein Maul berührte gleichzeitig Himmel und Erde, sein Rachen verschlag die Sonne und den Mond, so dass nur noch Finsternis herrschte.

Befreien konnte sich auch Loki, der nun die Riesen um sich versammelt hatte, um Rache zu nehmen. Auf einem großen Schiff war er über das tosende Meer gekommen. Dieses Schiff, er nannte es Naglfari, war ein echtes Nägelfahrzeug, das aus Finger- und Zehennägeln der Toten erbaut worden war.

Dann brach er endgültig und unausweichlich herein, der Tag der Entscheidung, der Tag, der alles änderte. Zuerst zerbrach der Himmel und gab alle Söhne Muspelheims frei, die von ihrem Anführer Surtur, dem Urweltriesen, auf das Schlachtfeld der Finsternis geführt wurden.

Als das Gillarhorn, das man auch noch in den entlegensten Winkeln der Erde hören konnte, zum dritten Mal ertönte, stürmten Götter und Helden aus Walhalls Toren, die sich weit geöffnet hatten. An der Spitze ritten Odin, der Walvater, in glänzender Rüstung und goldenem Helm, neben ihm Gungnir, der in der Faust seinen Speer trug.

Die letzte Schlacht begann. Wodans Waffe wütete unter den Riesen und Thors Hammer fuhr wie ein Blitz in die Reihen der Unholde. Doch Lokis Sohn, den Fenriswolf, schlug den Asen böse Wunden. Er verbreitete großen Schrecken auf Wigrid, der Walstatt des Weltenringens. Und Fenriswolf selbst? Der schien unverwundbar gegenüber den Waffen der Götter zu sein.

So geschah, was wohl geschehen musste: Loki und Heimdall töteten sich gegenseitig. Thor erschlug mit seinem göttlichen Hammer die Midgardschlange. Doch noch ehe er sich über seinen Sieg freuen konnte, riss der letzte, giftige Atemzug der riesigen Schlange ihn selbst in den Tod.

Tyr tötete Gram, den Höllenhund. Denn während dieser dem Kriegsgott die Kehle zerfleischte, führte Tyr mit seinem Schwert den Todesstoß gegen das Untier und beide starben in derselben Sekunde.

Odin selbst hatte sich den Fenriswolf als Gegner gesucht. Doch dessen ungehemmte Kraft warf den Göttervater zu Boden – und so verschlang schließlich der Weltenwolf Walvater! Widar, Odins Sohn, eilte aus Rache herbei. Er tötete den Wolf – doch das Ende des Geschlechts der Asen war mit Odins Tod besiegelt!

Schließlich stand die ganze Welt in Flammen, denn Surtur, der Anführer der Söhne Muspelheims, hatte das Feuer gelegt. Die Gier der Flammen fraß alles auf, was sich ihr in den Weg stellte. Zum Schluss des fürchterlichen Spektakels öffnete Hel die Tore zum Reich der Toten und nahm diese bei sich auf.

Die Sonne wurde schwarz.

Die Erde versank.

Die Sterne fielen vom Himmel.

Und Yggdrasil, der Weltenbaum, brach zusammen, folgte Menschen und Göttern in ihr Grab.

Doch niemand muss nun traurig sein. Denn die Sage kennt ein gutes Ende. Mit dem Weltenbrand ist längst nicht alles zu Ende. Das Feuer hat alles bereinigt, alle Schuld wurde gesühnt. Nun kann das goldene Zeitalter, das einst im Himmel und auf Erden herrschte, wieder neu anbrechen.

Später wird man sagen, ein einziger Weltentag sei vergangenen, ein neuer angebrochen. Aus dem Meer, das die Asen einst verschlang, entsteht eine neue Erde. Unschuld und Friede herrscht überall. Vollkommenes Glück.

Die Sonne hat eine Tochter geboren, die genau so schön ist wie die Mutter es einst war. Nur zwei kleine Wesen haben das Toben des Weltuntergangs überstanden: Lif und Lifthrasir, das Leben und die Lebenskraft. Sie hatten sich unter den Wurzeln der Weltesche verborgen und dort Schutz gesucht. Aus diesen beiden unschuldigen Kindern erwächst nun ein neues Geschlecht, das die Erde bewohnbar machen wird.

Sogar ein neues Asgard entsteht, denn Baldur und sein blinder Bruder Hödur können Hels Totenreich entsteigen. Auch Thors Söhne, die später den Hammer ihres Vaters auf dem Schlachtfeld finden werden, nehmen ihre Plätze auf den goldenen Stühlen der Götter ein.

Alle haben ein neues Ziel vor Augen. Sie wollen nicht mehr die Eis- und Frostriesen zermalmen, denn den Riesen ist die Wiedergeburt nicht gelungen. Sie wollen Thors Hammer nun nur noch für das Gute in der Welt einsetzen.

Von jetzt an herrscht Friede in den himmlischen Höhen.





Die DEUTSCHEN SAGEN wurden von Martina Meier für den Lesekorb nacherzählt.

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