Was sie nie vergessen

Fortune la Pearle bahnte sich seinen Weg durch den Schnee. Er, der Spieler, hatte gerade im Kasino einen Mann getötet, hatte ihn mit seinem Messer niedergestochen. Nun war er auf der Flucht vor den Leuten, die aus Zelten, Hütten und Tanzlokalen kamen, um ihn zu verfolgen. Die Rufe der Männer und das Heulen der Hunde trieben ihn immer mehr an. Er lief, und die Geräusche wurden undeutlicher. Aber ein Schatten heftete sich an seine Fersen.

Fortune la Pearle rannte völlig erschöpft weiter. Manchmal meinte er, entkommen zu sein. Dann verlangsamte er seine Schritte, weil ihm das Herz so wild hämmerte, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Sein Atem ging kurz und schwer, als sollte er ersticken. Doch immer wieder tauchte der Schatten aus der Dunkelheit auf und zwang ihn weiterzulaufen.

Fast ohnmächtig blieb er plötzlich stehen, machte hastig kehrt und holte seine rechte Hand aus dem Fäustling, in der ein schussbereiter Revolver funkelte.

"Schieß nicht! Ich habe kein Gewehr!"

Der Schatten war jetzt sehr nahe, und Fortune la Pearles Knie zitterten, als er die menschliche Stimme vernahm.

"Warum bist du dann hinter mir her, zum Teufel noch mal?", fragte der Spieler und senkte seinen Revolver.

Der Mann, Uri Bram, zuckte die Achseln. "Das ist egal. Ich will, dass du mit mir kommst, in meine Hütte am Rande des Lagers!"

"Wer bist du? Und wer bin ich, dass ich mich auf deinen Befehl in deine Hand begeben soll?"

"Ich bin Uri Bram", sagte der andere einfach. "Ich weiß nicht, wer du bist, aber du hast einen Menschen getötet. Dein Ärmel ist rot von Blut. Du wirst keine Stätte finden, wo du zur Ruhe kommen kannst. Ich habe eine Hütte."

"Halt das Maul!", fiel Fortune la Pearle ihm ins Wort. "Tausend Mann sind hinter mir her, suchen mich, was soll ich da mit deiner Hütte? Ich will weg von hier, weg! Ich habe das Leben satt!"

Da ergriff Uri Bram wieder das Wort, der eigentlich nie viel sprach.

"Deshalb erzähle ich dir ja von meiner Hütte. Ich kann dich dort verstecken, dass sie dich nie finden. Ich habe viel Proviant. Sonst entkommst du nie! St. Michael ist die nächste Poststation, und dort posaunen sie die Neuigkeit aus, ehe du da bist. Ebenso steht es mit dem Hafen von Anvik. Nein, du hast nicht die geringste Möglichkeit. Es ist besser, du bleibst bei mir, bis wieder Ruhe einzieht. Ehe ein Monat vergangen ist, haben sie dich vergessen, und du kannst direkt vor ihrer Nase losziehen, ohne dass sich jemand darum kümmert. Ich habe meine eigenen Ideen in Bezug auf Gerechtigkeit."

Der Mörder zog schweigend ein Gebetbuch aus der Tasche. Beide Männer entblößten ihre Köpfe und fassten mit bloßen Händen das heilige Buch an. Fortune la Pearle ließ Uri Bram das, was er gesagt hatte, beschwören. Und Uri Bram dachte nicht daran, diesen Eid jemals zu brechen.

In der Tür zur Hütte zögerte der Spieler einen Augenblick, von Zweifeln erfüllt. Als das Licht angezündet wurde, sah er, dass es eine sehr gemütliche Hütte war. Er drehte sich eine Zigarette, und der andere kochte Kaffee. Dabei beobachtete er Uri Bram. Die Furchen in seinem Gesicht waren tief, fast wie Narben, und nicht die geringste Spur von Sympathie oder Humor milderte die harten Züge. Die Augen schimmerten kalt und grau unter dichten, buschigen Brauen. Unter den hohen Backenknochen lagen tiefe Höhlen, die dem Gesicht etwas Abstoßendes verliehen. Dieser Mann konnte sicher schonungslos sein! Alles war hart und barsch - die Nase, die Lippen, die Stimme, der Zug um den Mund.

Dieses Gesicht zeugte davon, dass hier ein Mann war, der viel allein lebte und andere Menschen nicht um Rat fragte.

"Hilf mir, Mann", sagte Uri, als sie ihre Tassen geleert hatten. "Wir müssen uns auf Besuch vorbereiten."

Sie bauten ein Versteck, in dem Fortune liegen konnte, ohne dass ihn jemand sah.

In den folgenden Wochen erschienen mehrere Besucher. Keine Hütte und kein Zelt entgingen dieser Untersuchung, aber am allerwenigsten vermutete man den Mörder in dieser Hütte.

Fortune faulenzte, rauchte zahllose Zigaretten und gewöhnte sich schnell an Uris Schweigsamkeit. Sie sprachen kaum miteinander und wenn, dann nur mit wenigen Worten. Manchmal machte Fortune die Einsamkeit aber doch zu schaffen. Dann legte er stundenlang Karten, träumte von Lokalen und Kasinos und klagte über sein bisheriges Leben. Ihm war klar, dass Uri und er nichts gemeinsam hatten, und er fragte sich oft, warum dieser ihm geholfen hatte.

Aber schließlich war das Warten zu Ende. Eines Nachts half Fortune Uri die Hunde vor den Schlitten zu schirren und alles Gepäck festzuzurren. Dann folgten sie der winterlichen Schlittenspur südwärts übers Eis. Bei St. Michael bogen sie nach Osten landeinwärts ab und erreichten schließlich den Yukon bei Anvik. Von dort aus ging die Reise immer weiter. Sie überschritten den nördlichen Polarkreis, und Uri erklärte Fortune den Sinn dieser ermüdenden Reise damit, dass er bei Eagle einige Claims und Arbeiter habe.

An dem Morgen, als sie in Eagle ankamen, waren sie früh auf den Beinen. Es war die letzte Nacht, die sie gemeinsam im Zelt verbracht hatten. Jetzt sollte jeder seines Weges gehen.

Fortune war es sehr leicht ums Herz. Die Freiheit war nahe, die Sonne kehrte wieder und mit jedem Tag kam er der großen Welt draußen näher. Beim Frühstück pfiff er und sang fröhliche Lieder.

Als Uri mit dem Packen seines Schlittens fertig war, zog er einen Baumklotz ans Feuer und setzte sich.

"Hast du je vom ‚Weg der toten Pferde' gehört?"

Er blickte auf, und Fortune schüttelte den Kopf. Er war wütend über die Verzögerung.

"Es geschieht zuweilen, dass man Leute unter Verhältnissen trifft, die man nie vergisst", fuhr Uri fort. Er sprach leise und langsam. "Unter solchen Verhältnissen traf ich einmal einen Mann auf dem ‚Weg der toten Pferde'. Dieser Weg hat seinen Namen bekommen, weil haufenweise Pferde da liegen und verwesen. Der Weg führt über den weißen Pass, und die Pferde sterben beim ersten Frost wie die Fliegen. Sie stürzen neben der Schlittenbahn oder sie gehen durch; sie ertrinken im Fluss mit ihrer Last auf dem Rücken oder zerschmettern an den Steinen; sie brechen sich die Beine in den Spalten und den Rücken, wenn sie sich mit ihrer Last überschlagen; sie versinken im Morast oder ersticken im Schlamm.

Dort war es, wo ich einen Mann mit einem Herzen und einer Geduld wie Christus fand. Ruhte er aus, so nahm er auch seinen Pferden die Last ab. Er kaufte gutes Futter für sie und nahm sein eigenes Bettzeug, um ihnen den Rücken zu verbinden, wenn sie sich wund geritten hatten. Seinen letzten Dollar verwandte er für Hufeisennägel.

Ich weiß das alles so genau, weil wir im gleichen Bett schliefen, aus dem selben Topf aßen und schließlich Brüder wurden. Alles tat er auf dem schwierigen Weg für seine Pferde, aber schließlich kamen wir an eine Stelle, wo es kein Weiterkommen mehr gab. Ein Mann bot uns fünftausend für unsere Pferde, aber er wollte ihnen die Qualen ersparen. Er teilte die Pferde zwischen uns auf, und wir verstanden uns ohne Worte. Wir nahmen unsere Büchsen und erschossen sie.

Der Mann, mit dem ich Brüderschaft geschlossen hatte auf dem ‚Weg der toten Pferde', war - "

"Ja, der Mann war natürlich John Randolph, den ich getötet habe." Fortune beendete den Satz für ihn.

Uri nickte und sagte: "Es freut mich, dass du mich verstanden hast."

Fortune meinte, dass Uri ihn nun töten würde. "Ich bin bereit! Los! Aber mach schnell!"

Uri Bram erhob sich. Er erklärte, dass er sein ganzes Leben an Gott geglaubt habe und dass dieser nun entscheiden soll. Beide sollen sie die gleiche Chance haben.

Fortunes Herz klopfte vor Freude bei diesen Worten, denn er glaubte an sein Glück.

Uri sagte, dass sie nacheinander schießen würden, da sie nur eine Waffe haben. Die Karten sollten entscheiden, wer beginnt. Uri hatte nicht einen einzigen Trumpf, Fortune hatte ein As und eine Zwei.

"Wenn du mich triffst, sind Hunde und Ausrüstung dein. Du wirst in meiner Tasche eine ausgefertigte Übertragungsurkunde finden", erklärte Uri.

Fortune zielte. Er war sehr vorsichtig. Schließlich fasste er den Revolver mit beiden Händen und drückte ab. Uri drehte sich halb herum, hob beide Arme und sank in den Schnee. Fortune wusste, dass er ihn zu weit seitlich getroffen hatte - sonst hätte der Mann sich nicht gedreht.

Als Uri mühsam wieder auf die Füße kam, hätte Fortune am liebsten noch einmal geschossen, aber er schob den Gedanken von sich. Betrog er jetzt, so würde ihn das Glück bei einer anderen Gelegenheit verlassen. Außerdem war Uri schwer verwundet und konnte unmöglich den schweren Revolver so lange halten, um richtig zielen zu können.

Uri wankte wie ein Betrunkener, hob den schweren Revolver mit zwei Händen, wartete eine kurze Pause zwischen zwei Windstößen ab und schoss. Fortune drehte sich nicht. Sein Leben, das er nicht genutzt hatte, war zu Ende.